Herr Chilli ist ein mächtiger
Mann. Er besitzt das Wissen der Welt und hält es jeden Tag auf´s Neue in seinen
Händen. Sein Wissen ist so mächtig, dass er von den Bürgern seiner Stadt jeden
Tag um Rat gefragt wird und er sein Wissen gern mit ihnen teilt.
Herr Chilli ist der Leiter der
städtischen Bibliothek. Er und 3 treue Angestellte arbeiten in einem Refugium
tausender Bücher. Sie stehen aufgereiht in meterhohen Regalen, welche sich an
den Wänden zweier Räume eines alten Backsteingebäudes, das sich am Flussufer in
der Nähe des Bahnhofs befindet, entlang schlängeln.
Die Bücherregale sind in 3
Kategorien aufgeteilt: ganz oben stehen die alten, wertvollen, mit goldenen
Lettern beschrifteten und in Leder gebundenen Bücher, deren Seiten so dünn
sind, dass sie drohen, bei einem erneuten Umblättern in ihre papierenen
Einzelteile zu zerfallen. Diese Bücher werden von den Bibliothekaren höchst
selbst heruntergeholt und der Leser muss sich zum Studieren der Lektüre an
einen separaten Tisch setzen, der in Blickweite eines aufsichtshabenden Angestellten
steht. Diese wertvollen Publikationen dürfen nicht ausgeliehen, sondern einzig
gelesen werden. Nach selbigem werden sie zurück an ihren angestammten Platz
gebracht.
In der Mitte der langen
Regalschlangen finden die aufmerksamen Ausleiher die Bücher der Neuzeit. Gerade
herausgebrachte Schriften, die zu genau dieser Zeit auch in den Buchläden der
Stadt zu finden sind.
Die letzte, untere Kategorie
ist die Kategorie "Es wäre besser, wenn diese Bücher niemals gedruckt
worden wären.", verfasst von nicht weiter ernst zu nehmenden
Möchtegernschriftstellern, deren Abhandlungen entweder nach den ersten Seiten
des Lesens enttäuscht bei Seite gelegt werden oder die schon seit ewigen Zeiten
ohne das Interesse geneigter Leser in den Regalzeilen dahinvegetieren.
Im Großen und Ganzen lässt sich
jedoch eines sagen: In dieser Bibliothek findet der Suchende alles, was das
Herz begehrt in sauber beschrifteten und nach Themengebieten geordneten
Bücherregalen. Hier haben Galileis naturwissenschaftliche Abhandlungen genauso
Platz, wie die Bücher von Dr. Freud, Jane Austen, Gregor Mendel und Richard
Trevithick.
Herrn Chillis Bibliothek ist
immer gut besucht. In der Woche bilden die Studenten nach ihren Kursen an der
Universität kleine Lerngrüppchen an eigens dafür zusammen geschobenen Tischen
im Lesebereich, auf denen sich dann Berge von Büchern der jeweiligen
Lerngebiete stapeln. Oft bleiben die wissbegierigen jungen Leute bis zur
Schließung der Bibliothek am Abend, um am Folgetag wieder zu erscheinen.
Aber auch Mütter leihen sich
Literatur, wie Kochrezepte, Kinderbücher und Modezeitschriften mit den neuesten
Schnittmustern. Väter interessieren sich dagegen für technische und
wissenschaftliche Bereiche. Und für den Professor der Universität, die sich nur
wenige Gehminuten von der Bibliothek entfernt befindet, darf es gern Friedrich
Nietzsches Lektüre "Zur Genealogie der Moral" sein, womit er seine
Hochschüler quält, um sie während der Semesterstunden zum Mitdenken zu bewegen.
Alle auszuleihenden Bücher
werden in einem großen, dicken Buch erfasst, mit dem Namen des Ausleihbuches,
Datum des Ausleihtages, Name des Ausleihers und dem Tag der Rückgabe. Dafür ist
Herrn Chillis Assistentin und BuchHalterin zuständig, die bereits seit 5 Jahren
für ihn arbeitet. Herr Chilli hat 2 weitere Mitarbeiter, die für die
Finanzbuchhaltung und die Katalogisierung sowie die Einsortierung der Bücher in
die Regale zuständig sind.
Als Leiter seiner Angestellten
ist Herr Chilli ein von allen akzeptierter und respektierter Vorgesetzter. Er
billigt Neuerungen in der Bibliotheksführung, wenn sie zur Erleichterung der
Arbeit seiner Mitarbeiter geschehen und von selbigen an ihn herangetragen
werden. In der Mittagspause essen Herr Chilli und seine Angestellten gemeinsam
in einem kleinen Raum, der auf dem Flur vor dem Eingang der Bücherei liegt, an
einem Tisch, um den weiteren Tagesablauf zu besprechen oder sich einmal ein
wenig privat auszutauschen. Würde man seine Kollegen befragen, würden diese
sagen, Herr Chilli ist immer freundlich, meist gut gelaunt, aber auch streng,
wenn es die Situation erfordert. Und er behandelt jeden seiner Untergebenen in
gleicher Weise.
Seine Kundschaft ist sehr
angetan von Herrn Chilli, denn wer möchte an manchen Tagen nicht von dem
adretten, freundlichen und gutaussehenden Mann bedient werden, der ihnen so
nett die Bücher aus der Hand nimmt, um sie seiner Assistentin zu reichen, damit
diese sie in das oben erwähnte Ausleihbuch aufnimmt. Die jungen Damen der
Gesellschaft blicken ihn durchaus kokett an und offerieren Avancen, die er aber
vorgibt, nicht zu hören oder mit der nötigen Distanz und einigen knappen Worten
im Keime erstickt.
Auch privat ist Herr Chilli
gern gesehener Gast bei seinen Freunden. Er nimmt abendliche Spiele- und
Essenseinladungen an, fährt über die Wochenenden entfernt wohnende, ehemalige
Mitstudenten und ihre Familien besuchen und verbringt manche Nachmittage in
Kaffeehäusern mit seinen engsten Bekannten.
Wer würde da auf die Idee
kommen, dass es Tage gibt, an denen der feingeistige Herr Chilli, der nicht nur
beruflich sondern auch privat die meisten Bücher der Weltliteratur seit seiner
Kindheit gelesen hat, nach Arbeitsende, wenn seine Kollegen längst bei
ihren Familien zuhause sind, allein an einem Tisch der Bibliothek sitzt und
gedankenversunken auf die leere, braun gemaserte Tischplatte starrt? Wer würde
annehmen, dass der Mann, der sich so gut in die Gedanken und
Wünsche seiner Mitmenschen hineinversetzen kann, ja, sie fast zu lesen
vermag, sich fragt, ob sein Beruf, sowie das Leben, das er lebt, alles gewesen
sein sollen, was es noch für ihn zu erfahren gibt? Und ob die Entscheidungen,
die er bisher traf, die richtigen waren?
© JanaPetrat
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