Samstag, 8. Dezember 2012

Ein Brief an Henry

Mein lieber Henry,

es geht uns schlecht, den wir sind tatsächlich bankrott. Papa musste seine Kutschenbauerwerkstatt schließen. In der vergangenen Woche kamen die Herren von der Bank und haben lange mit Papa im Esszimmer gesessen. Als ich kurz hineinsah, war der Tisch gefüllt mit Papieren und dicken Aktenordnern. Ich dachte mir, oh oh, es wird ernst, aber dass es so schlimm um uns steht, hätte ich nicht gedacht.

Drei Geschäftsleute aus der Stadt kamen am Tag darauf zu uns und kauften Papa die Kutschenbauerwerkstatt ab. Er war am Boden zerstört. Den ganzen Tag habe ich ihn nicht gesehen, weil er in seinem Zimmer blieb. Sogar das Essen ließ er sich dort servieren. Minna sagte mir am nächsten Morgen, der Herr Papa habe nichts davon angerürt.
Mit dem Geld, das Papa von den Geschäftsleuten bekam, müssen wir nun unsere Schulden begleichen. Du weißt doch, die große Rechnung, die beim Sattler aufgelaufen ist. Aber Papa sagt, er hat noch immer nicht die gesamte Summe zurückzahlen können.
Es ist alles so schrecklich, Henry. In der nächsten Woche kommen die Leute vom Pfandhaus. Sie wollen  schauen, welche Sachen sich in unseren Stuben zum versteigern eignen. Stell Dir vor, das ganze gute Silber, das über Generationen in unserer Familie ist, müssen wir wahrscheinlich hergeben. Und das feine Porzellan, das nur zu den Feiertagen gebraucht wird, dazu die Kristallgläser und die hübsche Figurine, die mir Tante Pauline zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt hat. Nichts wird mehr bleiben, nichts. Ich bin tief getroffen, Henry.
Aber das Allerschlimmste habe ich Dir noch gar nicht erzählt. Wir werden zu Tante Milly in die Stadt ziehen. Zu Tante Milly! Du kannst Dir mein Entsetzen vorstellen. Zu dieser alten Schreckschraube, die so verstaubt daherkommt, wie ihre alten Lüster an der Decke. Denn, das musst Du auch noch wissen, unser Haus wird ebenso versteigert.

Papa hat gedroht, sich das Leben zu nehmen. Weißt Du, wieviele Ängste ich hier ausstehe? Immer, wenn ich sein Zimmer betrete, habe ich die Furcht, er könnte leblos in seinem Stuhl sitzen. Ich traue mich nicht mehr zu ihm zu gehen. Dauernd hat Papa schlechte Laune. Er lacht nicht mehr und er sieht plötzlich so alt aus. Das alles hat ihn tief getroffen. Er sagte, er habe versagt. Aber das hat er doch gar nicht. Er kann doch nichts dafür, dass diese Welt so komisch geworden ist und dass es plötzlich diese Kutschen ohne Pferde davor gibt. Diese Automobile. Nun gehen die Menschen aus unserem Dorf lieber in die Stadt und kaufen sich solch ein Automobil, weil es schicker ist und mehr hermacht, sagen sie. Solch ein Blödsinn, wie kann ein Ding, das laut knallt und stinkt, schicker sein. Ich verstehe das alles nicht.
Papa meinte noch, eine Ära geht zu Ende. Und ich denke, er hat Recht. Mein Papa arbeitet in der 4. Generation als Kutschenbauer, davor Großvater Frederik, Urgroßvater Edward und Ururgroßvater James, den ich nie kennengelernt habe.

Mama meinte gestern abend, als wir zusammen Strümpfe stopften, wenn wir zu Tante Milly ziehen, werde ich arbeiten müssen. Arbeiten, Henry, ich! Du weißt doch, was für eine Träumerin ich bin. Ich möchte auf Bälle gehen, schöne Kleider tragen, mich von den alten, verknitterten Schachteln, deren Ehemänner im Kabinet sitzen, bewundern lassen. Ich dachte, unser schönes Leben würde auf Ewig so weitergehen. Und nun das.
Ich soll im Krämerladen arbeiten und die Milch, den Zucker, das Brot und das Obst und Gemüse abzählen. Und der Besitzer, Mr. Ford, will mir zeigen, wie ich mit der großen Kasse umgehe. Dann soll ich Leute bedienen, Henry! Dabei haben uns doch immer die Leute bedient. Es ist plötzlich verkehrte Welt hier.

