Die Jahre vergehen und Miguel wächst zu einem wunderschönen Mann heran. Seine Haut hat die Farbe von Milchschokolade, seine braunen Augen schimmern undurchdringlich im Sonnenlicht und sein schwarzes Haar erhält einen dunklen Blaustich, wenn er im rechten Licht steht.
Er ist ein wissbegieriger, kluger und undurchschaubarer junger Mann geworden, der in seiner Vergangenheit einiges erlebte. Da gab es die Scheidung seiner Eltern, die nicht spurlos an ihm vorbei ging. Kara und Carlos stritten sich am Ende ihrer Ehe Tag für Tag. Sogar Teller flogen gegen die Wände der Wohnstube, an deren einer heute noch deutlich die roten Flecken von Tomatensauce zu erkennen sind, die sich bildeten, als Carlos sein Mittagessen, an dem er wie immer etwas zu mäkeln hatte, mitsamt Messer und Gabel an die Tapete schleuderte. Dramatische Szenen spielten sich ab, die den damals elfjährigen Miguel erzittern ließen. Nach der Trennung gab Kara ihr Leben und ihr Herz an Miguel, der seit dem Auszug des Vaters eine Art Ersatzmann für die Mama war. Das mag nicht immer gut gewesen sein, denn Miguel wurde somit schon als halbpubertärer Junge in Erwachsenengespräche einbezogen und Kara schilderte ihm all ihre Sorgen, die seine kleine Kinderseele gar nicht verarbeiten konnte. So wurde er früh selbstständig, auch aufgrund der Tatsache, dass Kara noch immer im Theater als Regisseurin tätig war. Sie ging oft auf Reisen, während seine Oma auf Miguel aufpasste, aber auch diese konnte nicht ständig für ihn da sein, da sie selbst einer Arbeit nachging. So kam es, dass er früh lernte, wie er seine Anziehsachen allein zusammenlegen kann, er schmierte sich sein Schulbrot allein und ging allein zur Bushaltestelle, um auf den Bus zu warten, der ihn zur Schule brachte.
Wie schon im Kindergarten war Miguel auch bei seinen Mitschülern nicht wirklich angesehen. Da Miguel sich schon früh für Geschichten und Literatur interessierte, konnte er mit sechs Jahren bereits lesen und schrieb mit sieben Jahren seine ersten Worte in sein Tagebuch, das ihn von diesem Zeitpunkt an immer begleitete. Er gab sich nicht mit seichter Kinderliteratur zufrieden, sondern Miguel trachtete nach Größerem und in den Jahren ergab es sich, dass er von A wie Adorno bis Z wie Zweig alle großen Literaten der vergangenen Jahrhunderte las, die ihm in die Finger kamen. Als er begann, während der Schulstunden Nitzsche zu lesen, dachten seine Mitschüler, er wäre nun vollkommen abgehoben und ließen ihn allein auf dem Schulhof zurück, denn mit solch einem Sonderling konnten sie nichts anfangen. Schon damals und noch heute vermisst Miguel Menschen, die ihm ebenbürtig sind und sich mit ihm in gehobenerem Rahmen über Literatur, Musik und Philosophie austauschen.
Was er menschlich nicht fand, fand er im Theater. Nach der Schule ging er zu seiner Mutter und setzte sich dort in ihrem Aufenthaltsraum an den Tisch, um seine Schulaufgaben zu erledigen. Oder, an Tagen, an denen er keine Arbeiten zu erledigen hatte, sah er weiterhin bei den Proben der Schauspieler zu und zugleich darstellerische Umsetzung seiner gerade gelesenen Literatur.
Noch mehr als das Schauspiel faszinierte ihn die Oper. Seine Liebe dazu entdeckte er im Alter von sieben Jahren. Eines Tages wischte seine Mutter im Wohnzimmer Staub und aus einem Regal fiel eine Schallplatte von W. A. Mozart; "Die Zauberflöte". Miguel fragte, ob er die Platte in seinem Zimmer hören dürfe und als seine Mutter keine Einwände hatte, nahm er den Plattenspieler samt Platte und ward für drei Stunden nicht mehr gesehen, denn er versank vollkommen im Zauber der Musik. Nach dieser ersten Berührung mit der klassischen Musik hörte Miguel bald darauf mehr und mehr Komponisten längst vergangerner Zeiten. Er liebte es, sich im Takt der lieblichen, traurigen, brachialen, gewaltigen Musik zu wiegen und in seinem Kopf ganze Märchen von Helden und Vernichtern entstehen zu lassen.
