Ein schwerer roter Samtvorhang
hängt gefältelt und mit gelbgoldenen Kordeln verziert am Fenster herab. Vor dem
Fenster, durch das die Nacht scheint, die die Landschaft in ein dunkles
blau-schwarz taucht, ist ein großer, kirschholzfarbener Schreibtisch
aufgestellt, auf dem eine erleuchtete Petroleumlampe ihren Platz hat.
Zur Rechten des Tisches befindet sich ein kleines, rundes Tintenfässchen mit einer Schreibfeder darin. An vorderster Front liegt unberührt ein Blatt Schreibpapier, das darauf wartet, von Fräulein Pummi beschrieben zu werden.
Zur Rechten des Tisches befindet sich ein kleines, rundes Tintenfässchen mit einer Schreibfeder darin. An vorderster Front liegt unberührt ein Blatt Schreibpapier, das darauf wartet, von Fräulein Pummi beschrieben zu werden.
Fräulein Pummi ist eine
schlanke Frau mit lockigem zurück gesteckten Haar. Einzelne Strähnchen haben sich
aus ihrem Dutt gelöst und fallen nun an ihren Wangen entlang in
ihr Gesicht. Sie trägt ein royalblaues, leicht schimmerndes, bodenlanges
schlichtes Kleid, das sich in nur sehr geringem Maße heller von der Farbe ihrer
Schreibtinte abhebt.
Die junge Frau stützt
mit den Händen ihren Kopf ab und schaut aus dem Fenster hinaus auf die
gegenüberliegende Häuser, deren Fenster durch Kerzen erleuchtet werden und
schemenhaft das Interieur, das sich in den Zimmern hinter den Scheiben
befindet, erkennen lässt .
Fräulein Pummi überlegt, wie
sie wohl ihren Brief beginnen könnte. "Lieber Manuri",
"Liebster", "Mein lieber Manuri"...all die Anfänge
erscheinen ihr entweder zu vertraut, zu intim oder zu abweisend.
Irgendwie passen sie nicht zu ihrer Stimmung, die ein wenig Melancholie mit
träumerischem Dahinschwelgen in Erinnerungen verbindet. Vor ihrem inneren Auge
sieht sie ihn wieder, diesen schlanken, attraktiven Mann. Sie sitzen
zusammen im Café, erzählen, er lächelt sein schönstes Lächeln und
anschließend schlendern sie gemeinsam durch die Straßen der Stadt, bis er sie
vor ihrem Haus absetzt und sich verabschiedet. Oder sie sieht ihn ihrem Geiste,
wie er über das Schreibpult gebeugt eilig einen Brief an sie verfasst, einen
dieser unzähligen, die in all der Zeit bei ihr eintrafen. Sie denkt daran, wie
schade es ist, dass sie gerade nicht die Möglichkeit haben, sich persönlich zu
unterhalten.
Und dann geschieht es: es ist
ein sehr stiller Moment, als sie plötzlich das Gefühl hat, er stünde direkt
neben ihr, würde sie an ihrer rechten Hand berühren und mit ihr zum Fenster
hinaussehen. Sie spürt ihn, so wie sie schon immer Menschen fühlen konnte, mit
denen sie eng verbunden war. Sie kann ihn sehen, schaut auf sein Gesicht, das
entspannt dreinblickt, auf seinen dunklen Anzug und sein helles Hemd. Seine
Haut ist sonnengebräunt und sie ersinnt sich seinen breiten, guten geformten
Brustkorb, der dazu einlädt, sich daran anzulehnen, um sich als Frau
sicher und geborgen zu fühlen. Ihr innerer Blick fällt auf seine schlanken
Finger, die ihre Hand berühren. Ihr Empfinden für ihn ist in diesem
Augenblick so stark, dass sie Realität und Vorstellung nicht mehr unterscheiden
kann. Jeder Mensch hat für sie ein anderes Gefühl, erzeugt eine andere
Stimmung. Einzig bei Manuri ist das Gefühl so intensiv wie bei
keinem Anderen. Diese Zeit der Nähe dauert nur etwa eine halbe bis eine
Minute, danach ist sich Fräulein Pummi wieder ihrer Umgebung bewusst. Sie fragt
sich nach diesen ungewöhnlichen Begebenheiten - es gab schon mehrere dieser Art
-, ob das was sie gerade erlebt hat, nur eine Kopfspinnerei war, oder ob ihr
Gegenüber eventuell Gleiches erlebt. Und im Ganzen, gibt es so etwas wie das
eben Geschehene überhaupt? Nur an sehr gedankenversunkenen Abenden wie diesem,
an dem es um sie herum und in ihr ganz still ist, war es dem Fräulein
bisher möglich, solche Situationen zu erleben.
Fräulein Pummi hat plötzlich
nicht mehr das Bedürfnis, ihren Brief an Manuri zu beginnen, denn nach dieser
stark emotionalen Begebenheit, bei der sie seine intensive Nähe spüren konnte,
ist sie nicht mehr in der Lage, die richtigen Worte für ihn zu finden. Außerdem
reicht ihr die Nähe, die in ihren Gedanken stattfand, um ihr Verlangen nach
Manuri zu stillen.
© JanaPetrat
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