Freitag, 23. November 2012

Kapitel 6: Viktor

Der Regen fällt in schrägen Strippen auf den dunkelgrauen Asphalt, während sich in den Pfützen auf den Fahrbahnen Blasen bilden und Viktor, gekleidet in einem dem Wetter farblich angepassten hellgrauen Trenchcoat, einer dunkelgrauen Nadelstreifenhose und schwarzen, blank polierten Lederschuhen.
Viktors Erscheinung ist eher unauffällig. Er hat ein liebes Gesicht mit blauen, treuen Augen, sein Teint ist eher fahl und seine Bewegungen wirken schüchtern und zurückhaltend. Er ist kein Mann, der in der ersten Reihe steht und zu den Machern in seiner Firma zählt, bei der er seit 15 Jahren angestellt ist. Er führt ein Leben zwischen Schreibtisch, Kantine und der heimischen Couch, die er sich mit seinem Papagei Fridolin teilt. Papagei Fridolin flog ihm vor vier Jahren zu und ist der einzig helle Punkt in seinem sonst eher schalen Leben. Er hat keine Frau und auch keine Kinder. Seine Kollegen auf Arbeit beachten ihn nicht weiter, denn es gibt nichts an Viktor, was eine größere Beachtung wert wäre. Er erzählt keine spannenden Urlaubsgeschichten, er zankt sich nicht mit seinen Freunden, sodass er die Dramatik dieser Streits  seinen Kollegen nicht beim Mittagstisch darlegen kann, er legt sich nicht mit den Chefs der Firma an, kurz, er ist brav und langweilig. Dafür  ist er jedoch stets bereit, wenn ein Kollege ihn um Hilfe bittet, diese auch zu geben, sodass er sich, ohne es selbst zu merken, gern einmal ausnutzen lässt. Für seine eigene Arbeit bleibt dann nicht mehr die nötige Zeit. Es ist in der Vergangenheit schon des Öfteren vorgekommen, dass sein Chef ihn in sein Büro bat und Viktor fragte, warum er zum wiederholten Mal seine Aufgaben nicht pünktlich und mit der nötigen Sorgfalt erledigte. Dieser wusste nicht, dass der brave Viktor in dieser ihm fehlenden Zeit die Arbeit der anderen Kollegen erledigte. Viktor hörte sich die dann folgenden, mahnenden Worte seines Vorgesetzten an, in denen er drohte, ihn zu entlassen, sollte er weiter so schluderig arbeiten, ließ daraufhin die Schultern hängen und trabte zurück zu seinem Schreibtisch, um sich wieder fremden Tätigkeiten zu widmen. Zwei Male war er bereits für sein Verhalten abgemahnt worden. Viktor bereitet diese Sachlage so sehr Kummer, dass ein Arzt ihm bereits Magengeschwüre bescheinigte. Er nimmt die Schmerzen gleichgültig-jammerig hin, legt sich allzu oft in sein Bett seines durch schwarze, schwere Gardinen abgedunkelten Zimmers und gibt sich seinen über die Jahre entstandenen depressiven Gedanken hin, anstatt in seiner Firma endlich einmal Tacheles zu reden und dafür zu sorgen, dass Kollegen ihre Aufgaben wieder selbst erledigen. Er hat Angst, sich in ein Gespräch, das, wie er meint, ernster Natur ist, zu begeben, denn wenn er auf Widerstand stößt, lenkt er sofort ein. Er fürchtet sich zu sehr davor, seinen Standpunkt nicht mit den passenden, nachdrücklichen Worten vertreten zu können und von seinen Kollegen ausgegrenzt zu werden oder, noch schlimmer, verspottet zu werden.