Als Kara bemerkte, dass ihr Sohn so musikbegabt ist und sich zudem für das Klavierspiel interessierte, meldete sie ihn auf einer Musikschule an, die sein Talent fördern sollte.
Mit neunzehn Jahren verließ er das Gymnasium mit bravourösen Leistungen und begann sein Studium der Psychologie und Germanistik. Er war ein zurückgezogener junger Mann geworden, der keinen Menschen wirklich an sich heran ließ. Wie es in seinem Gefühlsleben aussah, vermochte nur sein bester Freund zu wissen, mit dem er manchmal, eher selten, über so private Dinge sprach. Nach außen erweckte er trotzdem oft den Anschein, als wäre er ein fröhlicher Mann, der zu allen Schandtaten bereit war, Witzchen machte und mit Frauen flirtete. Doch niemand wusste, wie ihn die Gesellschaft der Mitmenschen eigentlich störte. Er war lieber allein, in seinem Zimmer, mit seinen Büchern. Mit Schiller, Goethe, Shakespeare und Woolf. Das war seine Welt. Die Welt des Dramas, der Tragödien, der Schicksale. Er liebte das Tragische, das Tödliche, das Gefährliche. Nichts konnte ihn mehr erfreuen als die Oper "Rigoletto", die er immer wieder in seiner Studentenbude, die er sich mit zwei Studenten teilte, hörte. Er dachte damals mehrmals an den Tod. Oft, zu oft, stellte er sich vor, wie es wäre, seinem Leben ein Ende zu setzen. Und als wäre das alles nicht genug, musste er sich, wenn an den Wochenenden seine Eltern besuchte, die sich nach drei Jahren der Trennung wieder versöhnt und erneut geheiratet hatten, die immer währenden Streitereien anhören, die Kara und Carlos miteinander ausfochten.
Mit der Zeit wurde ihm alles zu viel und er beschloss, ein Studienjahr in Chile zu verbringen, um Abstand zu gewinnen. Zuerst flog er mit dem Flieger nach Argentienien, um seine Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen zu besuchen und später in das Land, die der Welt besonders durch drei Namen in Erinnerung ist: Allende, Pinochet und Neruda. Miguel bereiste das Land, studierte und lebte ein Leben, das schöner nicht sein konnte. Er verbrachte eine unbeschwerte Zeit, hatte ein bis zwei Freundinnen, die er aber nie sehr in sein Herz schloss, um nicht an Liebeskummer zu leiden, wenn er sie nach seinem Studienjahr verließ. Die Mädchen weinten sich die Augen nach dem schönen Mann aus, aber ihn ließen die Trennungen weitgehend unberührt, wusste er doch von Anfang an, dass diese Liebschaften zeitlich begrenzt sein würden. Außerdem hatte er für sich die Erfahrung gemacht, dass es sich nicht lohnte, sein Herz zu verschenken, denn tat er es, wurde es von der Damenwelt mit Füßen getreten, oder aber die Mädchen klammerten sich so sehr an ihn, wie einst seine Mutter, in der Zeit, in der sie von Carlos getrennt lebte. Er wollte nie wieder die Rolle des Beschützers, Zuhörers und Ersatzmannes im Leben einer Frau einnehmen. Auch hatte er durch seine Eltern gelernt, dass eine engere Verbindung zu einer Frau nur Probleme mit sich brachte, wie Streitereien und Beschimpfungen. Also beschloss er, allein durch´s Leben zu gehen.
