Dienstag, 2. Februar 2016
Das Heidelbeerkompott
Es war einmal ein Mädchen. Es trug langes, braunes, glattes Haar, welches einen pinken Schimmer zeigte, wenn es von der Sonne beschienen wurde. Sie hatte Augen, so groß wie Aprikosen über einem Mund aus einer Farbe eines rosa Erdbeermilchbonbons. Ihr roséfarbenes Kleid wehte leicht im Sommerwind, der sich sanft an den Bäumen des Waldes entlang hauchte.
Das Mädchen, ihr Name war Rosa, lief durch das morgendlich sonnenbeschienene Gehölz des Waldes, der vom Tau der Nacht glänzte. Sie war allein unterwegs. Ihre Mutter, daheim mit ihrem Bruder, bereitete derweil das Frühstück zu. Dicke, leckere Pfannkuchen sollte es geben, überzogen von lila Sirup aus den Blüten der Veilchen, die im Garten wuchsen.
Rosa wollte Pilze für das Mittagessen sammeln, doch plötzlich sah sie eine leichte weiß-graue Wolke in den Himmel steigen. Sie dachte, der Wald würde brennen und machte sich auf den Weg, zu erkunden, woher die Wolke kam, um gegebenenfalls den Brand zu löschen.
Doch als Rosa näher kam, sah sie, dass der Wald völlig in Frieden vor sich hinlebte, auf dessen Rasen jedoch ein großer Bottich stand, gefüllt mit einer süß duftenden blubbernden Masse. Rosa starrte eine Weile in den Bottich und fragte sich, wer ihn wohl vergessen haben mochte. Da sie ein wenig Hunger verspürte und sie sich die Pfannkuchen der Mama bildlich vor ihren inneren Augen vorstellen konnte, steckte sie den Finger in die Masse, um einmal zu probieren. Sie sagte "Autsch!", denn das blubbernde Lila war sehr sehr heiß.
Es stellte sich heraus, dass es sich um Heidelbeeren handelte, die zu einem Kompott gekocht wurden. Heidelbeerkompott machte sich besonders gut auf frischen Pfannkuchen, fand Rosa und überlegte mit kraus gefalteter Nachdenkerstirn, wie sie den Kessel vom Wald ins Dorf tragen konnte. Ein kleines Behältnis, um sich etwas Kompott abzufüllen, hatte sie nicht dabei. Bloß einen geflochtenen Korb, den ihr die Mama für die Pilze mitgegeben hatte.
Ihr fiel keine andere Idee ein, als den Hufschmied und den Fleischer zu holen. Sie waren starke, kräftige Männer, die den Bottich ganz sicher bewegen und ihn auf den Marktplatz bringen konnten.
So schnell ihre Beine sie trugen, rannte sie in ihr Dorf. Ihr braun-pinkes Haar schillerte in der hellen Sonne, ihre Bäckchen wurden rosa von der Anstrengung und ihr Kleid flatterte hinter ihr in dem Morgenwind.
Im Dorf bei Hufschmied und Fleischer angekommen, flogen Schweinebeine hinter die Ladentheke und mit dem letzten Hufeisen wurde schnell der vierte Fuß des Pferdes beschlagen. Dann ließen Hufschmied und Fleischer ihre Arbeit stehen und rannten mit dem Mädchen zurück in den Wald, denn der Gedanke an frisches Heidelbeerkompott auf ihren sonst eher karges Essen gewohnten Zungen, ließ sie sich beeilen.
Im Wald angekommen, hoben die Männer unter Ächzen und Stöhnen den Bottich an, um ihn mit Mühe und Not ins Dorf zu bringen.
Dort wurde der Bottich in der Mitte des großen Marktplatzes aufgestellt, direkt neben dem Steinbrunnen.
Neugierige Blicke wurden auf ihn geworfen und sofort kamen Dorfbewohner herbei und stellten sich um das große Gefäß. Schnell waren der Platz und die Straßen vom süßen, fruchtigen Heidelbeerduft erfüllt. Er stieg den Menschen in die Nase und in ihre Gehirne. Bilder von einem Paradies voller Heidelbeerbrote, Heidelbeerlollies, Heidelbeerzimtschnecken, Heidelbeermarmelade und allerlei mehr Heidelbeerigem entstanden in den Köpfen der hungrigen Meute. Die Köchin eilte mit einer großen Kelle herbei, um die Masse abschöpfen zu können, Kinder steckten mutig ihre dünnen Fingerchen in den heißen Blubberbrei, die Bäckerin hatte Baguettes auf einen Karren geladen, den sie neben Brunnen und Bottich aufstellte. Jeder durfte sich an diesem Tage umsonst von ihrem Brot nehmen. Obwohl erst Samstag war, brachte der Milchbauer die gute, rahmige Butter herbei, die sonst nur an Sonntagen auf den Tisch kam. Jeder sollte das leckere Kompott kosten dürfen und sich ein bisschen wie im Schlaraffenland fühlen können.
Rosa hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Leute herbei zu bitten, damit jeder die frohe Kunde des auf mysteriöse Weise erschienenen Kompotts erfahre.
Es dauerte nicht lange und viele Anwohner hatten von der Leckerei gekostet. Dabei geschah etwas erstaunliches. Der Duft nach süßen Heidelbeeren ließ nicht etwa nach, je leerer der Bottich wurde, sondern er vervielfachte sich. Er wurde ein wenig milder, aber blieb noch immer lieblich süß. Und die Mienen der Menschen wurden auf wundersame Weise heller. Eine zu Sorgen gefaltete Stirn wurde plötzlich glatt, trübe graue Augen bekamen einen perlmuttfarbenen Schimmer, Wangen wurden röter, Lachen ertönte aus den verschiedensten Winkeln des Dorfes, Kinder spielten friedlich in Grüppchen mit ihren Spielzeugen, ganz ohne Streit und die knurrigen Opas nahmen ihre langjährigen Frauen in die Hand, was sie schon lange nicht mehr getan hatten. Die Tiere in ihren Ställen und Heimen hörten auf, nervös zu quieken, miauen, bellen und zu flattern. Sie schienen vom Heidelbeergeruch in eine selige Ruhe gefallen zu sein und schliefen friedlich auf ihren Plätzen. Ein Frieden kehrte im Dorf ein, den es so schon lange nicht mehr gegeben hatte.
Alles hätte so schön sein können, doch plötzlich hörte man das Trappeln von Pferdehufen auf den abgelaufenen grauen Pflastersteinen. Ein eiliges Trappeln, gar nervös schien es zu sein.
Auf den anreitenden Pferden saßen die dickbäuchigen, in Ritterrüstung gekleideten Gesandten des Oberoberbürgermeisters. Ein Herr von späterem Alter, ergraut, sein Blick, wenn er den Dorfbewohnern begegnete, was kaum geschah, war immer hochnäsig. Er stand in dem Ruf, ein Menschenfeind zu sein und den Bewohnern des Dorfes nichts zu gönnen. Sie waren darauf angewiesen, Tauschhandel untereinander zu betreiben, denn sie bekamen nie Geld für die abgelieferten Waren am Schlosse des Oberoberbürgermeisters. Ein Dach über dem Kopf habe den Menschen zu genügen, meinte der Oberoberbürgermeister. Außerdem würde immer etwas Essbares von den eigenen Erzeugnissen abfallen, sodass das Zahlen von Geld für den "Wächter des Dorfes" keine Notwendigkeit darstellte. Er wurde von allen Leuten im Dorf gehasst. Zutiefst gehasst.
Als ein Hauch von Heidelbeerduft nun auch zu ihm drang, lüftete er seine Nase und schnupperte. Es war so ein schnodderiges Schnuppern, einem Menschen gleich, dessen letztes Stündchen geschlagen hatte. Er schickte seine Gesandten ins Dorf mit der Order, die Mischung zu konfiszieren und Kostproben in sein blaßblaues, eisfarbenes Schloss bringen zu lassen.
Das Heidelbeerkompott war zu dreiviertel der Menge von den Dorfbewohnern aufgegessen worden, doch bevor sich die Gesandten auf den Weg zurück ins Schloss begaben, beschlossen sie, selbst eine Kostprobe zu nehmen. Einer der Gesandten beugte sich so weit über den hohen Bottich, dass er kopfüber hineinfiel und schreiend darin am Boden kleben blieb, denn das Kompott kochte noch immer und auf dem Boden hatte sich ein klebrig-zuckriger Satz gebildet, an dem die Kleidung des Gesandten hängen blieb. Er brühte also mit.
Da er sich aber seit Tagen nicht gewaschen hatte, denn der Regen war lange ausgeblieben und die Frischwasserwannen im Hofe des Schlosses waren nicht mehr genug gefüllt gewesen, begann er, bei der Verbrennung einen moderigen, schimmeligen Geruch zu verbreiten, der sich auf den Rest des Kompotts und auf die beiden umstehenden Gesandten legte.
Sie waren schnell genug gewesen und konnten vor dem Verkochen ihres Kameraden noch schnell etwas Kompott für sich abschöpfen. Sie probierten genüsslich davon und weideten sich an der Süße.
Es dauerte jedoch nicht lange und einer der zwei Kameraden sagte zum anderen, dass er nicht nur schimmelig, sondern auch irgendwie nach fauligem Obst, oder gar gärig rieche. Dieser Kamerad meinte, er könne den Geruch ebenso am Anderen wahrnehmen. Während er es ihm mitteilte, fing sein Bauch an zu grummeln, als würde eine große Blase in ihm entstehen und er gleich platzen, was er auch in diesem Moment tat. Sein Rumpf borst nach allen Seiten, lila-rote Flüssigkeit spritzte aus ihm hervor, auf das graue Gestein des Straßenpflasters. Er wollte noch vor Schmerzen schreien, aber dazu kam er nicht. Er hinterließ eine ziemliche Sauerei.
Der dritte Gesandte, nun allein und verlassen von seinen Kameraden, stand erstarrt vor Schreck auf dem leeren Marktplatz, stinkend und rot anlaufend, als würde auch er gleich platzen. Ehe er es sich versah, merkte er, dass etwas an seinem Bein zu krabbeln begann. Er blickte herunter und fand, oh Schreck, eine Horde Ameisen, grün, braun und schwarz, die an ihm empor krabbelten. Es zwickte und es wurden immer mehr Tiere. Sie begannen zu beißen, sie nagten an ihm und an dem Kompott, das zu einer fiesen süß-gärig-fauligen Mischung geworden war, die bereits begann, grünlich schillernd zu glänzen.
Der Gesandte verfiel in helles, gählendes Schreien und rannte davon, auf den Fluss zu, der das Dorf umgab. Er ward nie wieder gesehen.
Der Oberoberbürgermeister, der einsam auf seinem Schloss auf das genussvoll duftende Kompott wartete, nahm mit der Zeit wahr, dass sich der Geruch verändert hatte, an Schärfe gewann und an Süße verlor. Er sah grünliche Rauchschwaden auf sein Fenster zugleiten, langsam wabernd, unaufhaltsam. Schnell schloss der Wächter des Dorfes die Fenster, zog die Gardinen zu und floh in die Toilette, der einzige Raum im Schloss, der keine Fenster hatte.
Doch der Dampf schaffte sich seinen Weg durch jede noch so kleine Ritze. Er fand den Weg in die Toilette und umspielte mit schwebender Leichtigkeit den Oberoberbürgermeister, der ganz benebelt von den Schwaden wurde. Er verlor die Besinnung und fiel in eine tiefe Ohnmacht, aus der er nicht mehr erwachte. Der Dampf hatte Gase gebildet, die den Herrn sanft entschlummern ließen.
Das Dorf war von seinem fiesen Oberoberbürgermeister befreit und als die Nachricht vom Finanzminister, der sich all die Jahre sehr bedeckt gehalten hatte und einsam in einem angrenzenden Haus nahe des Schlosses lebte, bekannt gegeben wurde, tanzten alle Bewohner vor Freude um den nun leeren Bottich herum.
Zur Feier des Tages pflückten die Obstbauern Aprikosen, die sie dann im Bottich zu Marmelade verarbeiten wollten, wenn sie ihn gründlich von allen Gesandtschaften gereinigt hatten.
Den Aprikosen sagte man nach, dass demjenigen, der sie isst, immer die Sonne scheine. So erblickte man also wenige Tage später hunderte kleiner Sonnen über dem Dorf mit dem besten Obst der Welt.
Wer aber hat dereinst den Bottich in den Wald getragen und Kompott zubereitet? Noch heute hört man den Finanzminister des Dorfes hämisch lachen, wenn man ihn danach fragt. Seine Geldspeicher liefen bald über und es wurde Zeit für ihn, das Metall an den Mann oder die Frau zu bringen. Zudem konnte er den Oberoberbürgermeister nicht leiden, dafür aber die schöne Rosa, der er ein Lächeln ins Gesicht zaubern wollte...
Und die Moral von der Geschicht´? Nasche niemals von verbotenen Früchten. Oder so.
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