Es ist Mitte Januar des Jahres 1981 und Miguel Fuertes, fünf Jahre alt, sitzt allein in seinem Zimmer, seinen Teddy im Arm, auf seiner Nase prangt eine runde Kinderbrille und auf seinem Schoß liegt "Bootsmann auf der Scholle", ein Kinderbuch, das auf der Buchvorderseite ein kleines Hündchen auf einer Eisscholle inmitten dunkelblauen Wassers zeigt.
Er fährt mit seinem kleinen Finger über die Schriftzeilen und tut so, als würde er angestrengt lesen, aber eigentlich kennt er jede Textzeile auswendig, denn seine Mama las ihm die Geschichte so oft vor, dass er sie sich in allen Einzelheiten einprägte. Es kam vor, dass seine Mama und sein Papa Besuch empfingen und Miguel ins Wohnzimmer vor die Gäste trat, mit dem Buch in der Hand, und tat als würde er die Geschichte in Gänze vorlesen, worauf hin der Besuch im Anschluss an Miguels Lesung in die Hände klatschte und ihn für seine Lesekunst bewunderte.
Doch heute ist er unkonzentriert, in seinem Kopf will sich die Geschichte nicht lückenlos formen und sein Gehör schweift ab, hinein in das Wohnzimmer, aus dem immer wieder harte, männliche Worte herüber dringen, unzusammenhängend und in Stakkatoschritten:
"...qué mierda!...Wie oft habe ich nicht schon gesagt...Estás loco...Nein, dieses Mal nicht!...", während eine Frauenstimme versucht, die Situation nicht eskalieren zu lassen oder, wenn ihr das Geschrei ihres Gegenübers zuviel wird, entgegenzuhalten: "Combarde, cállate!...mit mir nicht mehr machen....bildest Du Dir ein, wer Du bist?"
Miguels kleines Herz klopft bis zum Anschlag. Er hat Angst, dass gleich etwas Schlimmes passiert. Würde man ihn fragen, wovor er genau Angst hat, würde er antworten: "Ich habe Angst, weil Mama und Papa sich immer so doll streiten und dass Papa dann böse zu mir ist und Mama wieder weint." Er kann sich noch genau an den Nachmittag erinnern, als sein Vater fuchsteufelswild in sein Kinderzimmer gestürmt kam, ihn von seinem Stühlchen zerrte und ins Wohnzimmer schleppte, nur weil er erfahren hatte, dass sein Sohn im Kindergarten geweint hat, als ein anderer Junge nicht mit ihm spielen wollte.
"Miguel, richtige Männer weinen nicht! Lass Dir das gesagt sein. Du hättest auch allein spielen können, wie Jungs das eben so machen. Wenn Du so weitermachst, wirst Du als Heulsuse enden und niemand wird dich je wieder akzeptieren. Jetzt geh´und wasche Dich, dann macht Deine Mutter Dir eine Stulle und danach gehst du schlafen. Nein, eine Geschichte wird Deine Mutter Dir nicht vorlesen. Heulende Jungs haben keine Belohnung verdient."
Als Carlos Fuertes, ein argentinischer Einwanderer, sieben Jahre zuvor die junge Kara Sonnenberg heiratet, sind beide noch ein glückliches Paar, doch wie es bei jungen Leuten oft ist, verfliegt die erste Verliebtheit und nach der Geburt ihres Sohnes Miguel beginnt das Paar, sich zu streiten. Miguel hat Angst vor seinem Vater, denn er weiß nie, was ihn erwartet, wenn er nach einem Streit die Tür seines Kinderzimmers öffnet. Wird seiner Mutter etwas zugestoßen sein oder wird sie, wie sonst auch, weinend in der Küche stehen und Essen zubereiten, während sich ihre Tränen mit dem Saft der geschnittenen Tomate vermengen?
Miguel schleicht auf leisen Sohlen zu ihr, in der Hoffnung, der Vater würde ihn nicht bemerken und ihn zurück in sein Zimmer schicken. Dann schmiegt er sich an das warme Bein seiner geliebten Mama und sie streicht ihm zart über seinen kleinen Jungenkopf. Beide halten sich ganz doll fest und empfinden es als ungemein tröstend und beruhigend, sich so nah beieinander zu wissen, denn hier ist die Welt noch heil, obwohl sie es sonst oft nicht ist.
