Mittwoch, 25. April 2012

XI: Eine freundschaftliche Unterhaltung mit Herrn Chilli



Die "Arabia" ist seit 40 Tagen auf der weiten See unterwegs. Zuerst verließ das Schiff Bombay über das Arabische Meer und umsegelte Afrika, um dann im Atlantischen Ozean Richtung Heimat zu schippern.
Herr Chilli sitzt auf seiner Koje, hält einen Bilderrahmen mit einer Schwarzweißfotografie in seinen Händen und blickt sehnsüchtig darauf. In diesem Moment öffnet sich die Kajütentür und herein tritt Herrn Chillis bester Freund aus Schultagen, Johannes Stuard. Dieser sieht gerade noch, wie Herr Chilli den Bilderrahmen unter seiner Bettdecke versteckt, bevor er sich erhebt, um seinen Freund zu begrüßen.

Am Kai von Bombay begegneten sich die Beiden, als Herr Chilli dabei zusah, wie seine in Indien erstandenen Bücher in einer großen Holzkiste mit einem Lastenzug auf das Schiff gehoben wurden. Keiner der beiden Freunde wusste, dass sich der jeweils andere zur gleichen Zeit im Land aufhielt.
Die beiden Männer waren höchst erfreut, einander zu treffen, denn so würde der fünfzigtägige Aufenthalt auf dem Schiff durch spannende Gespräche über die Erlebnisse in Indien ein wenig aufgelockert werden. Herrn Chillis Eltern reisten ebenso mit ihnen, allerdings war er sehr froh über die gleichaltrige Begleitung. Somit musste er sich nicht die ganze Zeit mit Raj und Annabell auseinandersetzen.

Fragend sieht Johannes seinen Freund an. Ihm ist aufgefallen, dass Herr Chilli in den vergangenen Tagen stiller geworden ist und sich öfter in seine Kajüte zurückzieht, um Zeit für sich allein zu verbringen. Weiterhin ist ihm nicht entgangen, wie schlecht Herr Chilli aussieht. Sein Gesicht ist eingefallen und er wirkt bedrückt. Als er vor ein paar Tagen einen Moment allein in der Kajüte seines Freundes war, sah Johannes sich das Foto an, das Herr Chilli entweder auf den Tisch herunterklappte oder versteckte, sobald Johannes das Zimmer betrat. Es zeigte keineswegs die Inderin Ajali, von der Herr Chilli zu Beginn der Reise häufiger sprach und Johannes so seine Erlebnisse während der Indienreise mit ihr schilderte. Dieses Foto zeigte eine junge, attraktive Frau mit hochgesteckten, gelockten Haaren, deren lose Strähnen sanft an ihrem Hals herunterfielen. Es war die Frau, von der Herr Chilli immer öfter sprach, bevor er nach Indien aufbrach und deren Kontakt, soweit Johannes sich erinnern konnte, von Seiten seines Freundes plötzlich abbrach.

Johannes nimmt aus einem Rosenholzregal ein Schachbrett und baut dieses samt Figuren auf dem  Tisch in der Mitte der Kajüte auf. Er macht den ersten Zug und wartet, dass Herr Chilli sich an den Tisch setzt, um eine Partie mit ihm zu spielen. Herr Chilli nimmt die stumme Einladung an. Kurz vor dem Ende der Schachpartie spricht Johannes seinen Freund auf das Foto an und fragt ihn, ob die Frau der Grund ist, warum Herr Chilli sich seit Tagen immer mehr von ihm entfernt. Er sagt weiterhin, dass er seinen Freund ganz gut kennt und weiß, dass ihm die Frau, die seines Wissens nach Feechen heißt, nicht mehr aus dem Kopf geht. Johannes ist es vollkommen unverständlich, warum Herr Chilli sich nicht bei ihr meldet, wenn seine Sehnsucht so groß ist. Ja, er weiß von sich selbst, wie schwer es ist, zuzugeben, eine Fehlentscheidung getroffen zu haben und nach langer Zeit der Stille einen erneuten Kontakt anzufachen. Aber was Herr Chilli in Johannes Augen macht, ist Selbstzerfleischung. Nicht nur, dass er es nicht versteht, dass Herr Chilli so endgültig mit der Dame gebrochen hat, sondern auch, dass er zu feige ist, sich in einem Brief an sie zu wenden. Johannes denkt, dass Feechen keine ellenlangen Zeilen erwartet, in denen sich Herr Chilli selbst demütigt, aber vielleicht könnte er eine Frage nach ihrem Befinden äußern, um so ein Gespräch auf einfacher Basis in Gang zu setzen. Stattdessen, so merkt Johannes weiter an, tut sein Freund, als wäre er der stärkste Mann der Welt, dem es nichts ausmacht, dass keine Kommunikation zwischen ihnen besteht. Andererseits aber zeigen ihm die Augenringe und das eingefallene Gesicht von Herrn Chilli sehr deutlich, dass er nicht der über Allem stehende Kerl ist, den er darzustellen versucht.
Nach dieser Ansprache springt Herr Chilli vom Stuhl auf, reißt dabei das gesamte Schachspiel vom Tisch und schreit seinen Freund wutentbrannt an, was ihm einfiele, ihm solche Schwachheiten zu erzählen. Nichts davon wäre wahr. Im Gegenteil, Herrn Chilli ginge es bestens. Nur die aufwühlende See mache ihm zu schaffen. Und Johannes solle sich nie wieder einfallen lassen, seinen Freund in dieser Art zu belehren. Wenn Herr Chilli einen Rat brauche, würde er sich rechtzeitig an den Mitreisenden wenden. 
Damit verlässt Herr Chilli den Raum, um sich an Deck frischen Wind ins Gesicht wehen zu lassen und Johannes bleibt still vor sich hinlächelnd in der Kajüte zurück.
© JanaPetrat

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