Still liegt der Fluss da. Hunderte kleiner Sonnenstrahlen bringen das Wasser zum Glitzern wie tausend Sterne am Abendhimmel. Der Himmel ist hellblau, bedeckt von einzelnen Wattewolken. Die hellgelbe Sonne scheint warm und es weht ein leichtes Lüftchen.
Entlang des Sees schlängelt sich eine weitläufige Rasenfläche mit saftigem, hellgrünen Gras, in dem sich Grashüpfer und Marienkäfer tummeln. Fliederbüsche, bedeckt mit blau-lila Blüten, die einen süßen, schweren Duft absondern, ziehen Hummeln, Bienen und Schmetterlinge an, die sich am Nektar der Blüten laben.
Entlang des Sees schlängelt sich eine weitläufige Rasenfläche mit saftigem, hellgrünen Gras, in dem sich Grashüpfer und Marienkäfer tummeln. Fliederbüsche, bedeckt mit blau-lila Blüten, die einen süßen, schweren Duft absondern, ziehen Hummeln, Bienen und Schmetterlinge an, die sich am Nektar der Blüten laben.
Auf den Rasenflächen stehen vereinzelt Bänke, weiß gestrichen und nach frischer Farbe riechend. Auf einer dieser Bänke sitzen Anjali und Viktor, die sich das Treiben auf dem Fluss ansehen. Ein rotes Schlauchboot transportiert die kleine grauhaarige, etwa einhundertfünf Jahre alte Erna über das glitzernde blaue Wasser. Genüsslich schlürft sie durch einen grünen Strohhalm ein gelbes Getränk und wendet dabei ihren Blick gen Himmel und Sonne. Sie lässt sich flussabwärts treiben, ohne Eile und Hast. Das ist etwas, das sie vor gar nicht allzu langer Zeit noch nicht konnte, als sie noch nicht an diesem paradiesischen Fleckchen lebte. Ihre Löckchen wehen im Wind und sie summt leise ein Kinderlied, das sie einmal ihren Urenkeln vor dem Einschlafen vorsang.
"Ist es nicht wunderwunderschön hier?", fragt Anjali, die sich an der gelassenen Erna nicht satt sehen kann. "Was hätte ich auf der Erde dafür gegeben, dort solch ein Paradies vorzufinden. Aber erst sterben, um dann in Frieden zu leben, kann doch auch nicht die Lösung sein, oder Viktor?" Fragend blickt Anjali zu ihrem Sitznachbarn, der, mit einer Zigarre im Mund, auf den kleinen Murphy sieht, der mit seiner Wirbelsäule an einem Ast im Kirschbaum hängt und laut schreit: "Ich kann fliegen! Ich bin der König der Welt, juhuuuu!!!"
Durch den Ausruf des etwa Elfjährigen fährt die in ihre Träumerei versunkene Erna zusammen und schaut zum Ufer, an den Baum, von dem der Schrei kam.
In diesem Moment beginnt der Ast, an dem Murphy hängt, leise zu knacken, Risse bilden sich und einen Augenblick darauf saust er mit einem "Wahhhaaaa!" der Erde entgegen, den Ast noch immer zwischen Wirbelsäule und seiner sechsten Rippe. Krachend fällt er zu Boden, seine Knochen fliegen in alle Himmelsrichtungen davon, der Kopf rollt ans Ufer und kurz bevor er den Fluss erreicht, stoppt der Schädel, die Augenhöhlen ins Gras gerichtet, zwischen seinen Zähnen knirscht Erde.
Seine Fingerknochen sind es, die sich zuerst bewegen und klimpernd seine Arme, Rippen, die Wirbelsäule, seinen Schädel und schließlich seine Beine samt Füße wieder einsammeln, um sie dann in geordneter Reihenfolge wieder als vollkommenes Skelett zusammenzusetzen.
"Mist, ich war so nahe dran, ich wollte doch nur noch meine Arme ausstrecken und ein wenig mit ihnen flattern, um mir wirklich vorzumachen, dass ich schwebe...Naja, beim nächsten Versuch wird es besser." Damit trottet Murphy an Anjali und Viktor vorbei, die ihm ein wenig mitleidig hinterher sehen.
"Weißt Du, was ich besonders schön finde, Viktor?", fragt Skelett Anjali ihn. Doch bevor er ihr antworten kann oder ins Rätseln verfällt, sagt sie: "Dass es hier immer hell ist. Selbst nachts. Ich habe noch nie so viele Glühwürmchen gesehen, die den Himmel erhellen. Und mir vorzustellen, dass das alles unsere Seelen sind, die darauf warten, in ein neues Leben einzutreten, das macht die Sache noch spannender. Was jedes Einzelne von ihnen in seinem Menschenseelenleben schon erlebt haben muss...unglaublich. All diese kleinen leuchtenden Würmchen haben über die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte Kriege erlebt, gesehen wie Menschen sterben, wie Hunger entsteht, wie sich Epidemien verbreiten, aber auch, wie sich Menschen verlieben und eine gemeinsame Zukunft aufbauen, und und und.. Das ist so spannend. Über uns schweben gerade Milliarden von Geschichten und Erlebnissen. Oder wenn ich überlege, dass das Würmchen dort, das sich im Kreis dreht, die Seele von Tschaikowski sein könnte, gerade dabei, eine neue Melodie zu komponieren, oder hier, diese kleine Ansammlung von sechs Glühwürmchen, sie könnten sich um Dr. Freud versammeln und von ihm lernen. Wahnsinn! Der Himmel ist gefüllt von Wissen, das hier flirrend um uns herumschwebt. Stell Dir vor, diese Seelen finden einen Körper, der ihnen gefällt und sie vereinigen sich mit ihm, das hieße doch, dass auf der Erde irgendwann nur noch schlaue Menschen leben, die sich das Paradies, das wir hier bereits bewohnen, selbst schaffen können...Diese Vorstellung ist doch ein Traum."
