Mittwoch, 25. April 2012

XV: Herr Chilli bricht seine selbstauferlegten Schwur



Eine Woche nach dem Eklat im Stadtcafé liegt an einem tiefschwarzen Abend auf Fräulein Pummis Schreibpult ein mehrfach gefaltetes Blatt Papier, das sie bereits wiederholt las.
Es wurde ihr vor einer Stunde von einem Boten überbracht. Nun beleuchtet einzig die Petroleumlampe, die auf dem Fenstersims steht, das Blatt mit den danebenliegenden roten Siegelwachskrümeln, die beim Brechen der Versiegelung entstanden, und die mit schwarzer Tinte geschriebene akkurate Schrift mit ihrem flackernden, sonnenblumengelben Licht. 

"Ich breche nicht oft im Leben einen Schwur. Aber heute tue ich es, obwohl es mir nicht gefällt. Sei es, weil Du mich einen Feigling nanntest, sei es, weil ich Dich endlich dazu bringen will, mich zu vergessen. Also schreibe ich Dir, nicht ohne ein Gefühl des Bereuens.
Ich habe nie verstanden, was Du von mir willst. Ich bin nicht der Mann, der Dich glücklich machen kann. Ich sagte Dir schon einmal, es ist besser, mich zu hassen, als mit mir zu leben. Es würde zwischen uns nie so sein, wie Du es Dir wünschst. Dafür bin ich zu maßlos in meinen Anforderungen, zu stur und zu unbelehrbar. 
War es Schicksal, dass wir uns begegnen sollten? Vielleicht. Vielleicht war es aber auch nur eines von mehreren Unglücken, die Einem im Leben widerfahren. 
Hätte ich gewusst, was Seelenverwandtschaft bedeutet, wäre ich Dir schon bei unserer ersten Begegnung aus dem Weg gegangen. Es heißt, in Dir zu lesen, wie in einem offenen Buch. Nur was ich dort lese, erschrickt mich zutiefst. Ich sehe mich und mein Leben in Dir. All die widerlichen Abartigkeiten meines Seins hältst Du mir vor. Und ich kann mich nicht dagegen wehren. Ich bin ihnen ausgeliefert. Selbst wenn ich versuche, mich von Dir mit aller Gewalt zu trennen, bist Du immer bei mir, verfolgst mich im Geiste, lässt mich von Dir träumen und mich nach Dir sehnen. Ich hasse mich dafür, denn Du hast aus mir einen Mann gemacht, den ich nur verachten kann. Der nichts mehr von seinem Stolz besitzt, der sich klein und wertlos vorkommt.
Wenn ich dann am Boden liege, kommst Du und willst mir aufhelfen, was mich noch kleiner werden lässt und mich Dich verachten lässt. Du hast für alles Verständnis und ich frage mich manchmal, ob Du nicht weißt was Du tust. Wie kannst Du einem Mann wie mir helfen? In Deiner grenzenlosen Güte bist Du immer wieder zur Stelle. Wenn Du mich dann einmal um etwas bittest, muss ich es Dir abschlagen, weil ich Angst habe, Dir erneut zu begegnen. Denn meine Liebe zu Dir und die Angst, mich wiederzuentdecken, lassen mich in einen Abgrund stürzen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Ich bin zu schwach, mich dem zu stellen. 
Wenn ich Dir hier schreibe, dass auch ich Dich liebe und es immer getan habe, weiß ich, dass es eine befleckte Liebe, also eine wertlose Liebe ist, die durch Nichts reinzuwaschen ist. Eine Liebe ohne Hingabe, eine Liebe in Angst. Eine Liebe, die schon zerbrochen war, bevor sie begann. 
Du sagst, Du weißt, dass alles gut werden wird und träumst in deinem verklärten Sein von einer gemeinsamen Zukunft. Aber ich kann daran nicht glauben. Ich wünschte, es wäre so. Wie aber soll unsere Zukunft aussehen? Willst Du Dich meinen Grausamkeiten immer wieder auf´s Neue aussetzen? Bist Du wirklich so masochistisch veranlagt? Das jedoch kann ich Dir nicht zumuten. Und daher bitte ich Dich, mich endlich zu hassen, auch wenn ich hoffe, dass Du es nicht tun wirst und mir irgendwann verzeihen kannst.“
© JanaPetrat

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen