Mittwoch, 25. April 2012

XIII: Herrn Chillis Samstagmorgenfrühstück



Herr Chilli schlurft im Morgenmantel an den großen Tisch im Esszimmer, auf dem bereits Schinken, Ei, sahnige Butter, Käse, Erdbeermarmelade, Leberpastete und Milch auf ihren Verzehr auf einer weißen Tischdecke neben einer Vase mit einem Strauß aus rosa erblühten Bauernrosen warten. Weiterhin schmücken feinstes Tafelsilber und Limoges Porzellan den Tisch.
Hergerichtet wurde dieses kunstvolle Arrangement von seiner Haushälterin, die von Herrn Chilli dazu angehalten wurde, am Wochenende stets das gute Geschirr aufzutischen.
Herr Chilli nimmt von dieser Komposition allerdings keine Kenntnis. Er hat üble Kopfschmerzen, denn am vergangenen Abend fand drei Häuser entfernt von seinem eigenen eine Soirée statt, zu der er eingeladen wurde und auf der er ein Glas Rotwein zuviel trank.
Herr Chilli wirft eine Kopfschmerzentablette, die er sich von seiner Haushälterin bringen ließ, in das Kristallwasserglas und beobachtet dabei, wie viele kleine Bläschen schnell von der Tablette zur Wasseroberfläche aufsteigen, während sich das Wasser milchig weiß färbt. Feinste transparente Wassertröpfchen spritzen über das Glas auf den Tisch und erzeugen einen kleinen Wasserglasspringbrunnen, den Herr Chilli mit einiger Freude beobachtet.

Aber nicht nur der Rotwein schlägt ihm schwer auf den Magen, sondern auch seine gestrige Begegnung mit Minnie von Bergheim. Minnie ist die Gattin des Kulturmäzen Gustaf von Bergheim, der kulturelle Einrichtungen der Stadt finanziell unterstützt. Zudem ist er Rechtsanwalt in einer alteingesessenen Kanzlei im Stadtzentrum.
Seine Frau stellt sich als Künstlerin im verbalen Verbreiten zwischenmenschlicher Vorkommnisse dar.
 Minni von Bergheim trägt gern Korsetts, die ihre üppige Oberweite für jedermann sichtbar werden lassen und ihre scharlachroten Lippen sprechen oft ihre eigene eindeutige Sprache. Ihr mit einer Brennschere onduliertes Haar fällt in schweren, wenig natürlich wirkenden, blondierten Locken schräg vom Kopf ab, was ihr den Eindruck eines Marionettenpüppchens verleiht. Ihr Lachen dagegen ist weniger püppchenhaft und von durchdringender, gutturaler Natur. Abschließend lässt sich ihr Körperbau als sehr stabil beschreiben.
Minni von Bergheim ist gelangweilt von ihrer Ehe, denn das Leben außerhalb der hiesigen gesellschaftlichen Beschränkungen scheint ihr wesentlich ansprechender. Und so kommt es vor, dass sie sich am Abend einer Soirée ihren "Mann des Abends" aussucht, dem sie nicht mehr von der Seite weicht, ihm Anekdoten aus ihrem Leben erzählt und ihm währenddessen immer wieder mit ihrer etwas fülligen Schulter in den Arm stupst. Dem von ihr gewählten Mann kann dies äußerst unangenehm werden, wird er doch von der restlichen Abendgesellschaft heimlich beobachtet. Alle Anwesenden wissen meist genauestens darüber Bescheid, welche "Männer des Abends" Minnie an vorangegangenen Abendgesellschaften auf ihrem Tanzkärtchen verzeichnet hatte. Meist werden diese Männer mit einem mitleidigen Blick betrachtet.

