Dienstag, 20. November 2012

Kapitel 5: Anjali

Anjali Sharma war neunzehn Jahre alt, als sie während ihrer Ausbildung im angesehenen Taj-Mahal-Palace-Hotel in Bombai ihren zukünftigen Ehemann Lal kennenlernte.
Lal, ein Sohn eines reichen Bankiers, arbeitete während seines Studiums zum Maschinenbauingenieur manchmal als Nachtportier in der Empfangshalle des Hauses. Vom Vater war ihm aufgetragen worden, sich bereits frühzeitig an das Arbeitsleben zu gewöhnen und der handfeste, zupackende Job als Portier eignete sich exakt für einen Einstieg.
Anjali und Lal wohnten nach ihrer standesgemäßen Hochzeit in einem Haus, welches der Vater des Bräutigams dem Brautpaar zu Vermählung schenkte, in der Nähe des Presidency Golf Club. Lal war der Meinung, dass der materielle Luxus, der ihm bereits in die Babywiege gelegt wurde, sich allein dadurch erhalte, am Tag mit einem Cabriolet durch die Straßen der Stadt zu fahren und am Abend in angesehenen Clubs Kontakte zu knüpfen. So kam es dazu, dass er bald nach der Hochzeit sein Studium abbrach und nur zum Zeitvertreib, wie er Anjali einmal sagte, den Job als Portier behielt. Lal ging davon aus, dass sein Vater ihn für den Rest seines Lebens finanziell unterstützen würde und so sah er nicht die Dringlichkeit darin, sich mit schnöder Arbeit oder einem langweiligen Studium abzuplagen.
Doch er hatte die Rechnung ohnen seinen Vater gemacht, dem die Extravaganzen des Herrn Sohnes bald zuviel wurden. Der Vater drohte, Lal den Geldhahn zuzudrehen. Lal, der annahm, sein Vater würde diese Drohung nie ernsthaft in die Tat umsetzen, tat nichts dergleichen, um sich einen gut bezahlten Job zu suchen oder sein Studium wieder aufzunehmen.
Der Vater aber machte seine Ankündigung wahr. Da daraufhin das Geld hinten und vorn nicht reichte, um zwei Personen eines Haushaltes zu ernähren, war  Anjali darauf angewiesen, sich zusätzlich zu ihrer Lehre im Hotel eine Arbeit als Näherin zu suchen. Lal hätte dank seines Vaters die ausreichenden Verbindungen gehabt, Anjali zu einer angesehenen Position in einem guten Unternehmen zu verhelfen. Doch aufgrund seiner indifferenten Einstellung zum Leben und zur Arbeit vergaß er sein Versprechen, sich darum zu kümmern, Anjali eine angesehene Arbeitsstelle zu verschaffen, sodass sie sich allein um eine Arbeits bemühen musste.