Wenn Miguel nicht gerade in seinem Kinderzimmer liegt und tut, als würde er lesen, dann verbringt er sehr viel Zeit im Theater, denn Kara Sonnenberg ist eine angesehene Regisseurin, die Stücke wie "Hamlet", "Antigone" und "Die Dreigroschenoper" inszenierte. Auf diese Weise kommt Miguel schon früh mit der Welt der Literatur in Berührung, die ihn in seinem Leben immer begleiten wird. Auch wenn er nicht alles versteht, was dort auf der Bühne geprobt und dargestellt wird, ist er immer wieder fasziniert von den unterschiedlichen Charakteren der handelnden Figuren. Mit offenem Mund und großen Augen sieht er fasziniert auf das ihm auf der Bühne Dargebotene. Seine Mutter beginnt früh, ihm zu erklären, was sich vor ihm abspielt.
Miguels Kopf ist immer angefüllt mit Bildern, die er entweder im Theater auf der Bühne sieht, oder selbst erfindet. Geschichten kreisen um und in ihm herum. Er lebt in seiner kleinen eigenen Welt und kann aus diesem Grund wenig mit seinen Kindergartenfreunden anfangen, die ihn dazu bewegen wollen, mit Buddelförmchen und Treckern zu spielen. Wie kann er spielen, wenn sich doch in seinem Kopf soviel bewegt? Er ist schnell gelangweilt von dem wiederholten Auftürmen von Sandbergen im Sandkasten oder dem gemeinsamen Zusammensitzen am Mittagstisch. Viel lieber würde er sich im Schlafraum auf sein Bettchen legen und seinen unzähligen Gedanken folgen.
Weil er so sonderbar ist und sich nicht recht für die Spiele seiner Kameraden interessiert, wird Miguel mit der Zeit zum Außenseiter. Selbst wenn er von verkleideten Menschen erzählt, die er am Vortag im Theater sah und die aussahen, als wären sie Monster oder Elfen oder Könige, so scheinen diese Erzählungen die anderen Kinder wenig zu interessieren, weil sie lieber aktiv etwas unternehmen wollen, als nur Miguels Schilderungen zu lauschen.
Vor nicht allzu langer Zeit sagte einmal ein Mädchen zu ihm: "Ich mag Dich nicht, du erzählst ja nur immer Geschichten. Nie spielst Du mit."
Miguel versteht diese Ignoranz oft nicht und fragt sich, warum sich keiner für seine Geschichten interessiert. Er weiß nicht, dass er den Kindern seines Alters manchmal ein wenig voraus ist. Durch die Arbeit seiner Mutter wird er mit Themen konfrontiert, die Kinder seines Alters erst in ein oder zwei Jahren kennenlernen werden, wenn sie selbst mit ihren Eltern zum ersten Mal ins Theater gehen. Er erkennt auch nicht, dass die Kinder mit seinen Geschichtserzählungen oft überfordert sind.
Einmal erzählte Miguel, dass er dabei zusah, wie ein Mensch auf der Bühne starb und Blut aus ihm rann. Doch gleich darauf, so erzählte er weiter, stand dieser Mensch wieder auf und lief putzmunter von der Bühne, ohne wirklich gestorben zu sein. Dieser Bericht irritierte seine Kindergartenkameraden so sehr, dass sie sich ungläubig von ihm abwandten, da sie die Zusammenhänge, die Miguel versuchte, ihnen zu erklären, nicht verstanden.
Die Erlebnisse im Kindergarten und zuhause trugen dazu bei, dass Miguel sich oft einsam fühlte. Einen wahren Freund hatte er dennoch. Dieser kam an manchen Nachmittagen zu ihm, wenn Miguels Mama und Papa noch arbeiteten. Gemeinsam mit ihm eroberte er die Welt seiner Bilderbücher. Sie sahen sie gemeinsam an und sprachen darüber oder sie erfanden neue, spannende Abenteuergeschichten. Das waren Miguels glücklichste Stunden, fern ab von den anderen, ignoranten Kindern und von den lauten Worten seines Vaters, die am Abend sicher wieder durch die gesamte Wohnung zu hören sein würden....
© JanaPetrat
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