Mittwoch, 25. April 2012

VIII: Fräulein Pummis neuer Schüler



Fräulein Pummi sitzt an ihrem dunkelbraunen Esstisch in der Küche, vor ihr eine Tasse mit schwarzem indischen Kaffee, der einer Legende nach von einem Pilger namens Baba Budan in Indien eingeführt wurde, als er 7 Kaffeesamen aus dem Jemen mitbrachte und sie auf den Hügeln von Chandragiri säte.
Diese Samen sollen der Ursprung des Kaffeeanbaus in diesem orientalischen Land gewesen sein. Fräulein Pummis Kaffee ist in eine weiße, am Tassenrand in Bogen geformte Porzellantasse gefüllt und verströmt einen herrlich aromatischen, frischen Duft, der sich in der gesamten Küche ausbreitet. Sie beugt sich über ihr blaues, liniertes Schreibheft und vervollständigt mit ihrer Schreibfeder die Notizen, die sie zu jedem ihrer Schüler anlegt, um in der nächsten Klavierstunde zu wissen, an welcher Stelle sie ihren Unterricht beendet hat und wie die folgende Lektion gestaltet wird.
Plötzlich klingelt das Glöckchen an der Eingangstür ihrer Wohnung. Fräulein Pummi erhebt sich, geht durch den langen Flur und öffnet die weiße, mit Glas gerahmte Tür. Vor ihr steht ein junger, attraktiver Mann mit dunkelblondem Haar und hellen Augen. Er verneigt sich kurz vor Fräulein Pummi, um ihr dann zu erklären, dass er Konservatoriumsabsolvent sei, der gerade im Orchester des hiesigen Opernhauses seinen Dienst antrat und nun auf der Suche nach einer privaten Klavierlehrerin ist, um sein Talent auch nach seiner Ausbildung zu fördern und im Übungsfluss zu bleiben. Da sich das Üben unter Aufsicht kontrollierter und effektiver gestaltet, möchte er bei Fräulein Pummi nachfragen, ob sie bereit wäre, ihn zu unterrichten. Er ist auf Empfehlung eines ihnen beiden bekannten Professors des Konservatoriums zu ihr gekommen. 
Fräulein Pummi bittet ihn hinein in ihr Heim, führt ihn durch ihren Flur zurück in die Küche und bietet ihm den Rest ihres noch in der Kanne befindlichen Kaffees an. Sie setzen sich gemeinsam an den Küchentisch und besprechen, wie der Unterricht gestaltet werden soll. Fräulein Pummi schlägt vor, dass sie sich einmal in der Woche treffen, um seine im Repertoire zu spielenden Stücke gemeinsam durchzugehen und bei Bedarf den fehlenden Feinschliff zu geben. Aufgrund des Umfangs der Werke, die der junge Mann vorzutragen hat, einigen sie sich darauf, statt der üblichen einen Stunde Übungszeit die Klavierstunde auf eineinhalb Stunden zu verlängern. Zum Abschluss ihres kleinen Vorgesprächs lädt er sie zum abendlichen Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 32 von Tschaikowsky in der Oper ein. Dort wird sie ihren zukünftigen Schüler am Klavier spielen hören können. Mit dieser Einladung verabschiedet sich der junge Mann.

Der Abend in der Oper ist wirklich wundervoll. Doch wenn es nach dem Freund von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, Nikolaj Rubinstein, gegangen wäre, wäre das Stück nie aufgeführt worden. Seiner Meinung nach war dieses Stück völlig unspielbar, da Tschaikowsky die Passagen unzusammenhängend und dilettantisch komponiert habe. 
Fräulein Pummi aber ist das herzlich egal. Sie sitzt auf einem der königsrot gepolsterten Stühle, inmitten eines prunkvollen Zuschauersaals, von dessen Decke ein schwerer Kronleuchter mit über 2000 Kristallglassteinen hängt. Sie trägt ein creméfarbenes, bodenlanges Kleid mit transparenten Schmucksteinchen und einem Carmenausschnitt, besetzt mit ebenso creméfarbenen Pfauenfedern. Sie genießt es, den Orchestermitgliedern beim Spiel ihrer Instrumente zuzusehen, sie lächelt über die tänzelnden Einlagen des Dirigenten und sie bewundert die Arbeit der Violinisten, die es, für sie auf unerklärliche Weise, immer wieder schaffen, auf ihren vier Saiten mit dem dazugehörigen Bogen den richtigen Ton zu treffen. 
Fräulein Pummi schaut auf ihren zukünftigen Schüler, dessen Name Jordi Berolin ist, der hingebungsvoll und elegant spielt. Sie ist gespannt auf die Übungsstunden mit ihm, denn dieser junge Herr ist durchaus gutaussehend und sinnlich, was das Interesse seiner Lehrerin weckt. Allerdings, so scheint es ihr schon jetzt, scheint er zart besaitet und von minderem Temperament zu sein, der ganze Gegensatz zu Fräulein Pummi. 
Als das Konzert geendet hat, genießt Fräulein Pummi ein Glas perlenden Champagner und lässt sich im Einspänner nach Hause fahren.
© JanaPetrat

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