Freitag, 2. November 2012

Kapitel 2: Janita

Am kalten Donnerstag Morgen im Januar des Jahres 1981 werde ich, Janita Lempika um 0:05 Uhr geboren. Die Straßen sind menschenleer, es nieselt bereits die ganze Nacht hindurch und kein einziges Auto fährt am Krankenhaus, in dem ich zur Welt komme, vorbei.
Geisterstunde. Meine Geburt verlief ohne Komplikationen, denn diese hatten bereits zuvor, noch im Bauch meiner Mutter, begonnen. Sie erfuhr, dass ich nicht gesund zur Welt kommen würde. Ärzte diagnostizierten eine Krankheit an meinem Herz, die nicht so einfach zu beheben war, schließlich schrieben wir das Jahr 1981 und die Medizin war längst nicht soweit fortgeschritten, dass sie solche Krankheiten ohne großen Aufhebens hätten heilen können.
So war ich schon als Winzling gezwungen, einen Überlebenskampf einzugehen, denn keiner der mich behandelnden Ärzte konnte sagen, ob und wie lange die mir verabreichten Medikamente wirken würden. Niemand wollte eine Prognose zu meinen Überlebenschancen geben.
Ich war zu klein, um meinen Kampf wirklich mitzuerleben, aber den Willen, stark zu sein, zu kämpfen, um zu leben, den behielt ich für den Rest meines Lebens bei.
Ja, ich überlebte, sonst würde ich diese Zeilen nicht schreiben können, aber was dann folgte, waren Klinikaufenthalte ohne Eltern, denn damals durften Eltern ihre Kindern in den Krankenhäusern nur am Nachmittag und nur für wenige Stunden besuchen. Den Rest des Tages war ich allein unter Aufsicht der Ärzte und Schwestern, die mich zu verschiedenen Untersuchungen brachten. Ich wusste nie, was auf mich zukam. Am Morgen, noch bevor der Tag richtig begann, ich saß noch mit anderen kranken Kindern am Frühstückstisch auf der Station, wurde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Dort nahm man mir Blut ab. Jeden Morgen...Ich hatte Angst davor, ich fühlte mich allein und verlassen, denn niemand, den ich hätte liebhaben können oder an den ich mich hätte anschmiegen können, war in meiner Nähe. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht zu weinen, denn weinen war nicht gut, sagten die Ärzte. Weinen durften Kinder nicht. Ich wurde oft mit dem Satz beruhigt: "Gleich sind wir fertig mit der Behandlung, es ist doch alles gut." Aber wie konnte etwas gut sein, was weh tat? Wie konnten diese Folterinstrumente, die aus Scheren und Zangen und Nadeln und Spritzen bestanden und offen für mich sichtbar da lagen, gut sein? Waren sie nicht dafür bestimmt, mich aufzuschneiden, meine Eingeweide herauszuschneiden und mich kaputt statt heil zu machen?
Heute erklärt man den Kindern, was mit ihnen gemacht wird, egal wieviel sie davon verstehen mögen. Ärzte und Schwestern versuchen, Sicherheit zu vermitteln, dem kranken Kind beizustehen, es zu trösten. Damals war man von solchen pädagogischen Aspekten der Kindesbehandlung in Krankenhäusern weit weit entfernt. Auch gab es für mich keine hübsche Spielecke mit bunten Spielsachen oder hübsch bemalte Stationswände, auf denen lustige Disney-Figuren oder überdimensionale Waldkäfer und Bienen abgebildet waren. Solche Annehmlichkeiten wurden den Kindern erst Jahre nach meinen Klinikaufenthalte zur Verfügung gestellt.

Ein Leben zwischen Kranken- und Elternhaus brachte es mit sich, dass ich kaum wirkliche Freunde hatte. Wenn ich auf dem Spielplatz spielte, tat ich das oft allein. Ich wusste gar nicht, wie ich mich gleichaltrigen Kindern umgehen sollte, denn meine Bezugspersonen waren ausschließlich Erwachsene; Eltern, Ärzte, Schwestern. Ich kann mich auch nicht erinnern, im Krankenhaus mit Kindern gespielt zu haben, denn meist waren sie jünger als ich. Einmal war dort ein Junge, der mir die von meiner Mutter mitgebrachten Süßigkeiten stahl, die ich auf meinem Betttischchen liegen ließ. Und wie sollte ich mit einem rüpelhaften Jungen umgehen? Ich hatte keine Geschwister, um mich im Raufen erproben zu können und andere Kinder, die mir beistanden, gab es nicht. Auch hier war ich wieder auf mich gestellt. Und so beschloss ich  irgendwann, dass es besser wäre, mich Menschen, die mir überlegen sind, anzupassen, um Ärger, den ich nicht wollte und dem ich nichts entgegenzusetzen hatte, zu entgehen, obwohl mein Inneres mir etwas ganz anderes sagte, nämlich, sei fröhlich und lebhaft und verteidige dich. Das war und tat ich auch, aber nur im Stillen, in meinem Zimmer, wenn mich niemand beobachtete. Dann war meine Zeit gekommen. Ich träumte mich in andere, für mich bessere Welten. Jedes junge Mädchen träumt von der perfekten Familie, einem netten Mann, einem wunderbaren Beruf und davon, von allen angesehen zu werden. Denn gerade Letzteres wurde ich nicht. Da ich keine Erfahrung im Umgang mit Kindern meines Alters hatte, war es schwer für mich, in Gruppen in der Schule integriert zu werden. Ich wurde mehr und mehr Einzelgängerin. In den Kindergarten ging ich nie. Alles was nötig war, bis zur ersten Klasse zu erlernen, seien es das Zählen bis zwanzig, die ersten Buchstaben des Alphabethes, all das wurde mir damals von meiner Mutter beigebracht. Ich lebte in Zeiten, in denen die Herzkrankheit, die ich habe, als schwerste Behinderung angesehen wurde, obwohl man mir äußerlich nichts anmerken würde. Aber Kindergärtner waren besorgt, was mit mir werden würde, wenn es mir plötzlich schlecht gehen sollte, während ich mit anderen Kindern spielte. Sie lehnten es ab, mich im Kindergarten aufzunehmen. Und so blieb ich weiterhin allein. Ich stand auch später allein auf dem Schulhof und beobachtete von fern meine Mitschüler, wie sie in Grüppchen standen und sich unterhielten. Aber über was hätte ich mich mit ihnen unterhalten können? Ich hatte doch nichts erlebt. Ich wuchs umgeben von meinen Eltern und Großeltern auf, die alle darauf bedacht waren, dass mir nichts geschieht. Ich durfte nicht toben, ich  sollte nicht zu schnell laufen und immer darauf achten, dass mir nichts zustößt, und wenn es nur eine Schramme am Knie gewesen wäre. Alle hatten Angst, dass sich meine Krankheit dadurch verschlimmern würde.
Als ich lesen gelernt hatte, waren Bücher meine Freunde. Ich konnte stundenlang auf der Liege in meinem Zimmer liegen und lesen. Ich baute mir meine eigenen Welten auf. Ich verbrachte meine Zeit im Ballettsaal von "Anna", von deren Figur Anna Pelzer es auch eine Fernsehserie gibt, oder in der kleinen Welt von dem Nesthäkchen, die behütet im Kreis ihrer Familie heranwächst, bis sie als Uroma ihre Goldene Hochzeit feierte. Später las ich die Bücher von Amy Tan, die mir stellenweise allzu gruselig anmuteten, da dort von abgehakten Hühnerköpfen die Rede geschrieben wurde. Und noch später fesselte mich das Buch von Rebecca Ryman "Wer Liebe verspricht".
Natürlich hatte ich später auch ein oder zwei Freundinnen mit denen ich mich traf, um mit ihnen zu spielen oder mich, als wir älter wurden, einfach nur zum Erzählen verabredete.
Doch so wirklich glücklich und unbeschwert war meine Kindheit nie und es sollte in meinen Jugendjahren nicht unbedingt besser werden....
© JanaPetrat

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