Mrs. Miller, aus dem Laden um die Ecke hat mich gestern ganz mitleidig angesehen, als ich eine neue Borte für meinen alten Mantel kaufte. Und als Mrs. Smith dazukam, begannen sie zu tuscheln. Ich verstand etwas von "Armes Ding, ...die guten Zeiten sind vorbei, ...so schnell kann es kommen im Leben, und: ...ich habe es ja kommen sehen,... die waren immer ein wenig hochnäsig." Dabei waren wir gar nicht hochnäsig. Wir haben Mrs. und Mr. Smith sogar im vergangenen Jahr einen unserer Truthähne gebracht, als die Köchin ihn anbrennen ließ. Die Köchin wurde damals noch vor den Weihnachtstagen entlassen und weil Mrs. Smith dann niemanden mehr hatte, der für sie gekocht hat, hat Mama ihr auch noch geholfen. So sieht es aus. Wir waren nicht hochnäsig. Ich glaube, Mrs. Smith war nur neidisch auf uns, weil wir uns die braune Stute kaufen konnten, die sie so gern gehabt hätte. Das trägt sie uns bis heute nach.

Ich denke die ganze Zeit, was soll nun aus mir werden? Ich kann doch nicht bis zum Ende meiner Tage im Krämerladen arbeiten. Dafür bin ich einfach nicht geschaffen. Und Mama weiß das auch, trotzdem lässt sie nicht mit sich reden. Sie sagt, jeder von uns muss jetzt dazu beitragen, dass wir diese schwierige Situation bewältigen. Selbst sie will wieder Kinder der Kirchgemeinde unterrichten. Und eigentlich wollte sie das nie wieder, weil sie sagt, dass die Kinder von heute so frech sind und keine Manieren kennen. Papa wird wohl oder übel in Onkel Williams Kanzlei arbeiten müssen. Er will das gar nicht, weil er nicht von Familienmitgliedern abhängig sein möchte. Aber auch er hat keine andere Wahl.

Vor meinem Fenster fallen die ersten Schneeflocken in diesem Winter und Du kannst es nicht sehen. Ich werde später nach unten gehen und mit Minna den Baum anputzen. So wie jedes Jahr soll es noch einmal sein. Keiner soll Kummer haben, denn jetzt kommt doch die schönste und feierlichste Zeit im Jahr. Weiße Weihnachten, ach, wie ich sie liebe. Und wir werden Bratäpfel im Ofen machen, mit dicken Rosinen und ganz viel Zucker. So, wie ich sie als Kind schon mochte. Minna wird sie aushöhlen und ich werde sie füllen. Es wird wunderbar werden.

Ach, Henry, wie sehr wünschte ich, Du wärst jetzt hier. Dann würden wir zusammen auf meinem großen Bett liegen und uns ansehen und die friedliche Stille der weißen Landschaft in uns aufnehmen. Ich würde, wie ich es so gern mache, über Deine zarten Wangen streichen und in Deine blauen Augen sehen. Wir schmiegen uns dann ganz fest aneinander und lassen uns nie mehr los, bis das Übel vorüber ist, um aufzustehen, als wäre nichts geschehen.

Ich vermisse Dich so, mein Henry. Hoffentlich erreicht Dich der Brief noch rechtzeitig vor Deiner Rückreise aus Indien, damit Du mir eine Antwort senden kannst.

In Liebe
Deine Jane.

Freitag, 7. Dezember 2012

Gedanken

Dort drüber ist der Friedhof. Graue Grabsteine, fein säuberlich in geraden Linien aufgereiht, ragen aus der nassen Erde. Ich sehe sie seit Jahren, jeden einzelnen Tag, immer wieder der gleiche Anblick.
Aus rauem Stein gemeißelt, hart, unumstürzlich, an einem Platz, der flüchtiger nicht sein könnte, als Wächter von etwas, das nicht mehr bewacht werden muss.
Er markiert ein verloschenes Leben, eine tote Stelle, ein Stück Land, das von den Lebenden begrünt und von den Toten belegen wird. Eine besetzte Stelle, die sich nicht zu besetzen lohnt. Sie dient dem sentimentalen Zweck der Erinnerung der Lebenden an die Toten. Als ob die Menschen sich ausschließlich an diesem Ort erinnern würden, wenn sie sich überhaupt erinnern wollen...
Der Stein wird sie alle überdauern, auch die, die danach kommen. Er als Zeugnis derer, die nicht mehr sind. Ein Vermächtnis, das nicht weniger über denjenigen, dessen Gebeine dort liegen, sagen könnte. Ein eingravierter Name, ein paar Zahlen und eine granitene Grabeinfassung. Merkt denn niemand, dass die Geister derer, die dort liegen, längst in alle Winde verstreut und ihr Fleisch und Blut erstarrt sind bis zum jüngsten Tag? Welch ein Zirkus für ein vergangenes Leben.

