Mittwoch, 15. Juni 2016

Vom Menschen der schönen Worte und seinem Schloss

Es gibt Menschen, die können wunderbar erzählen, erklären und andere Menschen mit schönen Worten umgeben.
Man glaubt ihnen. Den Worten und den Menschen. Die Menschen hinterfragen die Erzählungen nicht, weil sie so schön, so perfekt sind. Die Welt scheint sorglos zu sein, so, wie man sie sich immer erträumt hat. Alles scheint machbar. Schwierigkeiten oder Hürden des normalen Lebens existieren nicht.
Dann werden Pläne für die Zukunft geschmiedet. Große Pläne. Pläne mit einem Ziel. Das Ziel verheißt Glück, Erfolg und Geld. Die Menschen der schönen Worte erbauen im Geiste die schönsten Schlösser.
All die Erzählungen und Pläne des Menschen der schönen Worte klingen so wunderbar.

Und dann gibt es die Menschen, die sagen, das geht so nicht. Plötzlich gibt es Hürden, Schwierigkeiten, keine netten Worte. Das Leben ist bei diesen Menschen gewöhnlich. Manchmal trist, schwarz-grau, fad. Warum soll man ihnen glauben? Sie sind die Miesmacher.
Sie sagen, dass das erdachte Schloss mit dem Plan des Menschen der schönen Worte nicht fertig wird. Der Plan ist zu unrealistisch, zu groß gedacht, zu klein der Mensch, der ihn umsetzen will.
Man glaubt diesen Menschen nicht. Warum soll man sich die heile Welt von ihnen zerstören lassen?

Die Zeit vergeht, das Schloss hat ein gutes Fundament. Der Gedanke ist das Fundament. Ein großer Gedanke für ein großes Schloss.
Der Mensch mit den schönen Worten sucht nach dem richtigen Baustil, dem angemessenen Preis, dem besten Architekten, den geeignetsten Maurern, Tischlern und Glasern.
Der Architekt sagt: Das können wir so bauen, aber es wird instabil sein. Das Schloss hat einen zu hohen Turm. Der wird keinem scharfen Wind trotzen.
Der Maurer sagt: Die Steine können wir so anfertigen, sie werden aber zu schwer sein, um sie mit der geforderen Anzahl an Maurern zu setzen. Wir benötigen mehr Personal. Und das verursacht höhere Kosten.
Der Tischler meint: Es tut mir Leid, aber das geforderte Holz können wir nicht verarbeiten. Für einen Tisch benötigen Sie härteres Holz, dieses ist zu weich.
...
Und so schreiten die Einwände der Miesmacher fort. Doch der Mensch der schönen Worte besteht auf sein Schloss. Der Turm wird schon nicht umfallen, man kann ihn außerhalb mit Drahtseilen stützen. Mehr Maurer werden nicht benötigt, er wird selbst die Maurerkelle schwingen, das spart Kosten. Ganz unmöglich ist es, dass ein Tisch nicht halten wird. Soetwas hat er ja noch nie gehört. Natürlich wird der Tisch halten, es ist ja seiner.
Die Einwände werden beiseite geschoben, mal mit einem milden Lächeln, aber wenn sie allzu groß und bedenklich werden, gar mit einem groben Wort.
Hier, so sagt der Mensch der schönen Worte, wird alles so gemacht, wie ich es wünsche.  Es wird schließlich mein Schloss, das perfekte Schloss.

Wenig später verkündet er in seiner Stadt, dass er das tollste und prächtigste Schloss bauen wird, das es je im Land gab. Alle Einwohner seiner Stadt sind zur Einweihung eingeladen. Er freue sich auf die künftigen Aufgaben, die ein Schlossbesitzer zu erfüllen hat. Er wird Audienzen halten, Soireen veranstalten und Gäste aus allen Teilen des Landes willkommen heißen. Er dankt dem Volk für dessen Erscheinen, denn er ist frohen Mutes, dass das Volk ihn bei seinem Bauvorhaben kräftig unterstützen wird.

Der Architekt, der Maurer und der Tischler denken: gut, er möchte sein Schloss nach seinen Vorlagen gebaut wissen, so bauen wir es ihm.
Die Zeit verging, das Schloss wurde errichtet. Der Mensch der schönen Worte half bei der Erbauung mit. Er legte Stein auf Stein, bekleckerte sich mit Mörtel, der zu flüssig gemischt worden war. Die Steine begannen zu verrutschen, bevor der Mörtel trocknen konnte. Der Mensch der schönen Worte fluchte. Wie könne man es wagen, ihm solch einen Schund anzudrehen. Man hätte ihm sagen müssen, dass der Mörtel ungeeignet wäre, er hätte anderen bestellen lassen. 
Der Maurer meinte daraufhin: aber aber, mein Herr, Sie haben den Mörtel selbst angerührt. Es liegt daran, dass Sie zuviel Flüssigkeit nahmen.
Ich nehme nie zuviel Flüssigkeit, meinte der Mann der schönen Worte und entließ den Maurer. Er wollte das Schloss von nun an selbst fertigstellen.