Seine Mutter lebt seit langer Zeit in einem Seniorenstift und ist, im Gegensatz zu ihrem Sohn, eine rege Rentnerin, die an Veranstaltungsnachmittagen, Tanztees und Wanderungen teilnimmt. Sie organisiert Busfahrten an den Gardasee, hilft bei der Ausgabe des täglichen Frühstücks an die Hausbewohner und kümmert sich liebevoll um ihren Lebensgefährten, den sie im Seniorenstift kennenlernte. Ihren Sohn Viktor hat sie nicht gern um sich, wie sie ihm gegenüber selbst einmal äußerte. Er beklagt sich zu viel, leidet an seinem einsamen Dasein und stellt für die alte Dame mehr einen Klotz am Bein als eine wirkliche Unterstützung dar. Einmal riet sie ihm, sich in professionelle Behandlung zu begeben oder sich endlich eine Frau zu suchen und wenn beides nicht gelänge, sich doch bitte ein zeitintensives Hobby zu suchen, damit seine Klagen über sein ach so schweres Leben endlich aufhören würden. Doch diese Vorschläge waren bei Viktor nicht gern gesehen. Er saß zusammengesunken vor seiner Mutter in ihrem Polsterohrensessel und dicke Krokodilstränen liefen über seine Wangen, rannen auf den purpurnen Teppich und hinterließen dort dunkle, runde Kreise. Seine Mutter verdrehte zu dieser emotionalen Reaktion die Augen und bat ihren Sohn in barschem Ton, er möge sich zusammenreißen und wie ein Mann benehmen. Er solle das Leben endlich beim Schopfe packen, seine Ängste, die er wer weiß woher hat, übergehen und sich seinen Leidenschaften hingeben. Und mit Leidenschaften meinte sie nicht das Lesen der unzähligen Bücher von Nitzsche, Dostojewski und Flaubert, diesen Seelenkrüppeln, wie sie sie nannte, die ihr Leben damals eher dem Teufel hingegeben hätten, anstatt es für sich zu genießen. Sie hielt nichts von schwerer Literatur, da diese, wie sie meinte, nur Depressionen und unnötige Ängste über das Leben im Allgemeinen und das Zusammenleben mit Anderen im Besonderen, hervorriefe. Zum Abschluss dieses kläglichen Gesprächs zwischen Mutter und Sohn bat sie ihn, sie erst wieder zu besuchen, wenn er in einer gestärkten, ausgeglichenen seelischen Verfassung wäre, um ihr nicht die Stunden seines Besuches mit Trübsinn zu vermiesen.
Gebeugten Gangs verließ er damals die Wohnung seiner Mutter und hat sie seither nur noch zwei Male besucht, im Abstand von je zwei Monaten.

Es ist der 8. August, als Viktor also im Regen auf dem Weg zur Arbeit ist. Er hängt seinen nassen Trenchcoat an der Garderobe auf, geht in die Küche, um sich einen heißen Pfefferminztee zuzubereiten und während das Wasser dafür kocht, spannt er ordentlich seinen schwarzen Schirm auf, um ihn im Flur zum Trocknen aufzustellen.
Er arbeitet seit jeher in einem Großraumbüro, das durch gläserne Wände vom Flur und den übrigen Büros seiner Vorgesetzten abgeteilt ist. Während er also den Schirm aufstellt, bemerkt er, wie sein Kollege Schmidt sich an seinem Schreibtisch zu schaffen macht. Schmidt steht mit dem Rücken zur Glaswand, sodass Viktor nicht genau erkennen kann, was sein Kollege an seinem Schreibtisch tut. Doch plötzlich bemerkt Viktor, dass er Geldscheine in seiner rechten Hand hält, die er, zwei Geldkassetten vor sich, von der einen in die andere Kassette tauscht. Die Kassette seines Kollegen ist rot, seine eigene blau. Als sein Kollege das Geld getauscht hat, stellt er die Kassetten an ihren ursprünglichen Platz zurück und setzt sich seelenruhig zurück an seinen Arbeitsplatz. Viktor ist fassungslos. Schmidt hat gerade seine geringen Einnahmen gegen Vikors sehr gute Einnahmen getauscht. Viktors Kollege wartet schon seit längerem auf eine Beförderung, die aber bisher abgelehnt wurde, da sein Umsatz nicht dem geforderten Maß entsprach.
Viktor geht zurück in die Küche, um das Wasser über den Pfefferminzbeuteltee zu gießen und gleichzeitig darüber nachzudenken, was er unternehmen kann, um den Fall zu klären. Soll er Schmidt sofort darauf ansprechen? Lieber nicht, denn auch andere Kollegen betreten derzeit ihre Arbeitsplätze im Büro und Viktor möchte nicht für Aufsehen sorgen. Es wäre ihm peinlich, wenn die Blicke seiner Kollegen während einer unweigerlich stattfindenden Diskussion auf ihn gerichtet sein würden.
Sollte er warten, bis der Arbeitstag vorbei ist, um seinen Kollegen allein darauf anzusprechen? Das wäre einge gute Möglichkeit, denn er wäre allein im Raum und könnte ein Vieraugengespräch führen. Doch was wäre, wenn sein Kollege die Tat abstreitet? Wie soll er beweisen, was er soeben gesehen hat? Viktor hat keine Zeugen, denn niemand war im Raum, als Schmidt das Geld tauschte.
Er könnte auch direkt zu seinem Chef gehen und den Vorfall schildern, doch würde er dem Mann glauben, der seine Arbeit selbst kaum schafft und zudem noch zwei Abmahnungen innehat? Wohl kaum.
Viktor beschließt daher, gar nichts zu sagen, zu Niemandem. Und wenn die anderen Kollegen am Mittag zu Tisch gehen, wird er das Geld einfach zurück tauschen.

So geschieht es auch. Viktor ist zur Mittagszeit allein im Büro und will gerade das Geld von der einen in die andere Kassette packen, als er hört, wie Schritte sich dem Schreibtisch nähern. Er hat keine Zeit mehr, die Kassetten an ihren Platz zurückzustellen, denn auf einmal steht Schmidt vor ihm. Er sieht Viktor mit eiskaltem Blick an und sagt nichts, bis Viktor freiwillig und ohne Aufforderung das Geld wieder so hinlegt, wie er es vorgefunden hat. Dann dreht sich sein Kollege um und verlässt das Büro. Viktor lässt seinen Kopf auf die Schreibtischplatte knallen und beginnt zu weinen, denn nun ist es aussichtslos, wieder an seinen Verdienst zu gelangen, denn er befürchtet, dass ihm sonst Vergeltungsmaßnahmen seitens seines Kollegen erwarten.

Viktor arbeitet bis fünf Uhr am Nachmittag und verlässt dann das Büro, um im noch andauernden Regen nach Hause zu gehen. An einer Straßenkreuzung bemerkt er, dass er verfolgt wird und zwar von Schmidt und seinem Kollegen und Freund Meyer. Sie sind ihm so dicht auf den Fersen, dass sie ihn am Kragen seines Trenchcoats packen und in eine Hausunterführung ziehe, die auf einen grünen Innenhof führt. Schmidt sagt nur einen einzigen Satz:

"Sorry, alter Freund, aber diese kleine Strafe hast Du Dir verdient."

Auf einen Kopfwink hin fängt Meyer an, Viktor in den Magen zu boxen. Dieser schwankt und versucht, sich an der Häuserwand festzuhalten. Es gelingt ihm jedoch nicht, weil gleich darauf der nächste Faustschlag auf seiner Wange landet. Weitere Schläge folgen, sodass er beginnt, aus der Nase zu bluten, wankt und nach hinten gegen die Wand fällt, was ihn in eine sehr ungünstige Position bringt, denn Viktor kann nicht mehr zurückweichen und an seiner linken und rechten Seite haben sich die beiden Kollegen postiert, was ein Entkommen unmöglich macht. Schmidt tritt zu, als er merkt, dass sein Opfer sich nicht mehr wehren kann, hinein in die Rippen, die Weichteile und als Viktor sich schmerzverzerrt und halb ohnmächtig nach vorn beugt, unter sein Kinn. Viktor landet in Bauchlage auf dem harten Steinpflaster, er kann sich nicht mehr bewegen und spürt nur noch tiefen, stechenden Schmerz in seinem Körper. Er sieht die kleinen Sandkörnchen, die den Asphalt bedecken und schaut gerade noch dabei zu, wie sie sich rot einfärben, denn das Blut, dass aus seiner Nase läuft, ergießt sich vor ihm. Viktor hat nur noch einen Wunsch: er möchte sterben, dem Schmerz entkommen und seine Kollegen mögen ihn in Ruhe lassen. Als hätten sie seinen Wunsch gehört, zückt Meyer eine Pistole. Der Schuss trifft auf seine linke Rückenpartie und durchfährt den am Boden liegenden Viktor mit voller Wucht. Er reißt sein Herz und seine Eingeweide entzwei und hinterlässt einen zerfetzten, blutenden, leblosen Körper, als plötzlich, zum ersten Mal an diesem Tag, die Wolken am Himmel aufreißen und der Sonne Platz machen.
© JanaPetrat

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