Dienstag, 24. April 2012

III: Herr Chilli - der Mann der 1.000 Bücher



Herr Chilli ist ein mächtiger Mann. Er besitzt das Wissen der Welt und hält es jeden Tag auf´s Neue in seinen Händen. Sein Wissen ist so mächtig, dass er von den Bürgern seiner Stadt jeden Tag um Rat gefragt wird und er sein Wissen gern mit ihnen teilt.
Herr Chilli ist der Leiter der städtischen Bibliothek. Er und 3 treue Angestellte arbeiten in einem Refugium tausender Bücher. Sie stehen aufgereiht in meterhohen Regalen, welche sich an den Wänden zweier Räume eines alten Backsteingebäudes, das sich am Flussufer in der Nähe des Bahnhofs befindet, entlang schlängeln. 
Die Bücherregale sind in 3 Kategorien aufgeteilt: ganz oben stehen die alten, wertvollen, mit goldenen Lettern beschrifteten und in Leder gebundenen Bücher, deren Seiten so dünn sind, dass sie drohen, bei einem erneuten Umblättern in ihre papierenen Einzelteile zu zerfallen. Diese Bücher werden von den Bibliothekaren höchst selbst heruntergeholt und der Leser muss sich zum Studieren der Lektüre an einen separaten Tisch setzen, der in Blickweite eines aufsichtshabenden Angestellten steht. Diese wertvollen Publikationen dürfen nicht ausgeliehen, sondern einzig gelesen werden. Nach selbigem werden sie zurück an ihren angestammten Platz gebracht. 
In der Mitte der langen Regalschlangen finden die aufmerksamen Ausleiher die Bücher der Neuzeit. Gerade herausgebrachte Schriften, die zu genau dieser Zeit auch in den Buchläden der Stadt zu finden sind.
Die letzte, untere Kategorie ist die Kategorie "Es wäre besser, wenn diese Bücher niemals gedruckt worden wären.", verfasst von nicht weiter ernst zu nehmenden Möchtegernschriftstellern, deren Abhandlungen entweder nach den ersten Seiten des Lesens enttäuscht bei Seite gelegt werden oder die schon seit ewigen Zeiten ohne das Interesse geneigter Leser in den Regalzeilen dahinvegetieren.
Im Großen und Ganzen lässt sich jedoch eines sagen: In dieser Bibliothek findet der Suchende alles, was das Herz begehrt in sauber beschrifteten und nach Themengebieten geordneten Bücherregalen. Hier haben Galileis naturwissenschaftliche Abhandlungen  genauso Platz, wie die Bücher von Dr. Freud, Jane Austen, Gregor Mendel und Richard Trevithick.
Herrn Chillis Bibliothek ist immer gut besucht. In der Woche bilden die Studenten nach ihren Kursen an der Universität kleine Lerngrüppchen an eigens dafür zusammen geschobenen Tischen im Lesebereich, auf denen sich dann Berge von Büchern der jeweiligen Lerngebiete stapeln. Oft bleiben die wissbegierigen jungen Leute bis zur Schließung der Bibliothek am Abend, um am Folgetag wieder zu erscheinen.
Aber auch Mütter leihen sich Literatur, wie Kochrezepte, Kinderbücher und Modezeitschriften mit den neuesten Schnittmustern. Väter interessieren sich dagegen für technische und wissenschaftliche Bereiche. Und für den Professor der Universität, die sich nur wenige Gehminuten von der Bibliothek entfernt befindet, darf es gern Friedrich Nietzsches Lektüre "Zur Genealogie der Moral" sein, womit er seine Hochschüler quält, um sie während der Semesterstunden zum Mitdenken zu bewegen.
Alle auszuleihenden Bücher werden in einem großen, dicken Buch erfasst, mit dem Namen des Ausleihbuches, Datum des Ausleihtages, Name des Ausleihers und dem Tag der Rückgabe. Dafür ist Herrn Chillis Assistentin und BuchHalterin zuständig, die bereits seit 5 Jahren für ihn arbeitet. Herr Chilli hat 2 weitere Mitarbeiter, die für die Finanzbuchhaltung und die Katalogisierung sowie die Einsortierung der Bücher in die Regale zuständig sind.
Als Leiter seiner Angestellten ist Herr Chilli ein von allen akzeptierter und respektierter Vorgesetzter. Er billigt Neuerungen in der Bibliotheksführung, wenn sie zur Erleichterung der Arbeit seiner Mitarbeiter geschehen und von selbigen an ihn herangetragen werden. In der Mittagspause essen Herr Chilli und seine Angestellten gemeinsam in einem kleinen Raum, der auf dem Flur vor dem Eingang der Bücherei liegt, an einem Tisch, um den weiteren Tagesablauf zu besprechen oder sich einmal ein wenig privat auszutauschen. Würde man seine Kollegen befragen, würden diese sagen, Herr Chilli ist immer freundlich, meist gut gelaunt, aber auch streng, wenn es die Situation erfordert. Und er behandelt jeden seiner Untergebenen in gleicher Weise.
Seine Kundschaft ist sehr angetan von Herrn Chilli, denn wer möchte an manchen Tagen nicht von dem adretten, freundlichen und gutaussehenden Mann bedient werden, der ihnen so nett die Bücher aus der Hand nimmt, um sie seiner Assistentin zu reichen, damit diese sie in das oben erwähnte Ausleihbuch aufnimmt. Die jungen Damen der Gesellschaft blicken ihn durchaus kokett an und offerieren Avancen, die er aber vorgibt, nicht zu hören oder mit der nötigen Distanz und einigen knappen Worten im Keime erstickt. 
Auch privat ist Herr Chilli gern gesehener Gast bei seinen Freunden. Er nimmt abendliche Spiele- und Essenseinladungen an, fährt über die Wochenenden entfernt wohnende, ehemalige Mitstudenten und ihre Familien besuchen und verbringt manche Nachmittage in Kaffeehäusern mit seinen engsten Bekannten.
Wer würde da auf die Idee kommen, dass es Tage gibt, an denen der feingeistige Herr Chilli, der nicht nur beruflich sondern auch privat die meisten Bücher der Weltliteratur seit seiner Kindheit gelesen hat, nach Arbeitsende, wenn seine Kollegen längst bei ihren Familien zuhause sind, allein an einem Tisch der Bibliothek sitzt und gedankenversunken auf die leere, braun gemaserte Tischplatte starrt? Wer würde annehmen, dass der Mann, der sich so gut in die Gedanken und Wünsche seiner Mitmenschen hineinversetzen kann, ja, sie fast zu lesen vermag, sich fragt, ob sein Beruf, sowie das Leben, das er lebt, alles gewesen sein sollen, was es noch für ihn zu erfahren gibt? Und ob die Entscheidungen, die er bisher traf, die richtigen waren?
© JanaPetrat

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