Jahre schwanden dahin. Die Bürger der Stadt fragten sich, wann das Schloss fertig sein würde. Der Mann der schönen Worte trat vor das Volk und beruhigte es.
Sie werden ihr Schloss bekommen, so sprach er, nur Geduld. Es wird dauern, aber wenn es fertig ist, wird es das schönste Schloss des ganzen Kontinents sein.
Am nächsten Tag ging der Mensch der schönen Worte zum Architekten mit der Anweisung, ein neues Schloss zu entwerfen, die Erbauung des Jetzigen dauere zu lange. Der Architekt gab zu bedenken, dass die Neuplanung eine Menge Zeit und Geld in Anspruch nehmen würde.
Da wurde der Mensch der schönen Worte wütend. Immer ging es nur ums Geld. Wie konnte man nur so raffgierig sein. Sah der Architekt denn nicht, welches Resultat er mit dem Bau erzielen würde? Die Stadt hätte eine Attraktion mehr, man könne mit ihr Touristen aus aller Herren Länder herbeilocken. Dann käme das Geld, das ja nun nicht wirklich notwendig sei, ganz schnell wieder in die Kassen.
Gut, meinte der Architekt, ich werde sehen, was ich tun kann.
Eine Woche später legte der Architekt das Model des neuen Schlosses vor. Einzig fehlte daran der überdimensionale Turm, der zuvor am alten Schlossmodel als so schön empfunden wurde.
Der Mensch der schönen Worte platzte wütend  mit der Frage heraus, ob der Architekt es ernst mit diesem Model meine. Das wäre doch kein Schloss. Ein Schloss hätte immer einen Turm. Ohne Turm sei es kein Schloss. 
Dieses Model wollte der Mensch der schönen Worte nicht. Er wollte das alte weiter bauen.
Gut, meinte der Architekt, aber meine Arbeitskosten werde ich Ihnen trotzdem berechnen.
Der Mensch der schönen Worte war außer sich vor Wut. Er stampfte mit den Füßen auf und schmiss seine Schuhe an die Wand des Architektenbüros.
Danach trat er vor das wartende Volk und erklärte mit milder Stimme, dass der Bau sich verzögere. Der Architekt wäre nicht in der Lage gewesen, ein Schloss zu entwerfen, dass seinen Ansprüchen genüge. Er aber, der Mensch der schönen Worte, verbürge sich dafür, dass das Schloss in genau einem Jahr fertig sein würde. Dann aber wäre es das tollste Schloss der ganzen Welt.
Das Volk jubelte dem Menschen der schönen Worte zu. Ein Mensch der Tat. Ein Mensch, der hielt, was er dem Volk versprach. Solche Menschen brauchte die Stadt.

Der Mensch der schönen Worte machte sich in der Folgezeit daran, das Schloss weiterzubauen.
Da er allein baute, dauerte es länger als ein Jahr. Doch als der Tag kam, an dem er den letzten Stein setzte, war er unglaublich stolz. Nun gut, das Schloss war etwas schief geraten, die Fenster, die er beim Glaser bestellt hatte, würden nicht ganz in die dafür vorgesehenen Aussparungen passen, aber was machte das schon. Das Schloss stand, der Glaser schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Wie sollte er die Fenster einsetzen?
Ach, meinte der Mensch der schönen Worte, ein bisschen Bauschaum dazwischen, dann hält das. Hauptsache, das Schloss hat überhaupt Fenster. Das Volk würde das verstehen. Es wusste doch, dass das Schloss einzig vom Menschen mit den schönen Worten errichtet worden war. Das musste genügen.

Er trat erneut vor das Volk und sprach: Seht, was für ein schönes Schloss ich Euch erbaute. Ganz allein, da ich umgeben war von unfähigen und geldgierigen Menschen. Ich brauchte sie nicht. Ich konnte all diese Pracht selbst erschaffen. Es waren meine Hände, die diese grandiose Tat vollbrachten. Eine Tat, wie sie noch nie zuvor gesehen wurde. In ein paar Tagen wird es eröffnet werden, das prächtigste Schloss des ganzen Universums. Nun kommt her und küsst mir die Schuhe.
Das Volk jubelte und küsste seine Schuhe.

Es wurde Nacht, der Himmel verdunkelte sich. Winde kamen auf, Regen fiel. Donner blitzte. Ein Tornado braute sich vor der Stadt zusammen.
Er rollte auf die Stadt zu, wurde größer und schneller, entwickelte eine unheimliche Sogkraft. Er erreichte das gerade errichtete Schloss, dessen Wände ein wenig schief standen. Der Tornado traf den Turm. Und schneller, als es das menschliche Auge erfassen konnte, zerbarst der Turm. Mauersteine flogen wie Blätter durch die Luft, die Dachfliesen zersplitterten zu kleinen gefährlichen Geschossen, die auf die Erde niederprasselten und Menschen trafen, die später klinisch versorgt werden mussten.
Doch nicht nur den Turm zerriss es. Nein, das ganze Schloss wurde in Wirbeln zerfetzt. Kein Stein blieb auf dem anderen. Der Tornado hinterließ einzig einen kleinen Haufen aus Mauersteinen, auf dessen Spitze am nächsten Tag ein Geier gesichtet wurde.

Der Mensch der schönen Worte weinte sehr als er dem Ausmaß der Zerstörung gewahr wurde.
Er trat wieder vor das Volk:
Lieber Bürger, ihr seht, ich habe mich redlich bemüht, aber der Tornado, der Architekt, der Maurer und der Tischler waren gegen mich. Ich habe wirklich alles getan, was in meiner Macht stand. Ich habe geschuftet, allein, weil die Anderen nicht dazu fähig waren. Einzig, um Euch, meine lieben Bürger, ein Schloss zu erbauen, das Menschleben überdauern und das schönste Schloss aller Universen werden sollte. Ich fühle mich betrogen. Vom Tornado, dem Architekten, dem Maurer und dem Tischler. Sie sind schuld. Sie wollen noch immer mein Geld. Schämen sollten sie sich!
Ich werde Euch nun verlassen, denn diese Stadt scheint kein Schloss zu brauchen. Lebt wohl und siecht dahin.
Das Volk verfiel in große, lang andauernde Trauer über den Menschen der schönen Worte, der nur Gutes tun wollte.

Der Mensch der schönen Worte ging und hinterließ ein Traumschloss aus Schutt und Asche.