Es ergab sich am Freitagabend, dass Herr Chilli sehr ungünstig im Tanzsaal in einer Gruppe von Herren stand, als Minni auf ihn zuschritt und ihn fragte, ob er bereit wäre, ein Tanz mit ihr zu wagen. Er aber lehnte strikt ab, denn ihm war nicht daran gelegen, zum Gesprächsthema der umstehenden Gäste zu werden. Minnie jedoch ließ nicht locker und erzählte nach dieser Abfuhr, wie sie gemeinsam mit ihren Freundinnen den Tag verbracht hatte, was Herrn Chilli ungefähr soviel interessierte, als fiele in diesem Moment eine Birne vom Baum. Sie stieß mit ihrer Schulter in seinen Arm und lachte laut auf, denn für sie schien ihre Unterhaltung durchaus ihren komödiantischen Reiz zu haben.
Herr Chilli nahm sein Rotweinglas und schritt zur Flügeltür hinaus in den Speisesaal, um Minnie zu entkommen, ohne allzu unhöflich zu erscheinen. Als er gerade einen Lachshappen auf seinen Teller legte, wollte er seinen Ohren nicht trauen, die erneut die Stimme von Minnie vernahmen, direkt neben ihm. Nun fragte sie ihn über die dargereichten Spezialitäten aus und erzählte ihm, wie sie im Jahr 1880 mit einer Fischvergiftung das Bett unter schwersten Magenkrämpfen hütete. Weiterhin wusste sie zu berichten, dass auch sie bereits einmal in seiner Bibliothek gewesen war, um sich das Buch "Feine Tischdekoration für die vornehme Gattin" auszuleihen. Eine Lektüre, deren inhaltliche Umsetzung ihr schwer zu schaffen machte. Sie beauftragte später ihre Haushälterin mit der Ausarbeitung.
Herr Chilli verdrehte innerlich zum gefühlten fünfzigsten Male die Augen und hoffte, das Gespräch möge enden. Zu seiner Rettung erblickte er an der Getränketafel einen Bekannten, zu dem er mit ausgebreiteten Armen und seinen Namen rufend Zuflucht nahm. Den Rest des Abends blieb er von Minnie verschont, denn er schien ihr eindeutig zu langweilig zu sein.

Wenn Herr Chilli an den vorigen Abend zurückdenkt, graust es ihn noch immer. Es wäre für ihn ein Alptraum, mit dieser Frau in Verbindung gebracht zu werden.
Es ist auch der Moment, an dem er Feechen schmerzlich vermisst, selbst wenn er Johannes auf dem Schiff von Indien zurück in die Heimat etwas anderes vermittelte. Er wollte seine Schwäche nicht eingestehen, gestand er sie sich doch selbst kaum zu. An Feechen zu hängen, heißt,  schwach zu sein und zuzugeben, Hilfe und eine Stütze zu brauchen. Obwohl er weiß, dass sie die einzige Frau war, die ihm immer verzieh, wenn er sich ungebührlich verhielt. Sie war diejenige, die ihn im wahrsten Sinne aushielt, diejenige, zu der er am längsten Kontakt pflegte. Und trotzdem hat er es nicht geschafft, bei ihr zu bleiben. Es ärgert ihn, dass er eine intelligente, manierliche Frau von sich stieß. Er weiß nach dem gestrigen Abend wieder, dass es nicht so leicht ist, eine Frau mit erhabenem Charakter zu finden. Zu oft stößt er an Gesellschaftsabenden auf Frauen wie Minnie, die über ein sehr schlichtes Gemüt verfügen und die seinen Geist in keinster Weise inspirieren. Frauen, deren Denken sich ausschließlich um Mode und Gesellschaftstratsch dreht, können sein Herz nicht gewinnen. Ein Frau muss Witz, Esprit und Edelmut besitzen.
All das tat Feechen, nur war sie ihm immer noch nicht genug. Er erwartete mehr und ertappte sich dabei, wie er im Geiste ihre Makel aufzählte. Der Leberfleck an der Wange, die zu kurvigen Rundungen, die Unkenntnis über die Philosophen der Antike und ihre Vorliebe für Himbeereis, statt für Schokoeis. Herr Chilli weiß, dass dies unbedeutende Attribute sind, aber er hatte immer das Gefühl, noch nicht die perfekte Frau für sich gefunden zu haben.
Und so kommt es vor, dass er immer wieder Zeuge davon wird, wie Herren seines Alters vor ihm in den Stand der Ehe treten, Väter werden und sich ein Haus für ihre Familie kaufen. Einerseits stößt ihn die Vorstellung einer konventionellen Familie ab, andererseits sehnte er sich nach der Geborgenheit, die eine Frau ihm bieten kann.

Verdrießlich, wieder zu keinem Ergebnis mit seinen Gedanken gekommen zu sein, nimmt er ein Stück Brot in die Hand und bestreicht es mit einer dicken Schicht Butter. Aus den Augenwinkeln nimmt er wahr, wie sein Freund Johannes, der sich seit einigen Tagen bei ihm einquartiert hat, die Treppe hinunterläuft und auf den Eingang seines Hauses zugeht, um jemandem auf der Straße etwas zuzurufen...
© JanaPetrat

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