Herr Chilli schlurft im
Morgenmantel an den großen Tisch im Esszimmer, auf dem bereits Schinken, Ei,
sahnige Butter, Käse, Erdbeermarmelade, Leberpastete und Milch auf ihren Verzehr
auf einer weißen Tischdecke neben einer Vase mit einem Strauß aus rosa
erblühten Bauernrosen warten. Weiterhin schmücken feinstes Tafelsilber und
Limoges Porzellan den Tisch.
Hergerichtet wurde dieses kunstvolle Arrangement von seiner Haushälterin, die von Herrn Chilli dazu angehalten wurde, am Wochenende stets das gute Geschirr aufzutischen.
Hergerichtet wurde dieses kunstvolle Arrangement von seiner Haushälterin, die von Herrn Chilli dazu angehalten wurde, am Wochenende stets das gute Geschirr aufzutischen.
Herr Chilli nimmt von dieser
Komposition allerdings keine Kenntnis. Er hat üble Kopfschmerzen, denn am
vergangenen Abend fand drei Häuser entfernt von seinem eigenen eine Soirée
statt, zu der er eingeladen wurde und auf der er ein Glas Rotwein zuviel trank.
Herr Chilli wirft eine
Kopfschmerzentablette, die er sich von seiner Haushälterin bringen ließ, in das
Kristallwasserglas und beobachtet dabei, wie viele kleine Bläschen schnell von
der Tablette zur Wasseroberfläche aufsteigen, während sich das Wasser milchig
weiß färbt. Feinste transparente Wassertröpfchen spritzen über das Glas auf den
Tisch und erzeugen einen kleinen Wasserglasspringbrunnen, den Herr Chilli mit einiger
Freude beobachtet.
Aber nicht nur der Rotwein
schlägt ihm schwer auf den Magen, sondern auch seine gestrige Begegnung mit
Minnie von Bergheim. Minnie ist die Gattin des Kulturmäzen Gustaf von Bergheim,
der kulturelle Einrichtungen der Stadt finanziell unterstützt. Zudem ist er
Rechtsanwalt in einer alteingesessenen Kanzlei im Stadtzentrum.
Seine Frau stellt sich als
Künstlerin im verbalen Verbreiten zwischenmenschlicher Vorkommnisse dar.
Minni von Bergheim trägt
gern Korsetts, die ihre üppige Oberweite für jedermann sichtbar werden lassen
und ihre scharlachroten Lippen sprechen oft ihre eigene eindeutige
Sprache. Ihr mit einer Brennschere onduliertes Haar fällt in schweren, wenig
natürlich wirkenden, blondierten Locken schräg vom Kopf ab, was ihr den
Eindruck eines Marionettenpüppchens verleiht. Ihr Lachen dagegen ist weniger
püppchenhaft und von durchdringender, gutturaler Natur. Abschließend lässt
sich ihr Körperbau als sehr stabil beschreiben.
Minni von Bergheim ist
gelangweilt von ihrer Ehe, denn das Leben außerhalb der hiesigen
gesellschaftlichen Beschränkungen scheint ihr wesentlich ansprechender. Und so
kommt es vor, dass sie sich am Abend einer Soirée ihren "Mann des
Abends" aussucht, dem sie nicht mehr von der Seite weicht, ihm Anekdoten
aus ihrem Leben erzählt und ihm währenddessen immer wieder mit ihrer etwas
fülligen Schulter in den Arm stupst. Dem von ihr gewählten Mann kann dies
äußerst unangenehm werden, wird er doch von der restlichen Abendgesellschaft
heimlich beobachtet. Alle Anwesenden wissen meist genauestens darüber Bescheid,
welche "Männer des Abends" Minnie an vorangegangenen
Abendgesellschaften auf ihrem Tanzkärtchen verzeichnet hatte. Meist werden
diese Männer mit einem mitleidigen Blick betrachtet.
Es ergab sich am Freitagabend,
dass Herr Chilli sehr ungünstig im Tanzsaal in einer Gruppe von Herren stand,
als Minni auf ihn zuschritt und ihn fragte, ob er bereit wäre, ein Tanz mit ihr
zu wagen. Er aber lehnte strikt ab, denn ihm war nicht daran gelegen, zum
Gesprächsthema der umstehenden Gäste zu werden. Minnie jedoch ließ nicht locker
und erzählte nach dieser Abfuhr, wie sie gemeinsam mit ihren Freundinnen den
Tag verbracht hatte, was Herrn Chilli ungefähr soviel interessierte, als fiele
in diesem Moment eine Birne vom Baum. Sie stieß mit ihrer Schulter in seinen
Arm und lachte laut auf, denn für sie schien ihre Unterhaltung durchaus ihren
komödiantischen Reiz zu haben.
