Sonntag, 13. November 2016

Die Portraits - Kenotaphe für die Ewigkeit


Ein grauer Wintermorgen. Reif liegt auf den Sträuchern vor dem alten Backsteinhaus mit dem runden Turm, krächzende Raben fliegen um den qualmenden Schornstein. Die Welt versinkt im Eis und schläft ihren seligen Schlaf. Niemand sollte  an solch einem kalten, tristen Tag länger als nötig vor die Tür gehen. 
Doch in dem alten Backsteinhaus auf dem Hügel am Rande des Dorfes regt sich Leben. Dort lebt seit jeher die Hexe.  Sie pflückt in ihrem Garten die letzten, zu Eisskulpturen erstarrten, schwarzen, trockenen Rosen vom Strauch. Mit einem schwarzen Schultertuch, einem bodenlangen schwarzen Kleid bekleidet, kniet sie vor dem Strauch, während sie bedächtig jede Rose einzeln zärtlich in ihre Hand nimmt. Ihr Atem bildet Nebelwölkchen in der kalten Natur.
Schwarze Rosen, die Symbole der Vergänglichkeit und Schönheit, rankten schon immer vor ihrem Haus, als wollten sie die Hexe und ihr Heim schützen. Das Haus gleicht einer Festung, die das Dorf überstrahlt und überwacht, indem es fest und unerschütterlich über ihm empor ragt.
Die Hexe haust dort abgeschottet und allein. Nur die Fotos an den Wänden ihres Hauses leisten ihr Gesellschaft. Schwarz-weiße Portraitfotografien schauen auf sie herab, wo auch immer sie sich im Haus bewegt. Aber nicht nur Fotografien hängen an den Wänden, sondern auch lang vergilbte Erinnerungen, Blicke und Emotionen. Niemand wird je davon erfahren, wie all diese Portraits der unterschiedlichsten Menschen einen Platz an ihren Wänden fanden. Nur die Fragen bleiben. Die Fragen nach den Leuten, die in all den Jahren aus dem Dorf verschwanden und nie wiederkehrten. Wie der nette Herr, der in der vergangenen Woche noch auf dem Markt stand, um Gemüse zu kaufen. Seitdem ward er nicht mehr gesehen.

„Steh still, Geliebter. Posiere für mich. Für die Ewigkeit. Ja, lächle. Lächle zu mir. So ist´s gut.“




An manchen Tagen konnte man beobachten, wie sich einzelne Personen auf den Weg hinauf auf den Hügel zu dem alten Backsteinhaus der Hexe machten. Niemand verfolgte genauer, warum sie dort hinauf liefen. 
An anderen Tagen kam es vor, dass die Hexe plötzlich im Dorf auftauchte. Sie stand in den Straßen und beobachtete ihre Umgebung.
Einmal war auch ich der Hexe im Dorf begegnet. Ihre Augen durchbohrten und verfolgten mich. Graue Augen, leuchtend hell, wie die eines Tieres, die des Nachts von Autoscheinwerfern angestrahlt werden. Ihr Blick war unheimlich. So unheimlich, dass man nicht anders konnte, als ihm standzuhalten, sich von ihm leiten und verführen zu lassen. Sie schien der Abgrund in persona zu sein, den alle Menschen gemeinhin fürchten. Der Abgrund des Verlangens, sich in die Arme des Todes fallen zu lassen, wie in einen tiefen, schwarzen, nie enden wollenden Abhang.
Auch ich bin ihrem Blick erlegen. Zu stark war der Sog, den er auf mich ausübte. Ich stieg, es war im Sommer, ich weiß es noch wie heute, den steilen Hügel hinauf. Ich hatte keinen wirklichen Grund, zur Hexe hinaufzugehen. Weder waren wir verabredet, noch musste ich Erledigungen für sie tätigen. Einzig meine Neugierde nach dem Ungewissen, Dunklen trieb mich an.
Vorbei an Dornensträuchern voller blühender rosa-weißer Rosen, deren tiefere und zugleich abstoßend wahnwitzige Bedeutung mir erst viel später bewusst wurden, die den gesamten Weg hinauf zu ihrem Haus zäumten, als wäre dies ein Labyrinth, welches man erst einmal durchqueren muss, um zu ihr zu gelangen. Immer wieder kratzten meine Beine an den Dornen entlang, die sich nach mir auszustrecken schienen, um mich greifen und verschlingen zu wollen. Es schien mir damals, als läge eine geheime Macht auf dem gesamten Hügel, die mich trotz der Schwierigkeiten, den Weg zu beschreiten, zu ihr zog.
Doch was tat ich bloß? Nun, hier hinter Glas, kann ich sehen, was geschehen ist. Spinnen krabbeln an mir herauf und umspinnen mich und ihr Geheimnis, das sie um all ihre Portraits gesponnen hat. Ich sehe die anderen Fotos und ich weiß, wohin die Menschen verschwunden sind. Sie sind hier. Um mich herum. Starr und still hängen sie an den Wänden.


