Montag, 26. November 2012

Kapitel 10: Zum letzten Mal im Paradies

Anjali und Vikor sitzen an einem weißen, mit einer Blumenvase mit bunten Frühjahrs- und Sommerblumen geschmückten Tisch, auf dem in der Sonne glitzerndes, poliertes Silberbesteck und weiße Teller liegen.
Vogelgerippe sitzen auf den Bäumen und stimmen ein Weihnachtslied an, denn hier, an diesem friedlichen Ort gibt es keine Zeit.

Oma Erna winkt mit ihrem Gehstock Anjali und Vikor zu, die an ihrem Tisch Würmchen aus den Äpfeln ziehen. Ein Adlersekeltt schwebt über ihnen, an dessen Schnabel an der Wirbelsäule der kleine Murphy hängt.

"Ich hab´es doch gewusst! Ich kann flieeeegggeeennn!! Ich bin der König der Welt!!!", schreit er, sodass Oma Erna erschrocken nach oben sieht und währenddessen aus ihrem offenen Mund ihr Gebiss verliert.


Anjali und Viktor sehen sich an und wissen, nun ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen.

"Was wirst Du tun, Viktor?"
"Siehst Du das Kanonenschiff dort?", und zeigt mit seinem Skelettfinger auf den Segler, der in der gleißenden Sonne auf dem wie ein Himmelszeit glitzernder See liegt.
"Dort werde ich anheuern und zurück auf die Erde fahren. Solange ich Skelett bin, möchte ich mir meinen einmal gehegten Kindertraum erfüllen: einmal auf einem Schiff in der Maschine arbeiten. So richtig schwere, gute Männerarbeit verrichten, am Abend nach Öl und Schweiß riechen und dann in der Kombüse Fleischsuppe mit Kartoffeln verzehren.
Vielleicht hast Du recht, Anjali, und ich sollte aus meinen Verhalten zu Lebzeiten lernen. Ich werde mich noch einmal als Mensch versuchen, auf einem mehr oder weniger kommt es da unten sowieso nicht mehr an.
Ich habe mir dazu das hübsche Glühwürmchen ausgesucht, das linke dort hinten an dem alten Kirschbaum, welches so hellgelb dahinflittert. Ja, du hast richtig gesehen. Es ist ein Mädchen-Würmchen. Ich will endlich wissen, was ihr Frauen so toll an rosa Kleidchen und Spangen im Haar, Schminke im Gesicht und diesen wahnsinnig hohen Schuhen findet.
Außerdem habe ich den Eindruck gewonnen, dass Frauen eindeutig besser auf sich aufpassen können und sie eher breit sind, an sich zu arbeiten, um ihrer Seele nicht zu schaden.
Doch sag mir, was wird aus Janita und Miguel? Ich sehe sie an diesem Tisch im Café sitzen, Kuchen essen und miteinander reden, aber soll das alles gewesen sein?"

"Mach Dir um die beiden keine Sorgen, sie sind auf einem guten Weg, sich selbst ein harmonisches Leben zu ermöglichen. Sie brauchen vor allem zwei Dinge: Zeit und Geduld. Ich denke, das haben beide. Sieh nur...Sie lachen miteinander, das ist ein guter Anfang. Wie ihr Leben und ihr Miteinander verlaufen wird, ist momentan auch nicht so wichtig, denn das Leben ist nicht planbar und somit haben sie unendlich viele Möglichkeiten.
Aber wie sehr freut es mich, zu hören, dass Du es noch einmal versuchen willst, als richtige Lady. Ich bin begeistert und ich wünsche Dir von Herzen nur das Beste dort unten und ganz viel Kraft, denn die wirst Du brauchen, um Dich den Menschen zu öffnen, hinzugeben und mit ihren Unfreundlichkeiten, Bissigkeiten und Gemeinheiten, die Du durchaus wieder vorfinden wirst, gut umzugehen. Ich weiß, Du wirst es schaffen, denn Du nimmst die Erfahrungen und unsere Gespräche aus unserem kleinen Paradies hier mit."

"Aber was wird mit Dir, Anjali?"

"Wenn Du gehst, werde ich auch gehen, aber für mich wird es kein Leben auf der Erde mehr geben. Ich werde in der Sonne aufgehen und nicht wieder zurückkehren."

"Oh..."

"Sei nicht traurig, ich habe meine Aufgaben in mehreren Leben erfüllt und ich habe Dich dazu bewegen können, ein neues Leben zu beginnen. Für mich gibt es nichts mehr zu tun. Und jetzt lass uns gehen."

Anjali und Viktor erheben sich von ihren Plätzen vor dem Tisch und gehen gemeinsam, Skeletthand in Skeletthand, die Wiese entlang zum Wasser, auf dem das Kanonenschiff wartet.
Sie umarmen sich ein letztes Mal. Tränen kullern über Viktors Wangenknochen, die an seinen Rippen hängen bleiben, um sich in weitere Tränen zu spalten, die dann mit leisem "Plingplingpling" auf das Gras fallen. Er hätte nie gedacht, dass ihm der Abschied von Anjali so schwer fallen könnte, denn in seinen Augen verlangte sie das Unmögliche von ihm, indem sie ihn immer wieder bat, doch noch einmal auf die Erde zurückzukehren. Letztendlich tat er nun genau das.

Beide lösen sich aus ihrer Umarmung. Sie stehen direkt vor dem Segler, der Viktor in ein neues Leben bringen wird. Er läuft auf die Strickleiter zu, die an Bord des Schiffes führt und erklimmt sie mit eiligen Schritten. An Deck bleibt er stehen und schaut auf das offene Meer, das silbrig-grau in leichten Wogen vor ihm liegt und auf dem er gleich davongetragen wird. Die Sonne wirft ihre Strahlen auf das Wasser und auf ihnen läuft Anjali in ihrem weißen, wehenden Gewand der großen gelben Kugel entgegen. Der Wind umspielt sanft ihre Haare, die in weichen Wellen um ihren Körper fliegen. Sie sieht aus wie ein Engel, der, je weiter sie empor schreitet, zu einem gleißenden, weißen Licht wird, das mit der Sonne verschmilzt.
Kurz bevor Anjali ihren letzten Punkt in ihrem Menschen-und Skelettenleben erreicht, dreht sie sich noch einmal um und schaut zu Viktor. Sie hebt die Hand, winkt und plötzlich, nach einem kurzen Aufblinzeln von Viktor, der ihr zurückwinkt, ist sie nicht mehr da. Viktors Schiff legt ab und fährt hinaus, in eine unbekannte, neue Welt.
© JanaPetrat

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