Es gibt Menschen, die können wunderbar erzählen, erklären und andere Menschen mit schönen Worten umgeben.
Man glaubt ihnen. Den Worten und den Menschen. Die Menschen hinterfragen die Erzählungen nicht,
weil sie so schön, so perfekt sind. Die Welt scheint sorglos zu sein,
so, wie man sie sich immer erträumt hat. Alles scheint machbar.
Schwierigkeiten oder Hürden des normalen Lebens existieren nicht.
Dann
werden Pläne für die Zukunft geschmiedet. Große Pläne. Pläne mit einem
Ziel. Das Ziel verheißt Glück, Erfolg und Geld. Die Menschen der schönen Worte erbauen im Geiste die schönsten Schlösser.
All die Erzählungen und Pläne des Menschen der schönen Worte klingen so wunderbar.
Und
dann gibt es die Menschen, die sagen, das geht so nicht. Plötzlich gibt
es Hürden, Schwierigkeiten, keine netten Worte. Das Leben ist bei
diesen Menschen gewöhnlich. Manchmal trist, schwarz-grau, fad. Warum
soll man ihnen glauben? Sie sind die Miesmacher.
Sie sagen, dass
das erdachte Schloss mit dem Plan des Menschen der schönen Worte nicht
fertig wird. Der Plan ist zu unrealistisch, zu groß gedacht, zu klein
der Mensch, der ihn umsetzen will.
Man glaubt diesen Menschen nicht. Warum soll man sich die heile Welt von ihnen zerstören lassen?
Die Zeit vergeht, das Schloss hat ein gutes Fundament. Der Gedanke ist das Fundament. Ein großer Gedanke für ein großes Schloss.
Der
Mensch mit den schönen Worten sucht nach dem richtigen Baustil, dem
angemessenen Preis, dem besten Architekten, den geeignetsten Maurern,
Tischlern und Glasern.
Der Architekt sagt: Das können wir so
bauen, aber es wird instabil sein. Das Schloss hat einen zu hohen Turm.
Der wird keinem scharfen Wind trotzen.
Der Maurer sagt: Die Steine
können wir so anfertigen, sie werden aber zu schwer sein, um sie mit
der geforderen Anzahl an Maurern zu setzen. Wir benötigen mehr Personal.
Und das verursacht höhere Kosten.
Der Tischler meint: Es tut mir
Leid, aber das geforderte Holz können wir nicht verarbeiten. Für einen
Tisch benötigen Sie härteres Holz, dieses ist zu weich.
...
Und
so schreiten die Einwände der Miesmacher fort. Doch der Mensch der
schönen Worte besteht auf sein Schloss. Der Turm wird schon nicht
umfallen, man kann ihn außerhalb mit Drahtseilen stützen. Mehr Maurer
werden nicht benötigt, er wird selbst die Maurerkelle schwingen, das
spart Kosten. Ganz unmöglich ist es, dass ein Tisch nicht halten wird.
Soetwas hat er ja noch nie gehört. Natürlich wird der Tisch halten, es
ist ja seiner.
Die Einwände werden beiseite geschoben, mal mit
einem milden Lächeln, aber wenn sie allzu groß und bedenklich werden,
gar mit einem groben Wort.
Hier, so sagt der Mensch der schönen
Worte, wird alles so gemacht, wie ich es wünsche. Es
wird schließlich mein Schloss, das perfekte Schloss.
Wenig
später verkündet er in seiner Stadt, dass er das tollste und
prächtigste Schloss bauen wird, das es je im Land gab. Alle Einwohner
seiner Stadt sind zur Einweihung eingeladen. Er freue sich auf die
künftigen Aufgaben, die ein Schlossbesitzer zu erfüllen hat. Er wird
Audienzen halten, Soireen veranstalten und Gäste aus allen Teilen des
Landes willkommen heißen. Er dankt dem Volk für dessen Erscheinen, denn
er ist frohen Mutes, dass das Volk ihn bei seinem Bauvorhaben kräftig
unterstützen wird.
