"Siehst Du, was habe ich Dir gesagt? Kannst Du hier glückliche Kinder erkennen? Ich nicht. Und deshalb denke ich, es ist besser, sie würden von der Erde verschwinden und sich hier bei uns ein schönes Leben machen. Der eine wird vom Vater gequält, die andere plagen Krankheit und Einsamkeit...Das ist doch kein Kinderleben. Kinder müssen fröhlich sein. So wie wir hier..."
"Viktor, darf ich dich unterbrechen?...Danke! Ich habe nicht gesagt, dass die Kinder unbedingt glücklich sind, aber sie sollen es werden. Das wiederum können sie nur, wenn sie auf der Erde die Chance haben, zu erkunden, warum sie nicht glücklich sind und dann ihr eigenes schönes Leben erleben lernen. Das dauert. Von Kindern in so jungen Jahren kann man die Kunst der Beherrschung eines glücklichen Lebens wohl kaum verlangen, wenn man in Zuständen wie den ihren aufwächst. Aber Geduld, mein Lieber, sie werden nicht immer so jung bleiben."
"Du meinst also, es gibt Besserung? Ich bezweifle es noch immer. Anjali, kennst Du den Film "Melacholia" von Lars von Trier? Ich habe ihn letztens zufällig bei einem Mann im Fernsehen gesehen, als ich wieder mal eine Blick auf die Erde wagte, um zu sehen, ob die Leute fröhlicher werden, so wie du es gern hättest. In diesem Film ging es um eine junge, hübsche blonde Frau, die ihren Freund heiratete. Gut, zu ihren Ungunsten muss gesagt werden, dass sie an Depressionen litt, die an dem Tag erneut begannen, als sie inmitten ihrer Hochzeitsgesellschaft saß. Sie sollte fröhlich sein, aber sie konnte es nicht, denn zu sehr versank sie in ihre eigene, undurchdringlich düstere Welt, aus der es für sie kein Entrinnen gab. Für sie war der Gedanke am schönsten, tot zu sein und all den irdischen Qualen und dieser durchaus aufgesetzt fröhlichen, aber andererseits hinterhältig-bösartigen Hochzeitsgesellschaft zu entkommen. Während der Planet, der am Ende des Films auf die Erde stürzen und alles vernichten wird , sich nähert, legt sich diese hübsche Frau nackt auf einen Felsen, sie genießt den Anblick des blau erhellen Planeten in der Nacht, sie bietet sich ihm an und legt damit ihr Leben in seine Hände. Sie schließt mit ihrem Leben auf der Erde ab und scheint sich sogar darüber zu freuen, dass das Ende naht, während ihre Schwester, dieses lebensbejahende Wesen, eingebunden in ein festes Familienleben mit Mann und Sohn, dabei zusehen muss, wie ihr Ehemann sich umbringt und sie selbst an ihren Ängsten, bald zu sterben und dem Leben auf der Erde adieu sagen zu müssen, bald zu Grunde geht, nur weil sie es genießt, jeden einzelnen Tag auf dieser verfluchten Erde zu weilen, um ihrem Jungen beim Wachsen und bei seiner Entwicklung zuzusehen, oder es liebt, am Abend nach getaner Arbeit im Kreise ihrer kleinen Familie ein Glas Wein zu trinken und über den Tag zu plaudern.
Und nun sage mir, Anjali, wem geht es wohl besser? Denen, die den Tod vorziehen, oder denen, die am Leben hängen?"
"Ich sage nicht, dass Du gänzlich falsch liegst, Viktor, aber auch ich möchte Dir ein Beispiel geben. Bleiben wir ruhig bei Lars von Trier und widmen wir uns seinem Film "Dancer in the dark". Ich bewundere die Mutter eines zwölfjährigen Sohnes, die trotz ihrer fast-Blindheit und der Angst, ihr Sohn könnte später auch erblinden, ihrem Traum folgt und bei einem Laientheater ihrer Stadt in einem Musical mitspielt. Sie arbeitet zwar hart in einer Metallfabrik, um Geld zu sparen für eine Augenoperation ihres Kindes, falls den Jungen das gleiche Schicksal ereilt wie sie, aber sie hat eine tiefe Liebe in sich, die sie nie verlässt. Die Liebe zur Musik und zum Musical. Wann immer sie kann versetzt sie sich in Szenen ebendieser und macht sich ihre nicht immer sehr bunte Welt ereignisreichen, liebevoller, bunter, musikalischer. Sie hat eine Freundin und einen Freund, die sie immer unterstützen, selbst als sie ins Gefängnis kommt, da sie unter Mordverdacht steht und auch während der Verhandlung lässt sie in ihrem Geiste die Anwesenden im Gerichtssaal tanzen. Sie hört die Musik in ihrem Kopf, mit ihrem Herzen und in ihrer Gefängniszelle, während sie auf ihr Urteil, das später "Tod durch Erhängen" lauten wird, wartet. Erst ganz am Schluss, kurz vor ihrem grausigen Tod, hört die Musik auf, in ihr zu sein, es gibt auch keine Bilder mehr, die sie sich in sich vorstellt. Aber bis dahin lebt sie für sich ein Leben, das für sie lebenswert ist, auch wenn sie beschuldigt, verleugnet und ausgenutzt wird. Sie ist die unschuldigste Person, die ich je in einem Film gesehen habe. Sie nimmt alle Leiden auf sich, um Menschen nicht zu verraten. Sie möchte, dass es ihrem Jungen an nichts fehlt, auch wenn sie selbst dadurch wenig hat, was ihr wenig auszumachen scheint, und auch, dass es anderen von ihr geliebten Menschen gut geht.
Sie wäre jemand gewesen, die hier in Skeletons Town nichts mehr hätte lernen können. Sie hätte kein weiteres Leben auf der Erde gebraucht, denn sie hat all das verborgene Wissen gehabt, nach dem die Menschen in ihrem kurzen Leben suchen.
Ob ich es immer gut finde, wie mit ihr umgegangen wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt, aber diese Mutter hat nie geklagt, sie hat sich nie beschwert und sie wollte nicht sterben, jedenfalls nicht aus kleinlichen Alltagsbefindlichkeiten heraus, sondern am Ende des Films einzig, um ihrem Sohn zu helfen, damit er einmal ein Leben mit voller Sehkraft führen kann.
Würdest Du zu ihr auch sagen: Stirb lieber, hier geht es Dir besser? Wahrscheinlich schon. Nur hättest Du diese Frau nicht von Deiner Version des besseren Lebens hier bei uns überzeugen können. Sie hätte es nicht gewollt."
"Ich merke, ich kann Dir nichts erwidern, Anjali. Mir fällt beim besten Willen nichts mehr ein, was ich Deiner Erzählung hinzufügen kann.
Jedoch verstehe ich nicht, wie Du so positiv über das Leben auf der Erde sprechen kannst. Wie ist Dein Leben verlaufen? Was hast Du gemacht, wer warst Du?"
© JanaPetrat
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