Anjali, eigentlich eine lebensfrohe und lustige junge Frau, ertrug diesen desaströsen Zustand nur, indem sie sich so oft wie möglich mit ihren Freundinnen traf, um mit ihnen ins Kino, auf Partys oder ins Café zu gehen und ihrem faulen Ehemann zu entkommen, der nach seiner Arbeit zuhause im Wohnzimmer vor dem Fernseher saß und die Sportberichte schaute. Sie wusste, sie würde ihre Lage nicht ändern können, aber sie wollte für sich das beste aus der Situation machen. Selbst nach Streitigkeiten, die es immer wieder zwischen dem Ehepaar gab und die sich meistens auf ihre finanziellen Mittel und Lals Lebenseinstellung bezogen, blieb Anjali gelassen. Sie verließ dann das Haus, um ihr Gemüt zu beruhigen und auf andere Gedanken zu kommen. Weiterhin ließ sie ihren Ehemann erst einmal in Ruhe für sich selbst sein. Manchmal suchte sie danach noch einmal das Gespräch mit ihm. Doch sie merkte schnell, dass es keinen Sinn hatte, noch einmal mit ihm reden zu wollen, denn währenddessen schob Lal ihr die Schuld für die Streitigkeiten zu, denn sie wäre es schließlich, die ihn dazu drängte, sich eine seinem Lebensstandard finanziell entgegenkommende Anstellung zu besorgen. Als Anjali begriff, dass es sich nicht lohnte, wiederholt mit ihm zu reden, machte sie sich nicht mehr die Mühe und akzeptierte, dass sich ihr Mann nicht ändern würde. Aber es war kein akzeptierendes Aufgeben, sondern daraus erwuchs ein Annehmen der Situation, die sie nicht zu ändern vermochte und die Einsicht, dass sie, Anjali, Lal nicht mit Worten dazu bewegen konnte, ein anderes Verhalten an den Tag zu legen, wenn er es nicht selbst für sich wollte. Diese Einsichten führten dazu, dass sie ihre Tage genießen konnte und nicht trübsinnigen Gedanken nachhing. Sie konzentrierte sich mehr auf Dinge, die sie allein unternehmen konnte, ohne ihren Ehemann, denn den ließ sie sein Leben führen, eines, das ihm angemessen erschien.
Sie entschied, ihr Leben wäre zu kurz, um es in einem trostlosem Dasein zu verschwenden. Sie liebte das Leben, sie lachte gern, sie tanzte und vergnügte sich gern und sie dachte nicht daran, nur weil ihr Ehemann es tat, zuhause zu versauern.
Dann erkrankte Lal eines Tages an einer Hirnhautentzündung, plötzlich, unvorhersehbar. Anjali wachte an seinem Bett und empfand trotz aller Differenzen, die es zwischen ihnen gab, Mitgefühl. Hatte sein Vater ihn bis zu diesem Zeitpunkt mit Missachtung gestraft und ihm alle Bequemlichkeiten des Lebens bis auf Weiteres untersagt, so bemühte er sich plötzlich rührend um sein Kind. Beide sprachen sich aus und Lal schwor, seine Lebenseinstellung zu überdenken, sobald er aus dem Krankenhaus entlassen werden würde. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, sein Krankheitsbild verschlechterte sich innerhalb von zwei Tagen so stark, dass die Ärzte Lals Familie und Anjali keine Hoffnung auf Genesung machten. Als Lals Fieber immer weiter stieg, während er mit angezogenen Beinen wie ein Embryo im Krankenbett lag und sich seine Haut mit großen rot-lila Flecken überzog, verlor er das Bewusstsein und starb Stunden später. Nach indischer Tradition wurde er verbrannt und seine Asche am Fluss verstreut.

Eine angemessene Trauerzeit beträgt ein Jahr, doch Anjali erschien nach nur einem halben Jahr wieder auf Partys mit ihren Freundinnen, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die es nicht gern sah, dass sie sich über das züchtige Gesellschaftsverständnis hinwegsetzte. Anjali nahm sich die Worte ihrer Mutter aber nur so lange zu Herzen, wie diese mit ihr im gleichen Raum verweilte und so lernte sie wenig später den jungen Mann Rahul auf der Geburtstagsfeier einer ihrer Freundinnen kennen.
Rahul war ein gut aussehender Herr mit rehbraunen  Augen und schwarzen Haaren. Seine Haut hatte die Farbe eines von der Sonne beschienenen Banyan-Baumstammes. Anders als Lal war Rahul unglaublich gesprächsbereit, höflich und mit ausgezeichneten Manieren gesegnet, die von der guten Erziehung seiner Ajas herrührte. Er bemühte sich am Abend der Party auf sehr angenehme und charmante Weise um Anjali. Die Gespräche mit ihm waren zu keiner Zeit langweilig, sondern höchst interessant. Er erzählte ihr von seinen Schiffsreisen in das ferne Europa, die er des öfteren aus geschäftlichen Gründen unternehmen musste. Sein Arbeitsplatz befand sich hoch über den Dächern Mumbais in einem Wolkenkratzer. Dort hatte die Bekleidungsmarke Poonam Clothes ihren Sitz, bei der Rahul einer der Vorstandsmitglieder und Mitbegründer war.
Rahul hatte sich bereits am ersten Abend ihres Kennenlernens in die schöne Anjali mit ihren langen schwarzen Haaren, die wie Seide schimmerten, verliebt. Er tat alles dafür, in den folgenden Tagen ihre Telefonnummer ausfindig zu machen und sie zu einem Treffen zu bewegen, was dank der tatkräftigen Unterstützung der Freundin Anjalis kein allzu großes Hindernis darstellte.
Anjalis Treffen mit Rahul verliefen äußerst entspannt, da sich beide Zeit gaben, sich anzunähern und sich ausreichend kennenzulernen. Rahul warb ein Jahr lang um Anjali, die schließlich einer erneuten Hochzeit zustimmte, denn er hatte sie überzeugt, dass er ein Mann war, der zu seinem Wort stand und Anjali nicht allein ließ.
Noch einmal folgte eine traditionelle indische Hochzeit, mit einer in rot gekleideten Anjali und einem Turban tragenden, sehr aufgeregten Bräutigam.
Zwei Monate nach der Hochzeit erfuhr Anjali, dass sie das erste von insgesamt drei Kindern erwartete. Es wurde ein Mädchen, die sie Savitashri - Glanz der Sonne - nannten. Im Jahr darauf folgte ihr Sohn Sagar - der Ozean - . Ein weiteres Jahr später kam ihr letztes Kind, die kleine Gunjana - das Summen einer Biene -, zur Welt.
Das Familienleben aller Mitglieder hätte friedlicher nicht verlaufen können. Anjali kümmerte sich um die Kinder und Rahul ging seiner Arbeit bei Poonam Clothes nach. Manchmal nahmen sie sich eine Aja für die Kinder und verbrachten Stunden gemeinsam, die ausschließlich Anjali und Rahul gehörten. Dann gingen sie  in einem Edelrestaurant in Mumbai essen, oder in die Opernaufführung der "Zauberflöte", oder in einen der unzähligen und unglaublich lange dauernden Bollywoodfilme, welche Anjali mit ihrer Dramatik immer zu Tränen rührten.
Anjalis wohl behütetes und harmonisches Leben hätte auch bis in ihr hohes Alter so dahinfließen können, hätte sie sich nicht eines Tages auf den Weg zum Crawford Market gemacht, um frische Ananas und Mangos für ihre Kinder zu kaufen. Sie überquerte die viel befahrene Straße und bemerkte noch die Kuh, die sich am Straßenrand quer auf die Fahrbahn gestellt hatte, um dort ihr Geschäft zu verrichten. Kühe sind heilige Tiere in Indien und werden deswegen weiträumig von den Rikshas, Bussen und Autos umfahren. Anjali war gerade darauf bedacht, den Verkehr auf der Straße auszuloten, um sie dann, ohne die Gefahr, überfahren zu werden, zu überqueren, als hinter der Kuh ein Lastwagen, beladen mit geernteten Teepflanzen, hervorrauschte. Der Fahrer des Wagens erblickte die junge, in einen grünen Sari gehüllte Frau, doch es gelang ihm aufgrund der Schnelligkeit seines Autos und dem entgegenkommenden Verkehr nicht, ihr auszuweichen, sodass der LKW fast ungebremst auf Anjali zuraste. Anjali wendete erschrocken ihren Blick gen Fahrer, beide blickten sich den Bruchteil einer Sekunde an, bevor der Lastwagen Anjali überrollte. Entsetzte Passanten sahen, wie ein Rinnsal roten Blutes die Straße entlanglief, hinein in den nächsten Gulli, ohne Umkehr. Anjali war sofort tot und hinterließ ihren Ehemann und drei kleine Kinder. Der Fahrer des Wagens wurde mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert.
Während des darauf folgenden Trauerjahres wurden der Fahrer des LKWs und Rahul zu engsten Weggefährten, denn beide Männer sollte der Verlust der jungen Frau ein Leben lang verbinden. Sie teilten den gleichen, wenn auch nicht den selben Schmerz. Und so schien es letztendlich, als ließe Anjali ihren Mann trotz ihres Todes nicht allein.
© JanaPetrat

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