Mittwoch, 25. April 2012

VI: Fräulein Pummis Glas in Ehren



"... Ganz ehrlich, Herzchen, der Mann verarscht dich! ´Mal eine längere Zeit warten und dann sehen wie es weitergeht?!´ Also wirklich, so was habe ich noch nie gehört und das ist Schwachsinn!
Entweder ein Mann will etwas von einer Frau oder er will nicht. Und deiner will nicht! Niemand sagt einfach eine Verabredung ab, wenn er wirklich interessiert ist. Niemand knallt einem solche Worte um die Ohren, wie er sie dir zugemutet hat. Der will dich nicht. Du bist sein Spielzeug, dass er bei Gelegenheit herausholt. Und wenn ihm der Gänsebraten am Mittag mal wieder zu fett war, bekommst du seine Launen ab. Das kann doch nicht sein! Verabschiede dich endlich von deinen Hirngespinsten, er würde dich lieben. Suche dir endlich einen vernünftigen Mann, der dich auf Händen trägt. Du bist eine Prinzessin und du hast es verdient, ordentlich behandelt zu werden. Der Mann ist es, der alles für die Frau seines Herzens tut und nicht umgekehrt. Wahrscheinlich ist dieser Versager gerade jetzt mit seiner neuen Flamme im Bett und lacht sich kaputt darüber, dass du auf ihn hereingefallen bist. Der macht das mit jeder Frau so. Denke an meine Worte. Und noch etwas: dieser Quatsch mit ´ich hatte das Gefühl, er steht direkt neben mir und berührt meine Hand´und dieser Ich-glaube-an-Zeichen-Mist...hör auf damit. Ich wusste gar nicht, dass du unter die Esoteriker gegangen bist. Wenn es schon soweit bei dir ist, sollte nicht nur er sich einweisen lassen, sondern du gleich mit."
Mit diesem ausschweifenden Monologende knallt Fräulein Pummis Freundin ihr Sektglas auf den Tisch, nimmt die Gabel vom Teller, auf der ein noch nicht gegessenes Stück Kuchen liegt und schiebt sich dieses genüsslich in den Mund, nicht ohne Fräulein Pummi nicht aus den Augen zu lassen, die ihr gegenüber am Tisch sitzt und während der Ansprache immer mehr im Stuhl versinkt. Derweil ihre Freundin das Kuchenstück zu Ende isst, sieht Fräulein Pummi aus dem Caféfenster auf die Straße hinaus und kaut verdrießlich auf ihrer Oberlippe herum.  Warum fühlt sie sich immer als Versagerin, wenn  ihre Freundin  ihr wieder einmal mit aller Deutlichkeit, die sie seit Beginn dieses Stelldicheins mit Manuri an den Tag legt, ihre Meinung sagt? Warum schafft Fräulein Pummi es nicht, mit der gleichen Beharrlichkeit, ihre Stellung Manuri gegenüber bei ihrer Freundin zu vertreten? Weil sie weiß, ihre Freundin versteht ihren Standpunkt in dieser komplizierten Sache nicht. Sie fühlt sich allein gelassen. Gern ist Fräulein Pummi die Starke und bewältigt ihre Aufgaben durchaus allein, aber in dieser einen Sache, die ihr wirklich am Herzen liegt und die sie nicht einfach aufgeben möchte, möchte sie den Rat einer Freundin hören. Einer Freundin, die sie versteht, die ihr zuhört, die ihr Mut macht. Eine, die nicht denkt, nur weil sie  ihr Leben allein bewältigt, sie könne jede Aussage ganz einfach hinnehmen, wie auch immer diese aussehen mag. Aber bei dieser Freundin scheint sie an der falschen Adresse zu sein. Fräulein Pummi spürt Tränen der Wut und Enttäuschung in sich aufsteigen, aber sie unterdrückt sie und schaut dabei zu, wie ein Junge einen vergessenen Silvesterfeuerwerkskörper auf der Straße entzündet, der rote, leuchtende Funken sprüht. In diesem Moment sieht sie deutlich das Gesicht Manuris vor sich und ist nur ein klein bisschen verwundert, als eine schneeweiße Feder leicht zu Boden fällt. Wieder ein Zeichen, genau wie das Buch, das sie am Morgen im Buchladen sah, welches von einem Manuri geschrieben wurde. Es ist der gleiche, seltene Name, den auch ihr Herzensmann trägt. Das kann kein Zufall sein.
