Freitag, 7. Dezember 2012

Gedanken

Dort drüber ist der Friedhof. Graue Grabsteine, fein säuberlich in geraden Linien aufgereiht, ragen aus der nassen Erde. Ich sehe sie seit Jahren, jeden einzelnen Tag, immer wieder der gleiche Anblick.
Aus rauem Stein gemeißelt, hart, unumstürzlich, an einem Platz, der flüchtiger nicht sein könnte, als Wächter von etwas, das nicht mehr bewacht werden muss.
Er markiert ein verloschenes Leben, eine tote Stelle, ein Stück Land, das von den Lebenden begrünt und von den Toten belegen wird. Eine besetzte Stelle, die sich nicht zu besetzen lohnt. Sie dient dem sentimentalen Zweck der Erinnerung der Lebenden an die Toten. Als ob die Menschen sich ausschließlich an diesem Ort erinnern würden, wenn sie sich überhaupt erinnern wollen...
Der Stein wird sie alle überdauern, auch die, die danach kommen. Er als Zeugnis derer, die nicht mehr sind. Ein Vermächtnis, das nicht weniger über denjenigen, dessen Gebeine dort liegen, sagen könnte. Ein eingravierter Name, ein paar Zahlen und eine granitene Grabeinfassung. Merkt denn niemand, dass die Geister derer, die dort liegen, längst in alle Winde verstreut und ihr Fleisch und Blut erstarrt sind bis zum jüngsten Tag? Welch ein Zirkus für ein vergangenes Leben.

Und dort, dort tanzen im Wind herbstlich-gelbe Blätter, fünf an der Zahl, aufgetürmt zu einem, so scheint es mir, krinolinengestärken Rock. Blätter, die mehr Leben in sich tragen, als dieser ganze Platz mit seinen Steinen und seiner Erde je in sich haben wird. Ein Totentanz.
Während ich den Blättern zusehe, kommt mir sofort das Bild meiner einstigen Lehrerin, Mrs. Cratchet, in den Sinn. Diese ernste, verbitterte Frau mit ihren gestärkten weißen Spitzenblusen, ihren langen schwarzen Röcken und ihren blank geputzten Schuhen. Eine Frau, die zu Lebzeiten schon den Eindruck einer wandelnden Leiche vermittelte. Abgemagert, blass und mit einer Haut, die aus Pergament zu sein schien, denn wir Kinder konnten einst ihre Adern darunter erkennen. Immer trug sie ein Monokel im rechten Auge, immer einen Rohrstock, von dem sie auch eifrig Gebrauch zu machen pflegte. Ich habe sie gehasst, wir haben sie gehasst. Sie wurde "die Hexe" genannt. Zu recht, denn ihr Geist scheint noch immer lebendig zu sein.
Die Blätter fallen taumelnd in sich zusammen und verwehen in Gänge und auf Gräber, um dort mit letzten Zuckungen reglos liegen zu bleiben.

Von Osten her ist Wind aufgekommen, der mit der Zeit an Stärke gewann und den Regen vor sich trieb, der nun in großen, schweren Tropfen vom Himmel fällt, um auf der Erde der Gräber Pfützen zu bilden. Das Wasser kräuselt sich in schneller rhythmischer Reihenfolge und es sieht aus, als würde es einen Takt vorgeben, gleich dem von Pferdegetrappel, das ich in der Ferne zu hören vernehme.
Wäre ich dort, so würde ich mich, bar jedes Mantels, nur in meinen Kleidern, auf eines der Gräber legen. Ich nehme die nasse Erde in meine ebenso nassen Hände, spüre ihre Klumpen darin und lasse sie teilweise zurück auf das Grab bröckeln. Das Wasser durchweicht den Stoff, benässt meine Haut. Ich beginne zu frieren und versuche, den Regen wegzublinzeln, der in meine Augen trifft. Auf meinen Wangen perlt das Wasser vorerst ab, dann aber rinnt es nur noch herunter auf die braune Erde. Meine Haare durchweichen und hängen klebend in Strähnen bis zur Brust an meinem blau-weißen Kleid. Ich halte mich noch immer an der Erde fest, doch ein wenig später greifen meine Hände an den grauen, körnigen Stein. Ich presse mich fest dagegen, als wolle ich testen, ob er meinem Gewicht standhält und fahre mit den Handinnenflächen solange darüber bis sie bluten. Das rote Blut auf dem grauen Stein. Ein Fleck entsteht, erst ist er noch klein, doch dann wird er größer, flüssiger, flüchtiger. Flüssigkeit vermengt sich mit Flüssigkeit, Wasser mit Blut. Der Regen wäscht den scharlachroten Fleck weg, trägt ihn fort auf den Boden.

Die Bäume, durch das Wasser zu schwarzen Geistern geworden, gepeitscht vom Regen, biegen ihre Äste nach Westen, nach oben und nach unten. Sie zappeln und rappeln sich, als wollten sie entfliehen, weg von hier, von dieser Trostlosigkeit, in eine andere Welt. Schnell weg, entwurzelt und frei, weg ans Licht. Doch sie scheinen sich arg zu quälen. Wissen sie denn nicht, dass es für sie kein Entkommen gibt? Dass sie immer auf diesen Ort der vermeintlich friedlichen Ruhe ausharren werden, um wieder und wieder vom Regen gepeitscht und vom Wind verstoßen zu werden?.

Ich sehe das alles, seit Jahren. Irgendwann werde auch ich dort liegen. So Gott endlich will, lieber früher als später.
Es ist so dumpf, so dumpf...wie dieser Friedhof. Ständig umgibt mich dieses Etwas, ein graues, nicht fassbares, flüchtiges, das meine Empfindungen erdrückt, das mich aber klar diesen inneren Schmerz fühlen lässt.

Hinter mir ist der Kamin. Vielleicht sollte ich mich hineinwerfen, mich den Flammen hingeben, damit ich endlich wieder etwas fühle, in mir und an mir. Ich werde schreien, bis mir die der Atem ausgeht, bis meine Lungen schmerzen, bis mein Herz wie wild in mir schlägt, bis alles in mir so heiß wird, dass ich nichts mehr fühle und ich mich bewusstlos den Flammen überlasse. Die Lebensgeister würden noch einmal in die Hände klatschen, noch einmal aufspringen, um sich zu retten, bevor sie jämmerlich zugrunde gehen. Noch ein einziges Mal würde in meinem Leben etwas passieren, was ich so deutlich wahrnehme, wie schon lange nichts mehr, etwas, das ich wahrlich nie mehr vergessen werde. Ich werde dieses Ereignis mit all meinen Sinnen erleben. Ich werde in die Flammen starren, die mich in blau, weiß und goldgelb in sich aufnehmen werden. Es wird ein Spektakel vor meinen Augen geben. Funken werden sprühen. Meine Haut wird zuerst die wohlige Wärme spüren, die sich alsbald in eine höllische Hitze verwandelt, aus der ich am liebsten entspringen möchte. Doch was wäre dann? Ich würde entstellt in mein altes Leben zurückkehren. Ein Leben, das noch weniger lebenswert als zuvor wäre. Das kann ich nicht tun, also bleibe ich und ergebe mich. Ich rieche verbranntes Fleisch. Ein wahrhaft ekelerregender Gestank nach Haaren und Fett, der allein von mir ausgeht. Ich höre das nervöse Knacke, das mich umgibt. Holzscheite krachen unter meinem Gewicht zusammen, meine Haare knistern, es gibt Verpuffungen, die mir laut um die Ohren knallen.
Mein Geist wird endlich frei sein, er wird jubilierend im Zimmer umherirren und sich dann in alle Himmelsrichtungen verflüchtigen. Es wird ein Fest. Ein letztes.

Doch es gibt kein Fest. Die Gedanken verfliegen und ich stehe wieder inmitten des leeren Raumes. Vor mir der Holztisch, auf dem eine einzelne Petroleumlampe brennt, am Tisch zwei Stühle links und rechts, an der rechten Wand das alte Holzbett, in dem schon meine Großmutter geboren wurde und an der linken Wand das Bücherregal. Über mir das Dachgebälk. Der Raum hält die unerträgliche Stille gefangen. Er ist dunkel, denn die Lampe vermag ihn nicht zu erhellen.
Es ist einer dieser Dezembertage, die nie richtig hell werden, an denen man zur Mittagszeit das Gefühl hat, es wäre bereits vier Uhr am Nachmittag. Grau, trist, einsam, gespenstisch mit einem Hauch Endzeitgefühl in der Luft, das sich nicht verscheuchen lässt.

Ich sehe auch mein Tagebuch im Bücherregal, daneben die Feder im Tintenfass. Ich sollte schreiben, aber ich kann nicht. Jede Bewegung wird mir zur Last. Meine Glieder schmerzen bei der leisesten Zuckung. Mein Kopf ist voll, voller Bedrücktheit, voller Stumpfheit, die mir jegliche Tätigkeit verbietet. Ich habe nicht die Kraft, zum Regal zu gehen, meine Utensilien zu nehmen, mich an den Tisch zu setzen, das Buch an einer leeren Seite aufzuschlagen, die Feder in meine Hand zu nehmen und sie auf´s Papier zu führen. Es erscheint mir alles so mühselig. Ich kann nichts tun, auch wenn es so einfach wäre.
Und so ergebe ich mich der Endzeitstimmung in meinen Gedanken. Düstere Gedanken.
© JanaPetrat

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