Der Architekt, der Maurer und
der Tischler denken: gut, er möchte sein Schloss nach seinen Vorlagen
gebaut wissen, so bauen wir es ihm.
Die Zeit verging, das Schloss
wurde errichtet. Der Mensch der schönen Worte half bei der Erbauung mit.
Er legte Stein auf Stein, bekleckerte sich mit Mörtel, der zu flüssig
gemischt worden war. Die Steine begannen zu verrutschen, bevor der
Mörtel trocknen konnte. Der Mensch der schönen Worte fluchte. Wie könne
man es wagen, ihm solch einen Schund anzudrehen. Man hätte ihm sagen
müssen, dass der Mörtel ungeeignet wäre, er hätte anderen bestellen
lassen.
Der Maurer meinte daraufhin: aber aber, mein Herr, Sie haben den
Mörtel selbst angerührt. Es liegt daran, dass Sie zuviel Flüssigkeit
nahmen.
Ich nehme nie zuviel Flüssigkeit, meinte der Mann der
schönen Worte und entließ den Maurer. Er wollte das Schloss von nun an
selbst fertigstellen.
Jahre schwanden dahin. Die Bürger
der Stadt fragten sich, wann das Schloss fertig sein würde. Der
Mann der schönen Worte trat vor das Volk und beruhigte es.
Sie
werden ihr Schloss bekommen, so sprach er, nur Geduld. Es wird dauern,
aber wenn es fertig ist, wird es das schönste Schloss des ganzen
Kontinents sein.
Am nächsten Tag ging der Mensch der schönen Worte
zum Architekten mit der Anweisung, ein neues Schloss zu entwerfen, die
Erbauung des Jetzigen dauere zu lange. Der Architekt gab zu bedenken,
dass die Neuplanung eine Menge Zeit und Geld in Anspruch nehmen würde.
Da
wurde der Mensch der schönen Worte wütend. Immer ging es nur ums Geld.
Wie konnte man nur so raffgierig sein. Sah der Architekt denn nicht,
welches Resultat er mit dem Bau erzielen würde? Die Stadt hätte eine
Attraktion mehr, man könne mit ihr Touristen aus aller Herren Länder
herbeilocken. Dann käme das Geld, das ja nun nicht wirklich notwendig
sei, ganz schnell wieder in die Kassen.
Gut, meinte der Architekt, ich werde sehen, was ich tun kann.
Eine
Woche später legte der Architekt das Model des neuen Schlosses vor.
Einzig fehlte daran der überdimensionale Turm, der zuvor am alten
Schlossmodel als so schön empfunden wurde.
Der Mensch der schönen
Worte platzte wütend mit der Frage heraus, ob der Architekt es ernst
mit diesem Model meine. Das wäre doch kein Schloss. Ein Schloss hätte
immer einen Turm. Ohne Turm sei es kein Schloss.
Dieses Model wollte der
Mensch der schönen Worte nicht. Er wollte das alte weiter bauen.
Gut, meinte der Architekt, aber meine Arbeitskosten werde ich Ihnen trotzdem berechnen.
Der
Mensch der schönen Worte war außer sich vor Wut. Er stampfte mit den
Füßen auf und schmiss seine Schuhe an die Wand des Architektenbüros.
Danach
trat er vor das wartende Volk und erklärte mit milder Stimme, dass der
Bau sich verzögere. Der Architekt wäre nicht in der Lage gewesen, ein
Schloss zu entwerfen, dass seinen Ansprüchen genüge. Er aber, der
Mensch der schönen Worte, verbürge sich dafür, dass das Schloss in genau
einem Jahr fertig sein würde. Dann aber wäre es das tollste Schloss der
ganzen Welt.
Das Volk jubelte dem Menschen der schönen Worte zu.
Ein Mensch der Tat. Ein Mensch, der hielt, was er dem Volk versprach.