Fräulein Pummi steht allein auf weiter Flur mit ihrer Meinung, weiter zu Manuri zu halten, dessen Verhaltensweisen in der Tat oft schwer zu verstehen waren. Da seine Kindheit von vielen Ängsten durchzogen wurde, weil sein Familienleben weder harmonisch noch jederzeit von Liebe und Fürsorglichkeit geprägt war, legte er sich sein Benehmen zum Schutz vor weiteren seelischen Verletzungen zu.
Manuri verhielt sich wie ein Kätzchen in einem neuen Zuhause, als er und Fräulein Pummi sich kennenlernten. Er war sensibel, schüchtern und nahm eine Beobachtungsstellung ein. Er zog sich in sich zurück und schaute sich Fräulein Pummis Verhalten ihm gegenüber genau an. Wenn er Zutrauen zu ihr gewann und Fräulein Pummi liebevoll zu ihm war und ihm die nötige Freiheit gab, kam er ein wenig aus sich heraus. Sie näherten sich einander an und er erzählte von sich und seiner Vergangenheit. Wurde sie aber fordernd und hatte er das Gefühl, sie hing zu sehr an ihm, sodass sie ihr eigenes Leben zu leben vergaß, zog er sich zurück.  Er zeigte dann wie ein Kätzchen seine Krallen und wies sie ab, um seine innere und äußere Freiheit wiederzuerlangen. Er musste danach erneut erproben, wie weit er sich auf einen Kontakt mit ihr einlassen konnte. Hätte sie öfter auf Manuri gehört, der sehr deutlich zum Ausdruck brachte, was sein Begehren war und hätte sie ihm seine Freiheit, die er so sehr braucht, gelassen, wäre es weniger kompliziert verlaufen und Manuri hätte sie nicht von sich wegstoßen müssen.
Nach all ihren Überlegungen, die unabdingbar waren, um zu erkennen, dass Fräulein Pummi einen Teil der Schuld am Scheitern dieser Verbindung trägt, ist es für sie umso unverständlicher, dass ihre Freundin Manuri in all ihren Unhaltungen am liebsten klein halten möchte. Er hat ebenso das Recht erhört zu werden, wie Fräulein Pummi es sich von ihm gewünscht hat.
Was die Sache mit den Zeichen und dem abendliche Spüren von Manuri angeht, ist es so, dass Fräulein Pummi fest daran glaubt, dass sie beide nicht nur auf körperlicher und sprachlicher Ebene miteinander kommunizieren, sondern auch auf geistiger. Da sie sich sehr nahe standen, merkten sie, wenn es dem Gegenüber schlecht ging oder wenn sie aneinander dachten. Fräulein erlebte und erlebt es noch heute oft. Alles ist genau so, als würden sie sich gegenständlichen Welt treffen und nicht nur im Geiste. Sie sieht Manuri, kann ihn erfühlen und sogar Gespräche mit ihm führen.
Die weiße Feder dagegen ist für Fräulein Pummi das Zeichen, dass Manuri an sie denkt oder gedacht hat. Immer dann, wenn sie eines dieser schwebenden Elemente am Himmel sieht, muss sie unwillkürlich lächeln. Als hätte der Himmel ihr eine Botschaft von ihrem Liebsten überbracht.
Warum und wie dieser transzendente Austausch funktioniert, versuchen Wissenschaftler seit vielen Jahren zu ergründen. Fräulein Pummis Freundin ist jedoch nicht bereit, sich all die Möglichkeiten des menschlichen Daseins zu erschließen, die es erlauben, ein wahrhaft göttliches Leben zu erfahren. Sie glaubt nur an die Dinge, die sie hören, sehen, schmecken und berühren kann.
Fräulein Pummi kehrt aus ihrer Gedankenwelt zurück in das Café, in dem sie und ihre Freundin noch immer sitzen und sieht ihr wieder ins Gesicht. Fräulein Pummi bestellt sich ebenfalls ein Glas Sekt, leert den Kelch in einem Zug, gedenkt damit Manuri und spült ihren Verdruss über die Äußerung ihrer Freundin hinunter.
© JanaPetrat

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