Mittwoch, 25. April 2012

XVIII: Das Ende von Manuris und Feechens Geschichte


Manuri und Feechen beugen sich über die Holzwiege, die sich in der kleinen Dienstbotenunterkunft hinter einem englischen Herrenhaus in Delhi befindet.

Der winzige Knabe in dieser Wiege schaut mit wachen, braunen Äuglein zu den Beiden hinauf und verzieht sein Mündchen zu einem breiten Lachen, als Manuri eine Grimasse schneidet. Feechen verharrt wie versteinert an seiner Seite, unfähig, sich zu rühren. Sie hat soeben erfahren, dass dieses niedliche Wesen aus der Zusammenkunft von Manuri und Anjali Malhotra, seiner damaligen Reisebegleiterin, entstanden ist. Anjali entschied sich, das Kind auszutragen, doch tragischer Weise kam das Kind zu früh zur Welt und seine Mutter überlebte die Geburt nicht. Anjalis Mutter, Chandi, die als Aja bei reichen britischen Kaufleuten arbeitet, hat das Kind bisher betreut, aber aufgrund ihrer langen Arbeitszeit und der zunehmenden Fürsorge, die der Junge braucht, ist sie nicht mehr in der Lage, sich weiter um Samir zu kümmern. So ereignete es sich, dass man Manuri nach Indien berief, damit er sich dem Kind annehmen könne. Zudem verspricht man sich eine bessere Zukunft für den Jungen, wenn er in der Heimat Manuris heranwächst und die Möglichkeit hat, später eine Schule zu besuchen und ein angesehener Herr zu werden.

Feechen ist mehr als erbost, dass ihr dieses wichtige Detail ihrer Reise bis jetzt unterschlagen wurde. Sie fragt sich, welche Dinge, Manuri betreffend, sie noch ertragen muss. Erst seine ständigen Beleidigungen, dann die monatelange Trennung und nun ein nie erwähntes Kind. In ihrer jetzigen Wut über das unterschlagene Techtelmechtel mit Anjali und über das Kind, das sie nun versorgen soll, so hat es Manuri vor Chandi und dem Vater Anjalis zur Sprache gebracht, ist sie nahe dran, ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Sie fühlt sich übergangen, ausgeliefert und sie sieht keine Möglichkeit, dieser grotesken Unternehmung zu entfliehen. Aus diesem Grunde packt sie Manuri am Arm und zieht ihn vor die Dienstbotenhütte.

"Was, zum Teufel soll das? Für wen hältst Du mich? Für Dein billiges Dienstmädchen, das Du umherschubsen kannst, wie es Dir gefällt? Ich denke nicht. Und ich denke weiterhin, dass unser gemeinsamer Morgen nur ein Vorwand war, um Dein schlechtes Gewissen zu bereinigen. Du wusstest die ganze Zeit, was hier auf mich zukommen würde und Du hast nichts gesagt. Was wäre geworden, wenn ich vorher von diesem kleinen Wicht erfahren hätte? Du hattest Angst, dass ich nicht mitkommen würde zu Deiner aberwitzigen Reise, wenn ich es erfahre, stimmt´s? Und ja, damit hättest Du bitter Recht gehabt. Du bist so ein verdammter Dreckskerl, man sollte Dich lynchen!", wütet Feechen in voller Rage. Als sie sich wegdrehen will, um den Ort des Geschehens zu verlassen, pressen sich starke Finger in ihren Oberarm und halten sie zurück.

"Nun mal Vorsicht, Fräulein. Du bist zu mir gekommen! Und ich wusste nicht, wo ich am Abreisetag mit dir hin sollte, also habe ich Dich mitgenommen. Wie ich sehe, eine lohnende Investition, denn so kannst Du mir das schreiende Etwas vom Leib halten, während ich auf der Rückreise wieder arbeiten werde. Dazu kam ich ja nicht, weil ich mich die ganze Zeit um Deine Belange an Bord kümmern musste. Außerdem hatte ich bei besagtem Morgen nicht das Gefühl, dass mein Tun Dir unangenehm war, im Gegenteil. Zudem kannst du es als Deine Entschädigung für all die Kosten, die der Schneider mir verursacht hat, um Deinen spitzenbesetzten Plunder zu nähen, ansehen. Und um die kompletten Schulden bei mir zu begleichen, wirst du die treusorgende Frau mimen, bis wir wieder an Bord sind. Solltest Du Dich weigern, wirst du wohl oder übel zusehen müssen, wie Du allein wieder zurück nach Hause fährst."