Und dort, dort tanzen im Wind herbstlich-gelbe Blätter, fünf an der Zahl, aufgetürmt zu einem, so scheint es mir, krinolinengestärken Rock. Blätter, die mehr Leben in sich tragen, als dieser ganze Platz mit seinen Steinen und seiner Erde je in sich haben wird. Ein Totentanz.
Während ich den Blättern zusehe, kommt mir sofort das Bild meiner einstigen Lehrerin, Mrs. Cratchet, in den Sinn. Diese ernste, verbitterte Frau mit ihren gestärkten weißen Spitzenblusen, ihren langen schwarzen Röcken und ihren blank geputzten Schuhen. Eine Frau, die zu Lebzeiten schon den Eindruck einer wandelnden Leiche vermittelte. Abgemagert, blass und mit einer Haut, die aus Pergament zu sein schien, denn wir Kinder konnten einst ihre Adern darunter erkennen. Immer trug sie ein Monokel im rechten Auge, immer einen Rohrstock, von dem sie auch eifrig Gebrauch zu machen pflegte. Ich habe sie gehasst, wir haben sie gehasst. Sie wurde "die Hexe" genannt. Zu recht, denn ihr Geist scheint noch immer lebendig zu sein.
Die Blätter fallen taumelnd in sich zusammen und verwehen in Gänge und auf Gräber, um dort mit letzten Zuckungen reglos liegen zu bleiben.

Von Osten her ist Wind aufgekommen, der mit der Zeit an Stärke gewann und den Regen vor sich trieb, der nun in großen, schweren Tropfen vom Himmel fällt, um auf der Erde der Gräber Pfützen zu bilden. Das Wasser kräuselt sich in schneller rhythmischer Reihenfolge und es sieht aus, als würde es einen Takt vorgeben, gleich dem von Pferdegetrappel, das ich in der Ferne zu hören vernehme.
Wäre ich dort, so würde ich mich, bar jedes Mantels, nur in meinen Kleidern, auf eines der Gräber legen. Ich nehme die nasse Erde in meine ebenso nassen Hände, spüre ihre Klumpen darin und lasse sie teilweise zurück auf das Grab bröckeln. Das Wasser durchweicht den Stoff, benässt meine Haut. Ich beginne zu frieren und versuche, den Regen wegzublinzeln, der in meine Augen trifft. Auf meinen Wangen perlt das Wasser vorerst ab, dann aber rinnt es nur noch herunter auf die braune Erde. Meine Haare durchweichen und hängen klebend in Strähnen bis zur Brust an meinem blau-weißen Kleid. Ich halte mich noch immer an der Erde fest, doch ein wenig später greifen meine Hände an den grauen, körnigen Stein. Ich presse mich fest dagegen, als wolle ich testen, ob er meinem Gewicht standhält und fahre mit den Handinnenflächen solange darüber bis sie bluten. Das rote Blut auf dem grauen Stein. Ein Fleck entsteht, erst ist er noch klein, doch dann wird er größer, flüssiger, flüchtiger. Flüssigkeit vermengt sich mit Flüssigkeit, Wasser mit Blut. Der Regen wäscht den scharlachroten Fleck weg, trägt ihn fort auf den Boden.

Die Bäume, durch das Wasser zu schwarzen Geistern geworden, gepeitscht vom Regen, biegen ihre Äste nach Westen, nach oben und nach unten. Sie zappeln und rappeln sich, als wollten sie entfliehen, weg von hier, von dieser Trostlosigkeit, in eine andere Welt. Schnell weg, entwurzelt und frei, weg ans Licht. Doch sie scheinen sich arg zu quälen. Wissen sie denn nicht, dass es für sie kein Entkommen gibt? Dass sie immer auf diesen Ort der vermeintlich friedlichen Ruhe ausharren werden, um wieder und wieder vom Regen gepeitscht und vom Wind verstoßen zu werden?.

Ich sehe das alles, seit Jahren. Irgendwann werde auch ich dort liegen. So Gott endlich will, lieber früher als später.
Es ist so dumpf, so dumpf...wie dieser Friedhof. Ständig umgibt mich dieses Etwas, ein graues, nicht fassbares, flüchtiges, das meine Empfindungen erdrückt, das mich aber klar diesen inneren Schmerz fühlen lässt.

Hinter mir ist der Kamin. Vielleicht sollte ich mich hineinwerfen, mich den Flammen hingeben, damit ich endlich wieder etwas fühle, in mir und an mir. Ich werde schreien, bis mir die der Atem ausgeht, bis meine Lungen schmerzen, bis mein Herz wie wild in mir schlägt, bis alles in mir so heiß wird, dass ich nichts mehr fühle und ich mich bewusstlos den Flammen überlasse. Die Lebensgeister würden noch einmal in die Hände klatschen, noch einmal aufspringen, um sich zu retten, bevor sie jämmerlich zugrunde gehen. Noch ein einziges Mal würde in meinem Leben etwas passieren, was ich so deutlich wahrnehme, wie schon lange nichts mehr, etwas, das ich wahrlich nie mehr vergessen werde. Ich werde dieses Ereignis mit all meinen Sinnen erleben. Ich werde in die Flammen starren, die mich in blau, weiß und goldgelb in sich aufnehmen werden. Es wird ein Spektakel vor meinen Augen geben. Funken werden sprühen. Meine Haut wird zuerst die wohlige Wärme spüren, die sich alsbald in eine höllische Hitze verwandelt, aus der ich am liebsten entspringen möchte. Doch was wäre dann? Ich würde entstellt in mein altes Leben zurückkehren. Ein Leben, das noch weniger lebenswert als zuvor wäre. Das kann ich nicht tun, also bleibe ich und ergebe mich. Ich rieche verbranntes Fleisch. Ein wahrhaft ekelerregender Gestank nach Haaren und Fett, der allein von mir ausgeht. Ich höre das nervöse Knacke, das mich umgibt. Holzscheite krachen unter meinem Gewicht zusammen, meine Haare knistern, es gibt Verpuffungen, die mir laut um die Ohren knallen.
Mein Geist wird endlich frei sein, er wird jubilierend im Zimmer umherirren und sich dann in alle Himmelsrichtungen verflüchtigen. Es wird ein Fest. Ein letztes.

Doch es gibt kein Fest. Die Gedanken verfliegen und ich stehe wieder inmitten des leeren Raumes. Vor mir der Holztisch, auf dem eine einzelne Petroleumlampe brennt, am Tisch zwei Stühle links und rechts, an der rechten Wand das alte Holzbett, in dem schon meine Großmutter geboren wurde und an der linken Wand das Bücherregal. Über mir das Dachgebälk. Der Raum hält die unerträgliche Stille gefangen. Er ist dunkel, denn die Lampe vermag ihn nicht zu erhellen.
Es ist einer dieser Dezembertage, die nie richtig hell werden, an denen man zur Mittagszeit das Gefühl hat, es wäre bereits vier Uhr am Nachmittag. Grau, trist, einsam, gespenstisch mit einem Hauch Endzeitgefühl in der Luft, das sich nicht verscheuchen lässt.

Ich sehe auch mein Tagebuch im Bücherregal, daneben die Feder im Tintenfass. Ich sollte schreiben, aber ich kann nicht. Jede Bewegung wird mir zur Last. Meine Glieder schmerzen bei der leisesten Zuckung. Mein Kopf ist voll, voller Bedrücktheit, voller Stumpfheit, die mir jegliche Tätigkeit verbietet. Ich habe nicht die Kraft, zum Regal zu gehen, meine Utensilien zu nehmen, mich an den Tisch zu setzen, das Buch an einer leeren Seite aufzuschlagen, die Feder in meine Hand zu nehmen und sie auf´s Papier zu führen. Es erscheint mir alles so mühselig. Ich kann nichts tun, auch wenn es so einfach wäre.
Und so ergebe ich mich der Endzeitstimmung in meinen Gedanken. Düstere Gedanken.
© JanaPetrat