Die "Arabia" ist seit
40 Tagen auf der weiten See unterwegs. Zuerst verließ das Schiff Bombay über
das Arabische Meer und umsegelte Afrika, um dann im Atlantischen Ozean Richtung
Heimat zu schippern.
Herr Chilli sitzt auf seiner
Koje, hält einen Bilderrahmen mit einer Schwarzweißfotografie in seinen Händen
und blickt sehnsüchtig darauf. In diesem Moment öffnet sich die Kajütentür und
herein tritt Herrn Chillis bester Freund aus Schultagen, Johannes Stuard.
Dieser sieht gerade noch, wie Herr Chilli den Bilderrahmen unter seiner
Bettdecke versteckt, bevor er sich erhebt, um seinen Freund zu begrüßen.
Am Kai von Bombay begegneten
sich die Beiden, als Herr Chilli dabei zusah, wie seine in Indien erstandenen
Bücher in einer großen Holzkiste mit einem Lastenzug auf das Schiff gehoben
wurden. Keiner der beiden Freunde wusste, dass sich der jeweils andere zur
gleichen Zeit im Land aufhielt.
Die beiden Männer waren höchst
erfreut, einander zu treffen, denn so würde der fünfzigtägige Aufenthalt auf
dem Schiff durch spannende Gespräche über die Erlebnisse in Indien ein wenig
aufgelockert werden. Herrn Chillis Eltern reisten ebenso mit ihnen, allerdings
war er sehr froh über die gleichaltrige Begleitung. Somit musste er sich nicht
die ganze Zeit mit Raj und Annabell auseinandersetzen.
Fragend sieht Johannes seinen
Freund an. Ihm ist aufgefallen, dass Herr Chilli in den vergangenen Tagen
stiller geworden ist und sich öfter in seine Kajüte zurückzieht, um Zeit für
sich allein zu verbringen. Weiterhin ist ihm nicht entgangen, wie schlecht Herr
Chilli aussieht. Sein Gesicht ist eingefallen und er wirkt bedrückt. Als er vor
ein paar Tagen einen Moment allein in der Kajüte seines Freundes war, sah
Johannes sich das Foto an, das Herr Chilli entweder auf den Tisch
herunterklappte oder versteckte, sobald Johannes das Zimmer betrat. Es zeigte
keineswegs die Inderin Ajali, von der Herr Chilli zu Beginn der Reise häufiger
sprach und Johannes so seine Erlebnisse während der Indienreise mit ihr schilderte.
Dieses Foto zeigte eine junge, attraktive Frau mit hochgesteckten, gelockten
Haaren, deren lose Strähnen sanft an ihrem Hals herunterfielen. Es war die
Frau, von der Herr Chilli immer öfter sprach, bevor er nach Indien aufbrach und
deren Kontakt, soweit Johannes sich erinnern konnte, von Seiten seines Freundes
plötzlich abbrach.
Johannes nimmt aus einem
Rosenholzregal ein Schachbrett und baut dieses samt Figuren auf dem Tisch
in der Mitte der Kajüte auf. Er macht den ersten Zug und wartet, dass Herr
Chilli sich an den Tisch setzt, um eine Partie mit ihm zu spielen. Herr Chilli
nimmt die stumme Einladung an. Kurz vor dem Ende der Schachpartie spricht
Johannes seinen Freund auf das Foto an und fragt ihn, ob die Frau der Grund
ist, warum Herr Chilli sich seit Tagen immer mehr von ihm entfernt. Er sagt
weiterhin, dass er seinen Freund ganz gut kennt und weiß, dass ihm die Frau,
die seines Wissens nach Feechen heißt, nicht mehr aus dem Kopf geht. Johannes
ist es vollkommen unverständlich, warum Herr Chilli sich nicht bei ihr meldet,
wenn seine Sehnsucht so groß ist. Ja, er weiß von sich selbst, wie schwer es
ist, zuzugeben, eine Fehlentscheidung getroffen zu haben und nach langer Zeit
der Stille einen erneuten Kontakt anzufachen. Aber was Herr Chilli in Johannes
Augen macht, ist Selbstzerfleischung. Nicht nur, dass er es nicht versteht,
dass Herr Chilli so endgültig mit der Dame gebrochen hat, sondern auch, dass er
zu feige ist, sich in einem Brief an sie zu wenden. Johannes denkt, dass
Feechen keine ellenlangen Zeilen erwartet, in denen sich Herr Chilli selbst
demütigt, aber vielleicht könnte er eine Frage nach ihrem Befinden äußern, um
so ein Gespräch auf einfacher Basis in Gang zu setzen. Stattdessen, so merkt
Johannes weiter an, tut sein Freund, als wäre er der stärkste Mann der Welt,
dem es nichts ausmacht, dass keine Kommunikation zwischen ihnen besteht.
Andererseits aber zeigen ihm die Augenringe und das eingefallene Gesicht von
Herrn Chilli sehr deutlich, dass er nicht der über Allem stehende Kerl ist, den
er darzustellen versucht.
Nach dieser Ansprache springt
Herr Chilli vom Stuhl auf, reißt dabei das gesamte Schachspiel vom Tisch und
schreit seinen Freund wutentbrannt an, was ihm einfiele, ihm solche
Schwachheiten zu erzählen. Nichts davon wäre wahr. Im Gegenteil, Herrn Chilli
ginge es bestens. Nur die aufwühlende See mache ihm zu schaffen. Und Johannes
solle sich nie wieder einfallen lassen, seinen Freund in dieser Art zu
belehren. Wenn Herr Chilli einen Rat brauche, würde er sich rechtzeitig an den
Mitreisenden wenden.
Damit verlässt Herr Chilli den
Raum, um sich an Deck frischen Wind ins Gesicht wehen zu lassen und Johannes
bleibt still vor sich hinlächelnd in der Kajüte zurück.
© JanaPetrat
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