Noch ehe er es sich versieht, schlägt Feechen zu und verpasst Manuri eine schallende Ohrfeige, woraufhin Manuri mit schneller Bewegung beide Arme von Feechen greift und nach unten an ihren Körper presst, um sie an weiteren Attackierungen zu hindern. Ihre Geduld ist am Ende. Eigentlich hat sie auch keine Kraft mehr, sich weiterhin mit Manuri auseinanderzusetzen. Aber trotzdem hält sie dagegen:

"Du bist so ein elender Bastard! Du kannst nicht zugeben, dass Du in Bezug auf den Jungen in Wirklichkeit hilflos und überfordert bist. Du weißt nicht, wie es weitergehen soll, geschweige denn, wie man mit einem Kind umgeht. Und jetzt soll ich ausgleichen, wozu Du nicht in der Lage bist, weil du genau weißt, dass ich in meiner Verblendung noch immer glaube, hinter dieser harten Fassade steckt irgendwo ein Mensch, dem ich wichtig bin und der mich genauso mag wie ich ihn. Ganz ehrlich: ich bereue den Tag, an dem ich mich in Dich verliebt habe. Ich muss schwachsinnig gewesen sein."

"Tja, das ist jetzt nicht mehr zu ändern. Da musst Du jetzt durch, oder du fährst allein zurück. Deine Entscheidung! Und noch etwas: Wenn wir zurück sind, werden wir heiraten. Glaube ja nicht, dass mir das gefällt, aber es ist so schnell keine andere Dame aufzutreiben, die einfältig genug ist, mit mir zu leben. Also werde ich Dich nehmen. Das wiederum legitimiert dann gleich "unseren" Sohn. So unrecht wird Dir dieses Vorhaben wohl nicht sein, geht doch damit Dein Kleinmädchentraum in Erfüllung... die Heirat mit Deinem Traumprinzen, oder was immer Du Dir in Deiner Fantasie mit mir zurecht spinnst."

Mit diesen Worten lässt Manuri Feechen allein hinter der Diensbotenhütte zurück, um wieder ins Innere der Behausung zu treten und weitere Formalitäten die Abreise des Jungen betreffend mit seinen Großeltern zu besprechen. Feechen sinkt an der Wand des Gebäuden in sich zusammen und beginnt, verzweifelt zu weinen, damit sich endlich der Druck, der sich in der letzten halben Stunde, in der sie das Kind zum ersten Mal sah und mit Manuri stritt, aufgebaut hat, legt. Wieder hat sie das Gefühl, das naive Mädchen für Manuri zu sein, einerseits. Andererseits weiß sie, dass er unglaublich dankbar dafür ist, sie an seiner Seite zu wissen, denn ohne Feechen wäre Manuri verloren. Keine Gesellschaft dieser Welt würde einen alleinstehenden Herrn mit Kind akzeptieren. Die Leute würde beginnen, zu tuscheln, ihn auszuschließen aus gesellschaftlichen Ereignissen, ihm vielleicht sogar seinen Beruf in der Bibliothek abspenstig machen. Zudem müsste er eine weitere Haushälterin einstellen, von der er nicht weiß, ob sie seine Lebensgewohnheiten akzeptiert oder ob sie den gesamten Haushalt auf den Kopf stellen wird. Diese Unannehmlichkeiten möchte sich Manuri ersparen und so ist die einzige logische Konsequenz, die für Manuri folgt, Feechen zu heiraten. Auch wenn er ihr dies nie ins Gesicht sagen würde, aber insgeheim vertraut er ihr, da sie seine Gepflogenheiten noch von früheren Tagen kennt. Zudem weiß er, dass Feechen eine gute Mutter für das Kind sein wird und ihm eine Ehefrau, die von der Gesellschaft angenommen wird.

Die einzige Angst, die Manuri plagt, ist, dass er Feechen mit seinem rigorosen Verhalten in die Flucht treibt. Wenn er sich ihr gegenüber weiter so verhält, wird Feechen vielleicht wirklich einen Weg ohne ihn finden, um nach Hause zurückzukehren. Zudem ist sie dann wahrscheinlich nicht mehr bereit, je wieder mit ihm zu reden. Das möchte er aber auch nicht.

So geschieht es, dass Manuri und Feechen in den folgenden Tagen wenig miteinander reden. Anjalis Mutter zeigt Feechen alles, was sie über Kinderpflege und -erziehung im ersten Lebensjahr wissen muss. Feechen fühlt sich bei den ungewohnten Tätigkeiten, wie dem Wickeln des kleinen Samir oder dem Geben des Fläschchens, hilflos und linkisch, da sie diese Aufgaben noch nie ausgeübt hat. Sie kommt sich ungeschickt vor, wenn sie den Jungen halten muss oder mit ihm kommunizieren soll. In mancher Stunde fragt sie sich, ob sie der Kinderpflege gewachsen sein wird und ob sie dem Kind alle Liebe zuteil werden lassen kann, die ein Baby braucht...

Als Manuri und Feechen wieder auf der "Arabia" gen Heimat segeln, schläft der kleine Samir in Feechens Kajüte. Manuri hat, obwohl er so unerbittlich tat, eine Inderin als Kindermädchen eingestellt, die Feechen viele Aufgaben abnimmt und auf den Kleinen aufpasst, wenn sie mit Manuri oder allein Zeit verbringen möchte.

Manuri gibt auf sein Verhalten mehr Acht denn je. Er ist freundlich, hilfsbereit und gut gelaunt. Feechen genießt es, mit ihm an Deck zu flanieren und, auf einer Bank sitzend, die umstehenden Mitreisenden zu beobachten. Oft nimmt sie zu solch kleinen Unternehmungen Samir in seinem Kinderwagen mit, um ihn die gute Seeluft einatmen zu lassen.

Zur der täglichen Teestunde finden sich die Beiden im Salon ein und essen ein Stück frisch zubereiteten Kuchen. Auch hier ist Samir dabei und für Außenstehende entsteht der Eindruck, als würden Manuri und Feechen schon immer zusammen gehören. Sie scheinen ein glücklich verheiratetes Paar mit Kind zu sein, das gemeinsam die Welt erkundet.

Manuri kann nicht abstreiten, dass er die Zeit sehr genießt, in der es keinen Streit und keine Uneinigkeit gibt. Es gefällt ihm auch, als treusorgender Familienvater wahrgenommen zu werden, obwohl dies für ihn bis vor ein paar Wochen undenkbar schien.

Mit Feechen hat er sich geeinigt, dass es von nun an das Beste für sie, das Kind und ihn sein wird, gemeinsam in seinem Haus zu leben. Damit die beiden freiheitsliebenden Fasteheleute genug Freiraum zugesprochen bekommen, hat jeder sein eigenes Schlafzimmer und Feechen erhält, um ihrer Tätigkeit als Klavierlehrerin weiter nachgehen zu können, ein eigenes Musizierzimmer. Beide Räume liegen auf der oberen Etage seines Hauses und auch alle weiteren dort befindlichen Zimmer kann sie für sich nutzen, während er die untere Etage bewohnt.

Manuri hat aus Indien ein Telegramm an seinen Freund Johannes gesandt, mit der Bitte, während Feechen und Manuri noch auf Reisen sind, die Vorbereitungen für die Hochzeit zu treffen. Als Beide in der Heimat eintreffen, hat Johannes alle Formalitäten geregelt. Einzig der Blumenschmuck, das Essen und die Garderobe der baldigen Eheleute müssen noch ausgesucht werden. Manuri und Feechen waren sich einig, dass die Hochzeit im kleinsten Kreise in Manuris Haus stattfinden wird.

Und so versammeln sich seine Eltern, sein Freund Johannes und ein Arbeitskollege, sowie Feechens vier beste Freundinnen in Manuris Wohnzimmer, um sich vor dem Gemeindepfarrer das Ja-Wort zu geben, in der Hoffnung auf eine liebevolle, nicht von Streit und Zwistigkeiten durchzogene Zukunft.

© JanaPetrat

1 Kommentar:

  1. Erstmal freue ich mich, dass du bei mir vorbeigeguckt hast und zweitens freue ich mich, dass ich dadurch auch deinen Blog entdeckt habe! Ich werde hier öfter reinklicken!!! Ich wünschte ich könnte so schreiben...zumindest bin ich inspiriert :-)!

    Liebe Grüße
    Gisela
    xox

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