Montag, 26. November 2012

Kapitel 9: Janita

Nun sitze ich hier in diesem gemütlichen Café, dessen Wände rot gestrichen sind und an denen Schwarz-Weiß-Fotografien alter Filmschauspieler hängen.
Ihre Bilderrahmen sind weiß, passend zu den kleinen Lampenlüstern, die überall im Raum von der Decke herabgelassen wurden. Ich nehme an, sie sind von Ikea, aber eigentlich spielt das keine Rolle, denn ich versuche nur meine wachsende Aufgeregtheit zu unterdrücken, denn gleich werde ich Miguel wieder treffen. Über ein Jahr haben wir uns nicht gesehen und ich bin gespannt, wie er sich entwickelt hat. Hat er sich verändert? Wie mag er wohl aussehen, trägt er eine Brille oder Kontaktlinsen? Fragen über Fragen. Dabei wollte ich doch bei meiner Geschichte bleiben, von der ich gern noch ein wenig mehr erzählen möchte, denn gäbe es meine Vergangenheit nicht, hätte ich mich nicht so entwickelt, wie ich mich entwickelt habe und ich würde heute nicht hier sitzen.

Ich machte eine Ausbildung zur Sekretärin, die mehr der Wunsch meiner Mutter als mein eigener war. Aber als brave Tochter war ich es gewohnt, zu gehorchen und den weisen Ratschlägen nachzukommen, denn Mütter haben immer Recht. So schien es zu sein. Ich durchlief diese drei Lehrjahre ohne große Freude. Die Arbeit sagte mir nicht wirklich zu, aber ich tat sie, weil ich nie wirklich darüber nachdachte, ob sie mir gefiel. Ich lernte eine Menge Wissen, das mich nicht wirklich interessierte. Wie man Geschäftskonten führt - wobei ich meine Firma, hätte ich eine eigene besessen, regelmäßig in den Ruin führte, da ich einfach nicht verstand, wie man die Soll- und Habenseite ausglich, wenn es mehr als zwei Konten in einem Unternehmen gab - , wie ich mit zehn Fingern Schreibmaschine schreiben konnte, ich lernte Stenografie - unglaublich aber wahr, dies war mein bestes Fach im Unterricht. Leider wurde es im zweiten Lehrjahr vom Stundenplan genommen, da die Lehrer meinten, es genüge, den hohl klingenden Worten eines Diktiergerätes zu lauschen und von dort die gesprochenen Texte zu übernehmen -  und in meinem Unternehmen durfte ich praktisch alles lernen, was im täglichen Büroberuf benötigt wurde - abheften, Schreiben anfertigen, telefonieren, Kaffee kochen, kopieren, Protokolle schreiben, lose Blattsammlungen in die passenden Ordner einsortieren. Ein wirklich reizender Job. Doch als wäre diese stupide Arbeit nicht genug, hatte ich eine Vorgesetzte, die mir mein kleines, unwissendes Leben noch mehr zur Qual werden ließ, denn sie hegte eine nicht versteckte Abneigung gegen mich. Nicht nur, dass sie ausgiebig ihre privaten Treffen mit anderen Kolleginnen vor meiner Nase plante, ohne dass ich dazu eingeladen wäre, nein, ich merkte es an ihrer Art, wie sie mich ansah, so heimlich von oben nach unten. Sie nahm mir meine Arbeit weg und gab sie ihrer Lieblingskollegin. Ich glaube, es gab in den gesamten drei Jahren, in denen ich für sie arbeitete vielleicht zwei bis drei Wochen, die wir uns gut verstanden, über die Jahre verteilt, versteht sich. Der krönende Abschluss unseres gemeinsamen Erlebens war ein Gespräch, bei dem ich ihr sagte, sie könne mich nicht leiden und sie, statt mir eine Antwort zu geben, aus dem Fenster sah, was all meine Vermutungen bestätigte. Dies wurde zwar vehement von einer dabeisitzenden Kollegin verneint, doch ich weiß, dass ich Recht hatte. Nicht viel anders als das Verhältnis zu meiner Vorgesetzten liefen meine Begegnungen mit anderen Auszubildenden während meiner Lehre ab. Ich war nie beliebt und ich hatte nicht das Gefühl, dass sich das jemals ändern sollte. Woran es allerdings lag, dass man mich nicht mochte, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklären.