Mit dieser Denkweise begann er, sich mit den großen Denkern vergangener Zeiten gleichzusetzen, wie etwa Spinoza und Nietzsche, die ein einsames Steppenwolfleben führten, ohne Frau und ohne Kind, einzig um ihrer Berufung, dem Denken, folgen zu können. Denn wie auch sie, glaubte Miguel daran, dass die wahre Freiheit des Menschen nur unabhängig von Gesellschaft und Konvention möglich wäre, dass zur Freiheit eines Menschen die totale Freiheit, im Denken, sowie im Leben gehörten. Um wahre Größe als Mensch zu erlangen und nach Höherem zu streben, bedurfte es der Ruhe, die er mit einer Familie nicht bekommen würde. Denn wie auch die Religion von Menschen erfunden und definiert wurde, um anderen Menschen glauben zu machen, sie wäre dafür geschaffen, ein wahrhaft glückliches und tugendhaftes Leben zu ermöglich, so war es auch mit der Familie, die, so sagen es die Leute, einem Mann erst zu wahrer Vollständigkeit verhelfe.
Aber all seine vorgefassten Meinungen wurden eines Tages von einer einzigen Frau über den Haufen geworfen, die er im Theater, an dem seine Mutter derzeit arbeitete, kennenlernte: Janita Lempika trat an einem warmen Mai-Abend in der Theaterkantine in sein Leben und wirbelte seine Gedanken gründlich durcheinander. Sie war es, die ihn, während sie zu Brieffreunden wurden, immer wieder darauf hinwies, dass er sein selbst erbauten Schneckenhaus verlassen müsse und sich der Welt stellen solle. Nicht, weil die Familie, gegen die sie im Übrigen ihre eigenen Bedenken hatte, das Wertvollste und Beste auf der Erde wären, sondern weil sie sah, dass Miguel seine selbst gewählte Einsamkeit aus höheren Bestrebungen heraus nicht wirklich glücklich machte. Sie war es, die ihn drängte, sich mit ihr zu treffen, um eine schöne Zeit miteinander zu haben, er war es, der verneinte und abblockte. Sie wollte, dass er mehr von sich preis gab, er war es, der bei Anfragen bezüglich seines Privatlebens und Denkens stumm blieb. Sie wollte das Leben genießen, er wollte es erdenken. Hier prallten auf einmal zwei völlig gegensätzliche Denkweisen aufeinander, die für Miguel nur schwer zu vereinbaren waren. Ihn störte ihre Verbohrtheit, sie störte seine Unzugänglichkeit. Sie wollte Nähe und Vertrautheit, er wollte Einsamkeit und Distanz.
Janita wurde für Miguel, was er selbst nicht war: Ein Sonnenstrahl am Horizont der Dunkelheit. Ihre Lebensbejahung gefiel ihm, auch wenn er ahnte, dass ihr eigenes Leben nicht immer so heiter war. Er war fasziniert von ihrem sturen Vorgehen, ihn immer wieder aus der Reserve locken zu wollen, denn er selbst hätte nie den Willen dazu aufgebracht, sich dauerhaft mit ihr zu beschäftigen, wäre sie nicht immer die treibende Kraft gewesen. Bei solch einer ungleichen Fügung zweier Menschen blieben Streitigkeiten nicht aus, aber statt sie zu vertagen, lag es in Miguels Natur, den Kontakt für gescheitert zu erklären und erst, als Janita die Mauer des Schweigens nach einer Zeit des nicht miteinander Kommunizierens brach, sprach auch er wieder mit ihr. Irgendwann jedoch wurde der Kontakt so zäh, dass es für ihn und Janita besser war, sich nicht mehr zu schreiben. Es entstand eine Pause, die mehr als ein Jahr andauern sollte, bevor beide wieder aufeinander zugehen konnten. Während dieses Jahres wurde Miguel immer bewusster, dass er, wie Janita einst zu ihm sagte, sich öffnen musste, denn insgeheim wusste er längst selbst, dass das Leben, das er führte, nicht das war, das er sich wünschte. Und so begann er langsam und mit unsicheren Schritten, sich auf privatere Unterhaltungen einzulassen. Und er war erstaunt, dass sich Janit gerade dann gern mit ihm unterhielt, wenn er mehr von sich preisgab. Da er so unsicher war, kam es vor, dass er sofort, wenn Janita nicht mit der Reaktion reagierte, wie er es erwartet hätte, einen Rückzieher machte und in seine alte Burg des Schweigens zurückkletterte. Aber mit der Zeit wurde er sicherer und wie bei einer scheuen Katze, die eine ihr ungewohnte Umgebung erkundet, ließ er sich mehr und mehr auf die Menschen ein.
© JanaPetrat
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