Mein lieber Henry,
es geht uns schlecht, den wir sind tatsächlich bankrott. Papa musste seine Kutschenbauerwerkstatt schließen. In der vergangenen Woche kamen die Herren von der Bank und haben lange mit Papa im Esszimmer gesessen. Als ich kurz hineinsah, war der Tisch gefüllt mit Papieren und dicken Aktenordnern. Ich dachte mir, oh oh, es wird ernst, aber dass es so schlimm um uns steht, hätte ich nicht gedacht.
Drei Geschäftsleute aus der Stadt kamen am Tag darauf zu uns und kauften Papa die Kutschenbauerwerkstatt ab. Er war am Boden zerstört. Den ganzen Tag habe ich ihn nicht gesehen, weil er in seinem Zimmer blieb. Sogar das Essen ließ er sich dort servieren. Minna sagte mir am nächsten Morgen, der Herr Papa habe nichts davon angerürt.
Mit dem Geld, das Papa von den Geschäftsleuten bekam, müssen wir nun unsere Schulden begleichen. Du weißt doch, die große Rechnung, die beim Sattler aufgelaufen ist. Aber Papa sagt, er hat noch immer nicht die gesamte Summe zurückzahlen können.
Es ist alles so schrecklich, Henry. In der nächsten Woche kommen die Leute vom Pfandhaus. Sie wollen schauen, welche Sachen sich in unseren Stuben zum versteigern eignen. Stell Dir vor, das ganze gute Silber, das über Generationen in unserer Familie ist, müssen wir wahrscheinlich hergeben. Und das feine Porzellan, das nur zu den Feiertagen gebraucht wird, dazu die Kristallgläser und die hübsche Figurine, die mir Tante Pauline zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt hat. Nichts wird mehr bleiben, nichts. Ich bin tief getroffen, Henry.
Aber das Allerschlimmste habe ich Dir noch gar nicht erzählt. Wir werden zu Tante Milly in die Stadt ziehen. Zu Tante Milly! Du kannst Dir mein Entsetzen vorstellen. Zu dieser alten Schreckschraube, die so verstaubt daherkommt, wie ihre alten Lüster an der Decke. Denn, das musst Du auch noch wissen, unser Haus wird ebenso versteigert.
Papa hat gedroht, sich das Leben zu nehmen. Weißt Du, wieviele Ängste ich hier ausstehe? Immer, wenn ich sein Zimmer betrete, habe ich die Furcht, er könnte leblos in seinem Stuhl sitzen. Ich traue mich nicht mehr zu ihm zu gehen. Dauernd hat Papa schlechte Laune. Er lacht nicht mehr und er sieht plötzlich so alt aus. Das alles hat ihn tief getroffen. Er sagte, er habe versagt. Aber das hat er doch gar nicht. Er kann doch nichts dafür, dass diese Welt so komisch geworden ist und dass es plötzlich diese Kutschen ohne Pferde davor gibt. Diese Automobile. Nun gehen die Menschen aus unserem Dorf lieber in die Stadt und kaufen sich solch ein Automobil, weil es schicker ist und mehr hermacht, sagen sie. Solch ein Blödsinn, wie kann ein Ding, das laut knallt und stinkt, schicker sein. Ich verstehe das alles nicht.
Papa meinte noch, eine Ära geht zu Ende. Und ich denke, er hat Recht. Mein Papa arbeitet in der 4. Generation als Kutschenbauer, davor Großvater Frederik, Urgroßvater Edward und Ururgroßvater James, den ich nie kennengelernt habe.
Mama meinte gestern abend, als wir zusammen Strümpfe stopften, wenn wir zu Tante Milly ziehen, werde ich arbeiten müssen. Arbeiten, Henry, ich! Du weißt doch, was für eine Träumerin ich bin. Ich möchte auf Bälle gehen, schöne Kleider tragen, mich von den alten, verknitterten Schachteln, deren Ehemänner im Kabinet sitzen, bewundern lassen. Ich dachte, unser schönes Leben würde auf Ewig so weitergehen. Und nun das.
Ich soll im Krämerladen arbeiten und die Milch, den Zucker, das Brot und das Obst und Gemüse abzählen. Und der Besitzer, Mr. Ford, will mir zeigen, wie ich mit der großen Kasse umgehe. Dann soll ich Leute bedienen, Henry! Dabei haben uns doch immer die Leute bedient. Es ist plötzlich verkehrte Welt hier.
Mrs. Miller, aus dem Laden um die Ecke hat mich gestern ganz mitleidig angesehen, als ich eine neue Borte für meinen alten Mantel kaufte. Und als Mrs. Smith dazukam, begannen sie zu tuscheln. Ich verstand etwas von "Armes Ding, ...die guten Zeiten sind vorbei, ...so schnell kann es kommen im Leben, und: ...ich habe es ja kommen sehen,... die waren immer ein wenig hochnäsig." Dabei waren wir gar nicht hochnäsig. Wir haben Mrs. und Mr. Smith sogar im vergangenen Jahr einen unserer Truthähne gebracht, als die Köchin ihn anbrennen ließ. Die Köchin wurde damals noch vor den Weihnachtstagen entlassen und weil Mrs. Smith dann niemanden mehr hatte, der für sie gekocht hat, hat Mama ihr auch noch geholfen. So sieht es aus. Wir waren nicht hochnäsig. Ich glaube, Mrs. Smith war nur neidisch auf uns, weil wir uns die braune Stute kaufen konnten, die sie so gern gehabt hätte. Das trägt sie uns bis heute nach.
Ich denke die ganze Zeit, was soll nun aus mir werden? Ich kann doch nicht bis zum Ende meiner Tage im Krämerladen arbeiten. Dafür bin ich einfach nicht geschaffen. Und Mama weiß das auch, trotzdem lässt sie nicht mit sich reden. Sie sagt, jeder von uns muss jetzt dazu beitragen, dass wir diese schwierige Situation bewältigen. Selbst sie will wieder Kinder der Kirchgemeinde unterrichten. Und eigentlich wollte sie das nie wieder, weil sie sagt, dass die Kinder von heute so frech sind und keine Manieren kennen. Papa wird wohl oder übel in Onkel Williams Kanzlei arbeiten müssen. Er will das gar nicht, weil er nicht von Familienmitgliedern abhängig sein möchte. Aber auch er hat keine andere Wahl.
Vor meinem Fenster fallen die ersten Schneeflocken in diesem Winter und Du kannst es nicht sehen. Ich werde später nach unten gehen und mit Minna den Baum anputzen. So wie jedes Jahr soll es noch einmal sein. Keiner soll Kummer haben, denn jetzt kommt doch die schönste und feierlichste Zeit im Jahr. Weiße Weihnachten, ach, wie ich sie liebe. Und wir werden Bratäpfel im Ofen machen, mit dicken Rosinen und ganz viel Zucker. So, wie ich sie als Kind schon mochte. Minna wird sie aushöhlen und ich werde sie füllen. Es wird wunderbar werden.
Ach, Henry, wie sehr wünschte ich, Du wärst jetzt hier. Dann würden wir zusammen auf meinem großen Bett liegen und uns ansehen und die friedliche Stille der weißen Landschaft in uns aufnehmen. Ich würde, wie ich es so gern mache, über Deine zarten Wangen streichen und in Deine blauen Augen sehen. Wir schmiegen uns dann ganz fest aneinander und lassen uns nie mehr los, bis das Übel vorüber ist, um aufzustehen, als wäre nichts geschehen.
Ich vermisse Dich so, mein Henry. Hoffentlich erreicht Dich der Brief noch rechtzeitig vor Deiner Rückreise aus Indien, damit Du mir eine Antwort senden kannst.
In Liebe
Deine Jane.
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