 

„Steh still, Geliebter. Posiere für mich. Für die Ewigkeit. Ja, lächle. Lächle zu mir. So ist´s gut.“

Ich weiß, was mit dem netten Mann geschah, der vor ein paar Stunden an diesem kalten Wintermorgen aus unserem Dorf verschwand. Er hängt zwischen den Spinnweben, die die Vergangenheit zeichnen. Er kam in ihr Haus, er sah in ihre Augen und auch er konnte ihr nicht widerstehen. Ich erinnere mich, er war nett zu mir, er grüßte mich, als wir uns vor langer Zeit auf der Straße begegneten. Immer lächelte er, pfiff ein Lied oder sang vor sich hin. Doch nun starrt sein lebloser Blick mich an. In seinen Augen ein ermatteter Glanz, der einst leuchtete. Er lächelt noch immer. Gefangen hinter Glas.

Sie hat ihm schöne Augen gemacht, damals schon, bis er heute morgen seiner Erinnerung an ihr Antlitz folgte, den Dornenweg der längst verblühten Rosen entlang, an ihren großen Tisch ins Esszimmer, umgeben von Fotos und Büchern. Schwere Bücher über das Leben, die Liebe, den Tod. Er sah sie an, sie sah ihn an. Eine ganze Weile ging das so. Er war entzückt von ihr. Berauscht, bevor sie ihn berauschen konnte mit dem purpurnen Wein, der im Kelch vor ihm stand. Er trank daraus und sie wurde noch schöner für ihn. Sie umschmeichelte ihn mit freundlichen Worten. Wieder und wieder. Er, allein wie sie, glaubte, sie gefunden zu haben. Selbst wenn es nur für diesen einen Tag war. Ein Tag für die Erinnerung, süß und voll Lebendigkeit.

„Steh still, Geliebter. Posiere für mich. Für die Ewigkeit. Ja, lächle. Lächle zu mir. So ist´s gut.“

Sie nahm ihn bei seiner Hand und führte ihn vor die mit schwarzem Stoff behangene Wand. Ihr Hintergrund, der alles sieht, alles aufnimmt und die Blitze zurücksendet, die sie aussendet.
Er strich sich über sein Haar, stellte sich in Position, so wie sie ihn anwies es zu tun und lächelte. Für sie und für das, was danach kam. Sie brachte ihren Daumen auf dem Auslöser in Position, während ihr Blick ihn zu durchbohren schien. Dann verschwand sie unter dem Tuch, das das Licht abhält und die Außenwelt abschottet. Sie sah ihn, verkehrt herum. Elegant in seinem Anzug stand er vor ihr, ein feiner Herr, gebildet, beliebt. Vielleicht wäre er ein toller Ehemann und Vater geworden, mit einer Ehefrau so mild und lieb. Doch dieses Vielleicht wird für immer eine Ahnung, ein Wunsch, ein Traum bleiben, denn dieses Vielleicht sollte das Leben danach nie erreichen. 
Ein Blitz zuckte auf, grelles Licht blendete seine Augen. Er sah nichts, Schmerz durchfuhr seine Augäpfel. Ein Schrei erklang aus seinem Mund, während er taumelnd zu Boden sank und dabei die schwarzen Rosen mit sich riss, die auf dem kleinen Tisch in einer Vase neben ihm standen und heute morgen von ihr gepflückt worden waren. Er brach zusammen, bedeckt mit hunderten schwarzen Rosenblättern.

