Dienstag, 24. April 2012

II: Fräulein Pummi versucht, einen Brief zu schreiben



Ein schwerer roter Samtvorhang hängt gefältelt und mit gelbgoldenen Kordeln verziert am Fenster herab. Vor dem Fenster, durch das die Nacht scheint, die die Landschaft in ein dunkles blau-schwarz taucht, ist ein großer, kirschholzfarbener Schreibtisch aufgestellt, auf dem eine erleuchtete Petroleumlampe ihren Platz hat.
Zur Rechten des Tisches befindet sich ein kleines, rundes Tintenfässchen mit einer Schreibfeder darin. An vorderster Front liegt unberührt ein Blatt Schreibpapier, das darauf wartet, von Fräulein Pummi beschrieben zu werden.
Fräulein Pummi ist eine schlanke Frau mit lockigem zurück gesteckten Haar. Einzelne Strähnchen haben sich aus ihrem Dutt gelöst und fallen nun an ihren Wangen entlang in ihr Gesicht. Sie trägt ein royalblaues, leicht schimmerndes, bodenlanges schlichtes Kleid, das sich in nur sehr geringem Maße heller von der Farbe ihrer Schreibtinte abhebt.
Die junge Frau stützt mit den Händen ihren Kopf ab und schaut aus dem Fenster hinaus auf die gegenüberliegende Häuser, deren Fenster durch Kerzen erleuchtet werden und schemenhaft das Interieur, das sich in den Zimmern hinter den Scheiben befindet, erkennen lässt .
Fräulein Pummi überlegt, wie sie wohl ihren Brief beginnen könnte. "Lieber Manuri", "Liebster", "Mein lieber Manuri"...all die Anfänge erscheinen ihr entweder zu vertraut, zu intim oder zu abweisend. Irgendwie passen sie nicht zu ihrer Stimmung, die ein wenig Melancholie mit träumerischem Dahinschwelgen in Erinnerungen verbindet. Vor ihrem inneren Auge sieht sie ihn wieder, diesen schlanken, attraktiven Mann. Sie sitzen zusammen im Café, erzählen, er lächelt sein schönstes Lächeln und anschließend schlendern sie gemeinsam durch die Straßen der Stadt, bis er sie vor ihrem Haus absetzt und sich verabschiedet. Oder sie sieht ihn ihrem Geiste, wie er über das Schreibpult gebeugt eilig einen Brief an sie verfasst, einen dieser unzähligen, die in all der Zeit bei ihr eintrafen. Sie denkt daran, wie schade es ist, dass sie gerade nicht die Möglichkeit haben, sich persönlich zu unterhalten.
Und dann geschieht es: es ist ein sehr stiller Moment, als sie plötzlich das Gefühl hat, er stünde direkt neben ihr, würde sie an ihrer rechten Hand berühren und mit ihr zum Fenster hinaussehen. Sie spürt ihn, so wie sie schon immer Menschen fühlen konnte, mit denen sie eng verbunden war. Sie kann ihn sehen, schaut auf sein Gesicht, das entspannt dreinblickt, auf seinen dunklen Anzug und sein helles Hemd. Seine Haut ist sonnengebräunt und sie ersinnt sich seinen breiten, guten geformten Brustkorb, der dazu einlädt, sich daran anzulehnen, um sich als Frau sicher und geborgen zu fühlen. Ihr innerer Blick fällt auf seine schlanken Finger, die ihre Hand berühren. Ihr Empfinden für ihn ist in diesem Augenblick so stark, dass sie Realität und Vorstellung nicht mehr unterscheiden kann. Jeder Mensch hat für sie ein anderes Gefühl, erzeugt eine andere Stimmung. Einzig bei Manuri ist das Gefühl so intensiv wie bei keinem Anderen. Diese Zeit der Nähe dauert nur etwa eine halbe bis eine Minute, danach ist sich Fräulein Pummi wieder ihrer Umgebung bewusst. Sie fragt sich nach diesen ungewöhnlichen Begebenheiten - es gab schon mehrere dieser Art -, ob das was sie gerade erlebt hat, nur eine Kopfspinnerei war, oder ob ihr Gegenüber eventuell Gleiches erlebt. Und im Ganzen, gibt es so etwas wie das eben Geschehene überhaupt? Nur an sehr gedankenversunkenen Abenden wie diesem, an dem es um sie herum und in ihr ganz still ist, war es dem Fräulein bisher möglich, solche Situationen zu erleben.
Fräulein Pummi hat plötzlich nicht mehr das Bedürfnis, ihren Brief an Manuri zu beginnen, denn nach dieser stark emotionalen Begebenheit, bei der sie seine intensive Nähe spüren konnte, ist sie nicht mehr in der Lage, die richtigen Worte für ihn zu finden. Außerdem reicht ihr die Nähe, die in ihren Gedanken stattfand, um ihr Verlangen nach Manuri zu stillen.
© JanaPetrat