Das jedoch sollte sich mit den Jahren ändern, als ich nämlich begann, eine Psychoanalytikerin aufzusuchen. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich wirklich zu ihr ging. Es war kein innerer Drang, sondern mehr so ein "ach, ich könnte doch mal hingehen, schließlich wurde mir bereits von mehren Seiten in meinem Bekanntenkreis empfohlen, es wäre gut für mich, eine Therapie zu machen". Ich betrachtete mein Leben bis dato eher nüchter bis düsterlich. Meine Laune war nie die beste, ich hatte keine wirkliche Freude an den kleinen Dingen des Lebens, wie zum Beispiel an einem sonnigen Frühlingstag, und ich war immer ein wenig antriebslos.
Die ersten zwei Jahre bei der bereits erwähnten Analytikerin stellten mehr eine Qual als eine Verbesserung meiner Lebensqualität dar. Sie wollte ständig Dinge von mir, die ich nicht wollte. Dauernd sollte ich über mich nachdenken. Was macht diese und diese gerade besprochene Situation mit mir? Wie fühle ich mich, wenn ich von einer Situation erzähle? Woran könnte es liegen, dass diese Situation entstanden ist? Was haben meine Eltern mit der Situation zu tun? Himmel, Herrgott, woher sollte ich das denn wissen? Ich wollte einfach nur über mein gerade stattfindendes Leben sprechen, ohne mich weiter damit auseinander zu setzen. Mir war es ganz egal, was Situationen mit mir machten, ich wollte einfach nur reden. Warum verstand diese Frau Analytikerin das nicht? Ich und sie waren irgendwann ziemlich genervt voneinander. Sie kam mit mir nicht weiter und meine erhofften Verbesserungen im Leben blieben aus. Ich trennte mich von ihr, nur um eineinhalb Jahre später weinend wieder vor ihr zu sitzen und sie zu bitten, mich wieder in der Therapie aufzunehmen, denn ich hatte erkannt, dass sie die bessere Therapeutin war. Gleich nach der Trennung von meiner ersten Psychotherapeutin suchte ich mir eine Verhaltenstherapeutin, die mir viele Kniffe beibrachte, wie ich meine Gedanken unterbrechen und mich auf das Erleben meiner Umwelt konzentrieren konnte. Doch die wirklich tiefen Fragen, die die Analytikerin gestellt hatte, die blieben aus. Komischer Weise jedoch blieb ich bei der Fragemethode meiner Analytikerin und wandte viel weniger die kleinen Tricks an, welche Verhaltenstherapeutin mir zeigte. Die Fragen meiner ersten Therapeutin hatten sich also während der Jahre so in mich eingebrannt, dass ich diese verwendete, um mir über mein Leben klar zu werden. In den Jahren meiner Verhaltenstherapie begann mein Leben, sich langsam zu wandeln. Ich wurde aufgeschlossener, weniger ängstlich, ich lernte, die stillen Momente zu genießen, ich wagte mich mehr unter Menschen, die mir zuvor Angst bereitet hatten, weil ich dachte, sie würden mich nicht leiden können. Dabei fand ich heraus, dass es darauf ankommt, wie ich auf sie zugehe. Lächle ich und bin ich aufgeschlossen, statt einsam in der Ecke zu stehen und ein verdrießliches Gesicht zu machen, dann kamen die Leute auch auf mich zu. Es entstanden viele neue Bekanntschaften, ich gewann neue Freunde und ich wurde unabhängiger. Gut, diejenigen die mich kennen, werden meinen, ich wäre schon immer eine aufgeschlossene, lebenslustige junge Frau mit einem ziemlich losen Mundwerk gewesen, aber das war ihre Sichtweise auf mich. Ich fand mich nie unter den mir zugeschriebenen Attributen wieder. In mir und meinen Gedanken war ich das genaue Gegenteil: verschüchtert, ängstlich, anhänglich an die Menschen, die ich am meisten mochte und brauchte, und zu guter Letzt: klein... Sechs Jahre dauerte meine Therapie. Hätten es weniger sein dürfen? Ich glaube nicht, denn erst mit den dahingehenden Jahren wuchs mein Verständnis für die Art der Psychologie, die meine Analytikerin mir beibrachte. Ich gewann die Einsicht, dass man sich manchmal einfach nur mehr trauen muss, aufgeschlossener sein sollte und seine Umgebung mehr wahrnehmen lernt. Und ganz wichtig: lernt, die Gedanken still werden zu lassen. Einmal über nichts nachdenken und nur die Umgebung genießen, ganz genau wahrnehmen, was ich sehe, höre und ertaste. So wurde ich mit der Zeit glücklicher, stiller und ausgeglichener. Zudem gesellte sich ein kleiner großer Nebeneffekt, aber den bemerkte ich erst eine ganze Weile nach Beendigung meiner Therapie: ich machte mich nicht mehr so stark von Menschen abhängig. Weder, dass ich glaubte, alle Dinge mögen zu müssen, die sie auch mögen  und dass das, was sie mögen, auch das Richtige für mich ist, noch, dass andere Menschen immer für mich da sind.  Früher wären meine gute Stimmung und mein Tag dahin gewesen, hätte eine Freundin ein Treffen abgesagt oder hätte sie sich nicht an vereinbarte Dinge gehalten, doch irgendwann ärgerte es mich zwar noch, aber mein Leben war nicht mehr am Boden zerstört. Ich stand nicht mehr gebrochen im Raum und wusste nicht, wie es weitergehen sollte an dem Tag, an dem die Verabredung nicht eingehalten wurde, denn ich hatte gelernt, mir einen Plan B zu machen. Wenn eine Aktion nicht klappte, die ich mir vorgenommen hatte, unternahm ich etwas anderes. So einfach war das. Der Tag konnte für mich trotzdem schön werden. Meine Stimmung war davon abhängig, welches Gefühl ich ihr gab, nicht, welche Leute mit mir sind. Ich gebe zu, ich falle auch heute gern noch in meine vertrauten Muster, das  ich vor der Therapie lebte, zurück, doch nicht mehr, wie damals, wochenweise, sondern eher tageweise. Ich frage mich heute viel öfter, wie es mir geht und wozu ich Lust habe.

