Fräulein Pummi sitzt nach einem
Opernabend mit "La Bohéme" hinter der Bühne des Opernhauses auf
einem Stuhl, während sie auf das Orchester wartet. Es geht in der Nacht nach 6
Monaten Konzertreise endlich nach Hause zurück. Dabei hatte der Sommer ganz
entspannt begonnen...
Ab dem Tag nach seinem
Vorstellungsgespräch kam der Pianist Jordi Berolin jeden Mittwoch um 16 Uhr zur
Probe und zum Einstudieren seiner zu spielenden Stücke zu Fräulein Pummi.
Fräulein Pummi wurde schon bei ihrem ersten Treffen gewahr, dass dieser junge
Mann durchaus seine optischen Vorzüge hat. Und so ereignete es sich, dass sie
sich mehr als einmal länger in die Augen sahen, während sie neben Jordi auf dem
Klavierschemel saß, um ihm beim Spielen zuzusehen. Der Mann mit der sanften
Stimme und dem herzlichsten Lächeln, das sie seit langer Zeit gesehen hatte,
bewegte ihr Herz. Sie war aufgeregt, wenn der Mittwochnachmittag nahte, zog
sich ihre besten Kleider an und achtete auf ihre Frisur. Sie wollte imponieren,
ihm gefallen. Und er ließ es sich gefallen.
So gingen die Wochen dahin und
eines Tages unterhielt sie sich mit Jordi Eis essend in einem Gartencafé.
Fräulein Pummi musste zugeben, dass ihr diese Stunden sehr gut gefielen. Der
junge Pianist erzählte ihr von seiner Familie, von seiner Schwester, von dem
Beginn seiner Konservatoriumsausbildung. Seine Gegenwart war Fräulein Pummi
sehr angenehm. Jordi war stiller und gelassener als Manuri und gab ihr das
Gefühl, wirklich wichtig zu sein. Jordi sang aus lauter guter Laune ein
Liedchen für sie und brachte sie am späten Nachmittag zurück vor ihre Haustür.
Da er am folgenden Abend im Opernhaus Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54
spielen würde, sagte er ihr zum Abschied, er würde dieses Konzert allein für
sie spielen. Sie ging nach diesem Satz sprichwörtlich auf Wolken nach oben in
ihr Heim. Jedoch fragte sie sich, ob er es wirklich ernst meinte. Sie war sich
auch nicht sicher, ob dieser junge Pianist mit ihrem Verhalten, das in den
Jahren des Alleinseins ein sehr selbstbewusstes geworden war, umgehen konnte.
Sie hatte das Gefühl, Jordi könnte dem nicht gewachsen sein und sie würde seine
junge Seele erschüttern, da ihr Gebaren ein sehr eindringliches war, das des
Öfteren keinen Widerspruch duldet, und wenn es diesen geben sollte, dieser
sofort im Keim erstickt wird.
Nichtsdestotrotz behielt sie
den Burschen im Auge. An nachfolgenden Konzertabenden saß sie hinter der Bühne
und beobachtete ihn, wie er, nach dem Duschen nur mit einem Handtuch bekleidet,
in der Umkleidekabine verschwand. Beide taten sie so, als ob sie einander nicht
sahen, mit dem Wissen, dass sie es doch taten.
Fräulein Pummi erklärte sich
nach Jordis Anfrage bereit, ihn auf seiner Konzertreise, die er in Begleitung
des städtischen Orchesters durch das Land unternehmen wollte, zu begleiten.
Sie genoss die Zeit in den
verschiedenen Städten. Sie suchte die örtlichen Musikläden auf, um sich neue
Noten zu kaufen, sie ging in ein sonnenbeschienenes Café, um Eis oder Kuchen zu
essen oder sie sah sich die Schaufenster der Damenschneider an, in denen
herrlich festliche Roben ausgestellt waren.
An manchen Tagen zog sie mit
den Cellisten durch die Städte, um sich ein Museum anzusehen und dies nicht
allein zu tun.
Von Jordi sah sie außer auf der
Bühne recht wenig. Sie wurde immer mehr Zeugin davon, dass sie längst nicht die
einzige Frau war, der er schöne Augen machte, wenn auch die Einzige, die er so
oft anblickte. Er legte dieses für Fräulein Pummi ungewohnte Verhalten an den
Tag, dass er sich zumeist in weiblicher Begleitung aufhielt. Auch zu ihnen war
er nett und freundlich und schien alles für die umstehenden Damen zu tun. Er
war um jede einzelne bemüht, horchte sofort auf, wenn eine von ihnen einen
Wunsch äußerte und ging von dannen, um ihr diesen zu erfüllen. Nie hörte
Fräulein Pummi ein Nein aus seinem Munde. Nie zeigte er Grenzen auf. Das ging
soweit, dass er das Kleid der Solistin vom Wäscher durch die ganze Stadt zum
Theater trug, ohne dass die Dame ihn dorthin begleitete. Er holte das Kleid von
der Reinigung ab, einzig um ihr zu gefallen. All diese Damen waren aber
keineswegs seine Liebschaften, im Gegenteil. Fräulein Pummi hatte nicht den
Eindruck, dass er auch nur mit einer einzigen von ihnen im intimen Kontakt
stand.
Am Anfang dachte sie, sein
Verhalten wäre eine Ausnahme, doch zunehmend musste sie feststellen, dass dies
die Alltäglichkeiten waren. Fräulein Pummi begegnete diesem Verhalten zuerst
mit Spott und Hohn und Eifersucht. Doch insgeheim machte es sie traurig. Denn
es schien ganz offensichtlich zu sein, dass Jordi kein, wie von ihr zuerst
angenommen, tieferes Interesse an ihr hatte. Und dass sie auch nicht in seinem
Gedächtnis blieb, sondern ihm ziemlich egal war.
Während sie durch die Lande
zogen, ereignete es sich, dass die Abende in Kneipen ausklangen. Die
Orchestermitglieder packten ihre Instrumente zusammen, luden sie auf die
Transportkutschen und gingen dann in Grüppchen in eines der neben den Theatern
befindlichen Lokale. Fräulein Pummi ging mit ihnen, obwohl Kneipen nicht ihre
bevorzugten Aufenthaltsorte waren. Sie fand es eklig, die dunklen, übel
riechenden Toiletten dort zu betreten, in denen die Fliegen an den Wänden
entlang liefen. Sie mochte keine betrunkenen Männer, die sich gegenseitig
Geschichten ihrer Heldentaten erzählten und sich dabei auf die Schultern
klopften. Noch weniger war sie gewillt, sich von betrunkenen Männern ansprechen
zu lassen, die sie mit eindeutigen Blicken betrachteten und sie zudem
versuchten, anzufassen. Jordi Berolin aber liebte diese Orte. Fräulein
Pummi wurde währenddessen immer bewusster, dass dieser durchaus adrette junge
Pianist nicht ihrem Männerverständnis entsprach.
Am Vormittag vor dem Eingangs
erwähnten Opernabend sitzen Herr Berolin und Fräulein Pummi gemeinsam am
Klavier, um noch einmal Allegro Molto von Wolfgang Amadeus Mozart zu üben. Sie
hält ihn an, einen Takt zu wiederholen. Er jedoch wirft ihr schnippisch die Frage
"Eine einfache Lehrerin sagt einem aufstrebenden Pianisten also, wie er zu
spielen hat?" entgegen. Fräulein Pummi spürt, wie die Wut in ihr
emporsteigt. Sie merkt, das Tränen ihre Augen füllen und verlässt ohne sich
umzusehen den Raum...
© JanaPetrat
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