Dienstag, 24. April 2012

I: Herr Chilli beobachtet die Welt





Herr Chilli ist ein schlanker feiner Mann, bekleidet mit einem grauen Mantel, einer schwarzen, korrekt gebügelten Hose und glänzenden schwarzen Lederschuhen. Auf seinem Kopf trägt er einen grauen Hut und neben ihm steht die braune Aktentasche mit dem goldenen, viereckigen Verschluss.
Er sitzt an diesem wunderbar sonnigen Sonntagmorgen, es ist fast 10 Uhr und das erste Sonnenlicht fällt in einem blassgelben Licht auf die umliegende Landschaft, auf einer weißen kleinen Parkbank, die aus Holz gedrechselt und mit filigranen Schnitzereien versehen war.
Es ist ein ruhiger Morgen, zwei kleine grau-schwarze Vögelchen versuchen, auf dem von der Nacht taubesprenkelten Rasen Würmer mit ihren kleinen Schnäbeln aus der Erde zu ziehen. Ihre Köpfe bewegen sich ruckartig nach hinten und die armen Erdlinge, die feucht-braun zwischen den Schnäbeln schimmern, werden immer länger, während die Vögel sich mit jedem Zug ein bisschen mehr vom Erdloch, in denen die Würmer stecken, entfernen.
Am Wege des mit weißen Latten umzäunten Rasens steht ein Großmütterchen, die, ihre Enkelin an der rechten Hand haltend, auf einen großen Baum zeigt, auf dem zwischen dichten grünen Blättern eine Katze Platz genommen hat. Ihr Schwanz hängt träge vom Ast hinab, sie selbst ist, knäulartig zusammengerollt, in den süßesten Katz- und Mausträumen versunken.
Herr Chilli sitzt noch immer auf seinem kleinen Bänkchen, schaut auf die einzelnen Szenerien vor ihm und trotz des geradezu malerischen Tages kann er all das nicht wirklich in sich aufnehmen. Er sieht genau, was geschieht, erkennt einzelne Details, wie das hastig hingeworfene Butterbrotpapier am dritten Zaunpfählchen von links, aber er empfindet nichts. Gar nichts. Er kann sich nicht mit seiner Umgebung verbinden. Wie ein Kasten mit Augen, so stellt er es sich zumindest vor, sitzt er da. Sein Körperinneres ist ein schwarzes Nichts, leer, bar jeder Regungen, ohne innere Organe. Wie gern, so denkt er, würde er jetzt seinem Körper entfliehen und leicht, schwerelos zu all den Blumen fliegen, sich zu ihnen legen und sie ansehen. Er könnte dann die feine Maserung eines Blattes genau in Augenschein nehmen, mit seiner Nase ganz nah an dem Blütenkopf herangehen und ihren süßlichen Duft beschnuppern. Doch, wenn man nichts fühlt, dann kann einem selbst so ein zartes Geschöpf keine Freude bringen. Dann sind das Gras, der Vogel, das Mädchen an der Hand der Oma und selbst die schlafende Katze nur Gegenstände. Aneinandergereiht und selbst ohne jegliches Empfinden. Doch Herr Chilli hat diese Ahnung, die aus einer empfindsameren Zeit zu stammen scheint, dass nur unsere Gefühle, die wir an einen Gegenstand binden, ihn lebendig werden lassen. Und so geht Herr Chilli an diesem herrlich sonnigen Sonntag mit seinem braunen Aktentäschchen in der Hand und mit gesunkenem Kopf seines Weges in Richtung Stadt.
© JanaPetrat