Nun ereignete es sich aber, dass ich während meiner Therapie Miguel kennenlernte. Ich arbeitete schon eine Weile im Theater meiner Stadt, als er eines Tages nach einer Vorstellung in die Kantine kam.
Wir begannen eine Brieffreundschaft, in der schnell für mich klar war, dass ich die "Unterlegenere" sein würde, denn Miguel besaß durch seine Belesenheit und seine Weltanschauung eine Weisheit, die ich selbst nicht hatte. Er war für mich ein Lehrer, der mir die Welt erklärte, seine Welt. Ich folgte ihm, ohne in Frage zu stellen, ob seine Ansichten auch meine waren. Das sie es nicht immer waren, fand ich erst Jahre später heraus. Ich begann, mich an ihn zu klammern, denn er schlug eine Saite in mir an, die mir selbst zum Teil fehlte und welche mir aber auch selbst sehr bekannt war.  Zum Einen war es das Streben nach Wissen, welches ich mir allein nicht in so starkem Maße angeeignet hätte. Mit einem Lehrpartner aber machte es viel mehr Spaß, sich den Themen Literatur und Oper zu widmen. Das geschah auf ganz unterschiedliche Weise, zum Beispiel in Gesprächen oder in Aufgaben, die er mir stellte und die ich dann lösen musste. Wir verbrachten so manch lehrreiche und humorvoll-witzige Stunde im Chat miteinander. Und zum Anderen war es die Suche nach Geborgenheit. Jedoch fand ich diese bei einem selbstdefinierten Einzelgäger wie Miguel nicht, im Gegenteil. Ich wollte, dass er zugänglicher wird, dass er sich mir mehr widmet und öffnet. Oft bohrte ich nach und untergrub so sein wirkliches Sein. Ich schaffte mir in meinen Gedanken ein Bild von ihm, ohne zu prüfen, ob dieses Bild wirklich Miguel war. Nach diesem geschaffenen Bild sollte Miguel aber meines Erachtens handeln. Doch genau dagegen wehrte er sich. Er brachte mir stattdessen bei, allein in der Welt zu bestehen. Mit solchen konkreten Worten drückte er es nie aus, aber nach den Jahren des gegenseitigen Kennens wurde mir seine Absicht immer klarer. Da ich mich noch immer an ihn klammerte, kam irgendwann, was kommen musste. Unsere Schreibfreundschaft fand ein jähes Ende.
Heute weiß ich, dass dieser Bruch, der entstand, nötig und das Beste war, was passieren konnte, um mich weiter zu entwickeln. Denn er war es, der mich dazu brachte, vielleicht sogar mehr als irgend ein Therapeut, an meiner Selbstständigkeit zu arbeiten. Daran, mich nicht an ihn oder irgend einen anderen Menschen zu klammern, sondern mein eigenes Leben zu finden und es auch zu leben. Ich weiß noch, dass er einmal in einer gemeinsamen Internetplattform das Lied "Winter" von Tori Amos verlinkte. Ich fragte ihn damals, was das Lied für ihn bedeute. Er antwortete mir nicht darauf und heute weiß ich, dass seine Antwort wohl gewesen sein könnte: Es ist nicht wichtig, was es für mich bedeutet, sondern was es für Dich bedeutet, Janita. Ich habe es mir unglaublich oft angehört und es gehört inzwischen zu einem meiner Lieblingslieder von Tori Amos. In diesem Lied wird die Geschichte eines Mädchens erzählt, welches sich zu sehr auf nur eine Person fixiert und dabei ihr eigenes Leben verpasst zu leben. Menschen und Begebenheiten ziehen an ihr vorbei, ohne dass sie sich wirklich mit ihnen verbindet, denn sie ist mehr Beobachterin, weil sie sich und die Vielfalt ihres Wesens nicht erkennt und sich nicht einbringt. Am Schönsten ist der Refrain, der ungefähr so lautet: Wann wirst du endlich aufwachen? Wann wirst Du dich so lieben wie ich Dich liebe? Denn die Dinge verändern sich so schnell...

Zurück zu Miguel und dem Bruch. Ich denke heute, Miguel, der schon immer ein schlauer Mann war, wusste längst mehr über mich bescheid, als ich es tat. Ich konnte mein Verhalten ihm gebenüber nicht erkennen, denn es ist oft schwer, sich selbst wahr zu nehmen. In dem Jahr unseres Bruchs, in dem ich ihn weder sah, noch mit ihm sprach, musste ich einen Ausgleich für ihn finden, denn, er hatte wieder einmal recht gehabt, indem er einmal meinte, er wäre meine einzige Beschäfigung. Ich vernachlässigte meine Freundinnen und anstatt mich nach Beschäftigungen umzusehen, die mich erfüllen könnten, an denen ich Spaß haben könnte, sezierte ich Miguel stundenlang, was ich besser mit mir selbst hätte tun sollen. Aber in diesem Jahr sollte ich ausreichend Gelegenheit dazu haben. Ich traf mich mehr mit Freundinnen, redete mit Menschen, mit denen ich zuvor nie geredet hätte und stellte fest, dass diese sehr nett sind, obwohl sie überhaupt nicht in mein "Schema Mensch" passten und nahm mehr an außerdienstlichen Veranstaltungen teil. Ich begann, allein auf Reisen zu gehen und mich dabei gut zu fühlen, ohne etwas oder jemanden zu vermissen, wie ich es zuvor getan hatte.
Ich fühle mich heute viel wohler. Es ist ein Gefühl, das ich gar nicht recht beschreiben kann. Es ist eine Art Wärme und ein wohliges Kribbeln, sowie ein inneres Lachen, das an die Stelle des Grübelns und Zweifelns getreten ist. Nicht immer gelingt es mir, diesen harmonischen Zustand zu behalten und oft genug falle ich zurück in mein altes, leicht depressives Verhalten, mit dem Unterschied, dass ich heute Wege kenne, auch wieder aus einem Tief herauszufinden.

So sitze ich nun also hier und warte auf Miguel, mit dem ich mich wieder intensiver unterhalten habe. Ich weiß nicht, wo mich unsere Begegnung hinführen wird, wie es sein wird, sich zwar zu kennen, aber doch nicht zu kennen. Vielleicht ist es endlich die richtige Richtung eines Miteinanders, die wir nun einschlagen können, ein entspannteres, gelösteres. Ein Miteinander mit mehr Aktzeptanz. Ich bin gespannt...
© JanaPetrat

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