Ja, jedes Foto in diesem Haus ist ein Kenotaph, geschaffen von ihr, der Hexe. Wer in das Licht des Blitzes sieht, wird für immer ihr gehören. Alles, was sie dafür braucht, ist ein Lächeln des Menschen, der sein Leben für sie gibt, dann, wenn er am hellsten strahlt und als Letztes ein abschließender Blick von ihr in die Seele dieses Menschen.

„Steh still, Geliebter. Posiere für mich. Für die Ewigkeit. Ja, lächle. Lächle zu mir. So ist´s gut.“

Mit jedem Betätigen des Auslösers ihrer Kamera nimmt sie einen Menschen mit in die ewige Verdammnis, ihre Verdammnis, dessen Verdammnis. Der Mensch, das Objekt ihrer Obsession, wird hängen. An einer ihrer meterhohen Wände, eingezwängt in flache Rahmen. Formlos, leblos.
Sie, die Hexe, verbannt aus der Unterwelt in die Welt der Lebendigkeit. Eine Welt, die ihr so fremd ist und doch so schillernd und erstrebenswert erscheint. Sie begreift diese Welt nicht, doch sie mag das Lachen, die Trauer, die Entrüstung und all die anderen Emotionen, die sie an den Körpern und Gesichtern der sie umgebenden Menschen ablesen kann. Sie möchte sie in sich aufnehmen, spiegeln, sich in ihnen baden und für immer in sich bewahren. Doch ihr Blick allein reicht dafür nicht aus. Sie benötigt einen Konservator. Diesen Konservator hat sie in ihrer Kamera gefunden. Sie fängt die menschliche Gestalt ein und presst sie auf beschichtete Glasplatten. Dann zieht sie sich zurück, in ihre Dunkelkammer und erweckt das Antlitz ihres Objektes auf Papier wieder zum Leben. Ein Leben, das nie gelebt, sondern still erduldet wird, während die menschliche Hülle im angrenzenden, verwitterten und ungenutzten Wartturm ihrer Verwesung entgegenstrebt. 
Wer versucht, der Hexe zu entkommen, wird nie eine Chance haben. Sie hat die Menschen schon zu ihren Objekten erkoren, als diese noch nicht einmal ahnten, dass sie es je sein werden. Sie sperrt sie in die Kerker ihres Blickes, der versteinert, kalt und feucht ist. Ihr Blick ist zum Gefängnis geworden, aus dem es kein Entrinnen gibt.
Jedoch wird niemand je in ihrem Blick die Menschen finden, die aus unserem Dorf verschwanden.

Sie kam aus dem Nirgendwo in unser Dorf, sie wird in das Nirgendwo verschwinden, dann, wenn sie vollgesogen ist von den Seelen der Menschen, die ihr am attraktivsten erschienen, um sie mit in ihre Welt zu nehmen.

Und ich? Ich habe alles selbst erlebt. Auch ich saß an dem großen Tisch, auch ich wurde berauscht. Nicht mit Wein, aber mit Geschichten, die sie wunderbar zu erzählen verstand. Berauscht von ihrer Gestalt war ich schon längst. Sie wusste das. Sie wusste auch, dass mir das Leben einst teuer war. Dass ich ein friedliebender Mensch gewesen bin und nie einer Fliege hätte etwas zu Leide tun können. Dass ich Ungerechtigkeit und Strafe nicht ertrug und mir schon manche Träne entrann, wenn ich Zeuge von Boshaftigkeiten wurde.
Nun hänge ich für immer an dieser Wand, ihr Geheimnis bewahrend. Das Geheimnis des Mannes, der an diesem kalten Wintermorgen zu ihr heraufkam und dieses Haus nie wieder verließ. Und ebenso all der anderen Personen, deren Portraits mich umgeben.
Ich werde auch dann noch hängen, wenn sie schon längst nicht mehr unter uns weilt, denn ich bin zur längst vergangenen Ewigkeit geworden.