"Klar, wenn man aber bedenkt, dass dort oben ebenso ein Hitler, ein Pinochet oder andere gruselige Gestalten herumirren, sagt mir das, dass Deine Theorie nie Wirklichkeit wird. Oder glaubst Du, durch ihren Aufenthalt hier wird sich ihr Verhalten ändern? Alles wird wieder genauso sein, wie es seit Millionen von Jahren ist. Es wird Krieg und Frieden geben...Nichts wird sich ändern.", meint Skelett Viktor ein wenig zerknirscht.
"Ach Viktor, sieh das doch nicht immer so schwarz. Reicht es nicht, dass Du in Deinem schwarzen Umhang und dem schwarzen Zylinder wirkst, als wärest Du der Teufel persönlich? Ich möchte aber diese schöne Hoffnung haben, die Du mir nicht nehmen wirst. Irgendwann wird alles gut, ich weiß es einfach. Wofür wurde sonst das Karma erschaffen? Im nächsten Leben werden Menschen wie Hitler oder Pinochet schon ihre Lehre erhalten. Vielleicht werden sie dann gezwungen sein, in den Dienst anderer Menschen zu treten, um in sozialen Einrichtungen zu arbeiten oder ihre kranken und bettlägerigen Eltern zu pflegen, damit sich das schlechte Karma in gutes zu verwandeln. Alles ist möglich. "
"Träume weiter, kleine Anjali. Du, mit Deinem weißen, im Wind wehenden Gewand, Deinem Honigduft und Deinen glatten, schwarzen Haaren, die bläulich schimmern, wenn das Licht im richtigen Winkel darauf fällt...Hättest Du mein Leben gelebt, würdest Du sicher auch anders reden."
"Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Weil ich hier die Gelegenheit hätte, über mein Vorleben nachzudenken und bevor ich im ewigen Licht aufgehe, Erkenntnisse mitnehme, die zu einem besseren Selbst führen. Wenn ich mich dann erneut mit dem Weltenkreislauf verbinde, werde ich eine Seele finden, die mit meinem neuen Ich auf der Erde zusammentut, um Gutes zu erschaffen. Denn Gutes zieht Gutes an und umgekehrt.", zwinkert Anjali Viktor abschließend zu, bevor sie sich von der Bank erhebt und in Richtung Wolkenschleier davon geht.
"Warte! Möchtest Du mir etwa sagen, Schlechtes zieht Schlechtes an? So ein Quatsch! Was kann ich denn dafür, dass ich von meinen Kollegen ermordet wurde? Denkst Du, ich habe es mir gewünscht? Ich wäre auch lieber noch auf der Erde geblieben und nicht wie jetzt, als Skelett, nackig, sehnen-und fleischlos umherstreifend.
Aber ich muss zugeben, dass mir dieses Leben hier durchaus viel besser gefällt als auf der Erde. Hier ist alles gut. Ich brauche mich um nichts zu kümmern, habe keine Bedürfnisse, muss nicht schlafen, nicht essen, brauche keine Notdurft verrichten. Herrlich. Alle Menschen von der Erde sollten hier leben. Ich bin dafür, dass diejenigen, die leiden, sterben und hierher kommen. Ja, das ist ein guter Plan."
Aber Anjali hört Viktor längst nicht mehr, denn sie ist zum Ende der Wiese gelaufen, um den zarten Wolkenschleier zur Seite zu schieben, um auf die Erde blicken zu können. Sie sieht all die kleinen schwarzen und weißen Punkte, die hektisch Straßen umherirren und in oder aus Häusern spazieren. Autos hupen, Ampeln blinken in rot, gelb oder grün auf. Es ist ein Gewusel sondergleichen.
"Diese Menschen, die so hektisch umherlaufen, müssen ruhiger und besonnener werden, um auch in den folgenden Generationen überleben zu können und nicht im Chaos zu enden. Nur dann wird ein Weiterleben möglich sein." Anjalis knochiger Zeigefinger und Daumen bilden einen Kreis, den sie zu einem Halbkreis ausweitet, als wolle sie sich auf einem Smartphone ein kleines Bild größer ansehen. Und schon erscheinen ihr die schwarzen und weißen Punkte als richtige Menschen auf einer lebensgroßen Straße. Sie schaut in ein Fenster eines der neuen Backsteinhäuser, das als Krankenhaus genutzt wird und sieht ein kleines Mädchen...
© JanaPetrat
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