Solche Menschen brauchte die Stadt.
Der Mensch der schönen Worte machte sich in der Folgezeit daran, das Schloss weiterzubauen.
Da
er allein baute, dauerte es länger als ein Jahr. Doch als der Tag kam, an dem er
den letzten Stein setzte, war er unglaublich stolz. Nun gut, das
Schloss war etwas schief geraten, die Fenster, die er beim Glaser
bestellt hatte, würden nicht ganz in die dafür vorgesehenen Aussparungen
passen, aber was machte das schon. Das Schloss stand, der Glaser schlug
entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Wie sollte er die Fenster
einsetzen?
Ach, meinte der Mensch der schönen Worte, ein bisschen
Bauschaum dazwischen, dann hält das. Hauptsache, das Schloss hat
überhaupt Fenster. Das Volk würde das verstehen. Es wusste doch, dass
das Schloss einzig vom Menschen mit den schönen Worten errichtet worden war.
Das musste genügen.
Er trat erneut vor das Volk und
sprach: Seht, was für ein schönes Schloss ich Euch erbaute. Ganz allein,
da ich umgeben war von unfähigen und geldgierigen Menschen. Ich
brauchte sie nicht. Ich konnte all diese Pracht selbst erschaffen. Es
waren meine Hände, die diese grandiose Tat vollbrachten. Eine Tat, wie
sie noch nie zuvor gesehen wurde. In ein paar Tagen wird es eröffnet
werden, das prächtigste Schloss des ganzen Universums. Nun kommt her und
küsst mir die Schuhe.
Das Volk jubelte und küsste seine Schuhe.
Es
wurde Nacht, der Himmel verdunkelte sich. Winde kamen auf, Regen fiel.
Donner blitzte. Ein Tornado braute sich vor der Stadt zusammen.
Er
rollte auf die Stadt zu, wurde größer und schneller, entwickelte eine
unheimliche Sogkraft. Er erreichte das gerade errichtete Schloss, dessen
Wände ein wenig schief standen. Der Tornado traf den Turm. Und
schneller, als es das menschliche Auge erfassen konnte, zerbarst der
Turm. Mauersteine flogen wie Blätter durch die Luft, die Dachfliesen
zersplitterten zu kleinen gefährlichen Geschossen, die auf die Erde
niederprasselten und Menschen trafen, die später klinisch versorgt werden
mussten.
Doch nicht nur den Turm zerriss es. Nein, das ganze Schloss wurde in Wirbeln zerfetzt. Kein Stein blieb
auf dem anderen. Der Tornado hinterließ einzig einen kleinen Haufen aus
Mauersteinen, auf dessen Spitze am nächsten Tag ein Geier gesichtet
wurde.
Der Mensch der schönen Worte weinte sehr als er dem Ausmaß der Zerstörung gewahr wurde.
Er trat wieder vor das Volk:
Lieber
Bürger, ihr seht, ich habe mich redlich bemüht, aber der Tornado, der
Architekt, der Maurer und der Tischler waren gegen mich. Ich habe
wirklich alles getan, was in meiner Macht stand. Ich habe geschuftet,
allein, weil die Anderen nicht dazu fähig waren. Einzig, um Euch, meine
lieben Bürger, ein Schloss zu erbauen, das Menschleben überdauern und
das schönste Schloss aller Universen werden sollte. Ich fühle mich
betrogen. Vom Tornado, dem Architekten, dem Maurer und dem Tischler. Sie
sind schuld. Sie wollen noch immer mein Geld. Schämen sollten sie sich!
Ich werde Euch nun verlassen, denn diese Stadt scheint kein Schloss zu brauchen. Lebt wohl und siecht dahin.
Das Volk verfiel in große, lang andauernde Trauer über den Menschen der schönen Worte, der nur Gutes tun wollte.
Der Mensch der schönen Worte ging und hinterließ ein Traumschloss aus Schutt und Asche.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen