Freitag, 12. Februar 2016

Im Nebel

"Ich gehe durch den Nebel. Er ist dicht und grau-weiß. Er ängstigt mich nicht, weil er hell ist. Freundlich-einhüllend. Mein Körper fühlt sich leicht an bei jedem Schritt. Als würde ich schweben.
Mein Haar ist weiß, bodenlang und weich, samtig fast. Ich weiß nicht warum, aber ich bin blass, trage ein weißes, mit Rüschen besetztes bodenlanges Kleid, fast wie ein Nachtgewand einer alten Dame. Meine Augen sind meeresblau. Sie leuchten vor Klarheit und glitzern in Tiefe. Vielleicht bin ich eine alte Dame. Eine weise alte Damen mit einem gelebten Leben, voller Höhen und Tiefen. Ich lächele nicht, aber ich bin auch nicht traurig. Es ist eigentlich überhaupt keine Stimmung, die ich spüre. Die pure Leer. Eine schöne Leer, die nicht gefüllt werden muss.
Doch eines verstehe ich nicht. Ich sehe mein Herz, rechts über mir. Es ist aber gar kein Herz, sondern eine Erdbeere. Ein transparenter Faden verläuft von meinem Körper hin zur Erdbeere. Wir sind verbunden, aber nicht zusammen.
Die Frucht ist rot. Nicht so rot wie der Mantel eines Königs, aber auch nicht so blass wie ein Sahnebonbon. Sie ist rot, wie eine Erdbeere im Sommer kurz vor ihrer vollen Entfaltung nun einmal ist. Und sie hat gelbe Kerne, versprenkelt über die ganze Herzform. Die Kerne sind die einzig harten Gebilde an dem sonst saftig anmutenden Herz.
Mein Fruchtherz schwebt mit mir gemeinsam. Wo ich bin, ist mein Herz. Es folgt mir. Jedoch ist es eigenständig, ein wenig eigenständig. Nicht ganz. Ob das Herz wieder ein Herz hat? Wenn ja, wie sieht es aus? Ist es eine Babyerdbeere? Klein und grünlich-gelb?
Mein Herz pulsiert jedoch nicht. Es folgt mir zwar, aber es bewegt sich nicht. Wie eine wirkliche Erdbeere, die ich als Kind vom Strauch im Garten meiner Großeltern erntete.
Bei all der Vormichhinschweberei, bei all der mich und den Raum erfüllenden Leere merke ich, dass ich eines nicht kann... Den Ort außerhalb meines Nebelgebildes entdecken. Es ist mir nicht möglich, eine andere Welt zu sehen, als die, in der ich mich befinde. Ich kann den Nebel nicht durchdringen, denn er gibt mir Sicherheit. Hier fühle ich mich wohl und geborgen. Er kuschelt mich ein. Es ist wie das Lehnen an das weiche, warme Fell eines Tieres. Ich möchte den Nebel nicht verlassen. Ich möchte gern für immer in ihm bleiben. "

"Und was sehen Sie, wenn ich Sie frage, was Sie außerhalb Ihres Nebeltraumes erleben?"

"Dann? Dann sehe ich auf den Boden des Vogelkäfigs, auf meinen leblosen Wellensittich, wie er so daliegt, sich nie mehr flatternd durch die Wohnung beweigen und nie mehr tschilpen wird."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen