"Viktor, Viktor, Viktor! Warum nur, warum hast Du Dich so gehen lassen? Es schmerzt mir in der Seele, dich so zu sehen.",
sagt Anjali, die die Glaskugel vom dunklen Kirschholztisch hinunter in das grüne, saftige Gras stellt, um sie von Glühwürmchen bescheinen zu lassen, die durch ihr Licht lustige bunte Regenbogen in ihr erzeugen.
"Was hätte ich denn anders machen sollen? Sie waren hinter mir her und außerdem war ich immer allein, niemand wollte etwas mit mir zu tun haben.", meint Viktor etwas niedergeschlagen.
"Sieh Dich hier an, Du trägst ein schwarzes Cape, gebärdest Dich, als wärst Du das einzig starke Skelett, niemand scheint Dir etwas anhaben zu können und nichts macht Dir etwas aus. Diese Haltung hättest Du in Deinem Leben auf der Erde an den Tag legen sollen, dann hätte man Dich nicht umgebracht."
"Ja, spotte Du nur über mich, das weiß ich selbst. Du bist wieder die weltgewandte Frau, die immer alles richtig macht. Sieh Dich an, Du bist immer fröhlich, Du strahlst eine Ruhe und Ausgeglichenheit aus, die ich nie besessen habe. Du bis perfekt. Ich dagegen bin ein Nichts, der versucht, durch sein Auftreten das zu kompensieren, was mir auf Erden nicht gelungen ist.
Und ja, ich bewundere Dich für Deine Art. Ich verstehe nicht, wie Du so gelassen mit einem Mann umgehen konntest, der sich nicht um Dich sorgte, welcher immer mies gelaunt war und ständig mit schlechter Gemütsverfassung auf dem Sofa saß und fern sah. Wie, sag mir, wie machst Du das?" Viktor war zu einem Baum gegangen, um dort ein wenig an der Borke herumzupuhlen, sodass eine Raupe aus ihrem kleinen Versteck im Baum herauslugte, um Viktor mit bösen Blicken zu bedenken, denn er hatte sie in ihrer Mittagsruhe gestört.
Viktor wirkt wie ein kleines Kind, zart, zerbrechlich, aber auch traurig und unglaublich schüchtern.
"Es gibt einen großen Unterschied zwischen uns, Viktor, der wahrscheinlich ganz viel in unserer beider Verhalten ausmacht. Ich habe das Leben genossen. Ich habe mich ihm hingegeben und nicht soviel nachgedacht. Deine Mutter hatte ganz recht, Du hast zu viel Literatur gelesen, die Dich hat schwermütig werden lassen.
Wieso Du hast Du versucht, Dein Leben zu ändern? Es gibt doch soviele Möglichkeiten. Wir in Indien bekommen Halt durch die Familie, da der Zusammenhalt untereinander ein ganz anderer ist, als in der westlichen Welt. Wir speisen zusammen, wir verbringen unsere Freizeit zusammen, die Kinder machen gemeinsam Schularbeiten, gehen gemeinsam ins Kino oder in die Stadt und treffen dort Freunde. Und Feste werden bei uns ganz groß gefeiert. Das halbe Dorf kommt am Abend zusammen, um zu tanzen, zu musizieren und einfach ausgelassen zu feiern. Sollten wir doch einmal schlechter Stimmung sein, dann meditieren wir oder gehen in den Tempel und danken unseren Göttern dafür, welch erfülltes Leben wir führen dürfen. Bedenke, wir haben nur dieses eine Leben. Selbst bei einer Wiedergeburt wird das Leben ein anderes sein. Warum also ein Leben mit Trübsal verschwenden? Dafür gibt es doch gar keinen Grund.Wenn ich dich jetzt fragen würde, ob Du in diesem Moment, in dem Du hier vor mir stehst, ein Problem hast, ob es irgend etwas gibt, was dich bedrückt, was würdest Du mir antworten?"
"Hmm, nichts, ich habe hier kein Problem. Ich hatte hier auch nie eins, ich lebe ja nicht mehr auf der Erde, sondern hier, im Paradies. Hier hat niemand Sorgen."
"Das war eine hypothetische Frage, Viktor. Das weißt Du auch. Auf der Erde wäre es Dir nicht anders gegangen, hättest Du Dich öfter einmal gefragt, ob Du in dem Moment, in dem Du unglücklich warst, ein Problem hast, hättest Du herausgefunden, dass Dich eigentlich nichts bedrückt hätte. Dein Leben war in Ordnung. Immer. Es sind die Gedanken an die Vergangenheit und die Angst davor, dass diese Vergangenheit in der Gegenwart wiederholt wird und Du nichts dagegen tun kannst, die Dich traurig stimmten. Aber Du hättest die Vergangenheit, welche bei Dir, so hattest Du es mir es einmal erzählt, nicht so erbaulich war, als erwachsener Mann nicht noch einmal so erlebt, weil Du gelernt hättest, Dich anders zu verhalten, wärst Du nur weniger nachdenklich gewesen. Und eigenständiger. Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt, in dem wir uns unterscheiden. Ich war immer eigenständig. Schon als kleines Mädchen. Ich war mir der Liebe und Unterstützung meiner Familie und Arbeitskollegen immer sicher, auch wenn ich mit Lal Probleme hatte. Du hingegen hast Dich sehnlichst an die Menschen geklammert, um nur ein bisschen Aufmerksamkeit und Dankbarkeit von ihnen zu bekommen. Aus diesem Grund hast Du auch ihre Aufgaben auf Deiner Arbeit mit erledigt. Aber den Dank, den Du Dir dadurch erhofft hast, bekamst Du nie. Und warum nicht? Weil Deine Kollegen merkten, dass Du nicht aus freien Stücken gibst, sondern einzig, aus einem inneren Zwang, geliebt zu werden, heraus. Menschen in Deiner Umgebung sind nicht dumm, Viktor. Sie merken, wenn man sich aus Bedürftigkeit mit ihnen umgibt oder aus Spaß. Bedürftige Menschen mag niemand. Sie wirken wie Jugendliche, die ihre Grenzen austesten und ihren Willen bei den Erwachsenen durchsetzen wollen. Störrisch, egoistisch und klammernd. Das nimmt den Anderen die Luft zum Atmen und somit entfernen sie sich von Dir. Wärst Du selbstbewusst aufgetreten und hättest klar Deine Grenzen zu erkennen gegeben, indem Du die Aufgaben, die Du nicht lösen konntest, weil Du Deine eigene Arbeit nicht geschafft hättest, abgelehnt, wären Deine Kollegen anders mit Dir umgegangen.
Und wie oft haben sie Dich eingeladen, nach der Arbeit in ihrem Stammlokal etwas mit ihnen trinken zu gehen. Weißt Du das noch? Du hast immer abgelehnt und bist allein nach Hause getrottet, aus Angst, die Anderen könnten Dich nicht mögen. Du hast Deine Kollegen auf ein Podest gehoben. Du dachtest, sie würden bessere Leistungen als Du erbringen, sie hätten ein erfüllteres Leben und weniger Probleme als Du. Sie wurden Übermenschen und Du konntest nur verlieren im Umgang mit ihnen, denn Du hast Dich selbst nicht geachtet, sondern ihnen geglaubt, wenn sie Dich verspotteten. Du warst abhängig von ihrer Meinung über Dich. Sowas geht nie gut. Du hättest Dir ihre Kommentare nicht so zu Herzen nehmen dürfen und Dein eigenes Leben, unabhängig von ihr Meinungen, führen müssen.
Aber es ist noch nicht zu spät. Du kannst das lernen, indem Du wieder auf die Erde zurückkehrst. Suche Dir eine starke Glühwürmchenseele, mit der Du Dich wohl fühlst. Meinetwegen unterhaltet Euch hier vorher.Ob Eure Ansichten zu einem neuen Leben die gleichen sind und ob ihr im Gespräch miteinander harmoniert. Dann geht ihr gemeinsam als Körper und Geist eine neue irdische Verbindung ein. Na, wie wäre das?"
"Zurück auf die Erde? Niemals!"
"Gut, aber dann wirst Du nie die Sonne sehen."
© JanaPetrat
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