Herr Chilli nahm sein
Rotweinglas und schritt zur Flügeltür hinaus in den Speisesaal, um Minnie zu
entkommen, ohne allzu unhöflich zu erscheinen. Als er gerade einen
Lachshappen auf seinen Teller legte, wollte er seinen Ohren nicht trauen, die
erneut die Stimme von Minnie vernahmen, direkt neben ihm. Nun fragte sie ihn
über die dargereichten Spezialitäten aus und erzählte ihm, wie sie im Jahr
1880 mit einer Fischvergiftung das Bett unter schwersten Magenkrämpfen hütete.
Weiterhin wusste sie zu berichten, dass auch sie bereits einmal in seiner
Bibliothek gewesen war, um sich das Buch "Feine Tischdekoration für die vornehme
Gattin" auszuleihen. Eine Lektüre, deren inhaltliche Umsetzung ihr schwer
zu schaffen machte. Sie beauftragte später ihre Haushälterin mit der
Ausarbeitung.
Herr Chilli verdrehte innerlich
zum gefühlten fünfzigsten Male die Augen und hoffte, das Gespräch möge enden.
Zu seiner Rettung erblickte er an der Getränketafel einen Bekannten, zu dem er
mit ausgebreiteten Armen und seinen Namen rufend Zuflucht nahm. Den Rest des
Abends blieb er von Minnie verschont, denn er schien ihr eindeutig zu langweilig
zu sein.
Wenn Herr Chilli an den vorigen
Abend zurückdenkt, graust es ihn noch immer. Es wäre für ihn ein Alptraum, mit
dieser Frau in Verbindung gebracht zu werden.
Es ist auch der Moment, an dem
er Feechen schmerzlich vermisst, selbst wenn er Johannes auf dem Schiff von
Indien zurück in die Heimat etwas anderes vermittelte. Er wollte seine Schwäche
nicht eingestehen, gestand er sie sich doch selbst kaum zu. An Feechen zu
hängen, heißt, schwach zu sein und zuzugeben, Hilfe und eine Stütze zu
brauchen. Obwohl er weiß, dass sie die einzige Frau war, die ihm immer verzieh,
wenn er sich ungebührlich verhielt. Sie war diejenige, die ihn im wahrsten
Sinne aushielt, diejenige, zu der er am längsten Kontakt pflegte. Und trotzdem
hat er es nicht geschafft, bei ihr zu bleiben. Es ärgert ihn, dass er eine
intelligente, manierliche Frau von sich stieß. Er weiß nach dem gestrigen Abend
wieder, dass es nicht so leicht ist, eine Frau mit erhabenem Charakter zu
finden. Zu oft stößt er an Gesellschaftsabenden auf Frauen wie Minnie, die über
ein sehr schlichtes Gemüt verfügen und die seinen Geist in keinster Weise
inspirieren. Frauen, deren Denken sich ausschließlich um Mode und
Gesellschaftstratsch dreht, können sein Herz nicht gewinnen. Ein Frau muss
Witz, Esprit und Edelmut besitzen.
All das tat Feechen, nur war
sie ihm immer noch nicht genug. Er erwartete mehr und ertappte sich dabei, wie
er im Geiste ihre Makel aufzählte. Der Leberfleck an der Wange, die zu kurvigen
Rundungen, die Unkenntnis über die Philosophen der Antike und ihre
Vorliebe für Himbeereis, statt für Schokoeis. Herr Chilli weiß, dass dies
unbedeutende Attribute sind, aber er hatte immer das Gefühl, noch nicht
die perfekte Frau für sich gefunden zu haben.
Und so kommt es vor, dass er
immer wieder Zeuge davon wird, wie Herren seines Alters vor ihm in den Stand
der Ehe treten, Väter werden und sich ein Haus für ihre Familie kaufen.
Einerseits stößt ihn die Vorstellung einer konventionellen Familie ab,
andererseits sehnte er sich nach der Geborgenheit, die eine Frau ihm bieten
kann.
Verdrießlich, wieder zu keinem
Ergebnis mit seinen Gedanken gekommen zu sein, nimmt er ein Stück Brot in die
Hand und bestreicht es mit einer dicken Schicht Butter. Aus den Augenwinkeln
nimmt er wahr, wie sein Freund Johannes, der sich seit einigen Tagen bei ihm
einquartiert hat, die Treppe hinunterläuft und auf den Eingang seines Hauses
zugeht, um jemandem auf der Straße etwas zuzurufen...
© JanaPetrat
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