Mittwoch, 25. April 2012

X: Fräulein Pummis Erlebnisse mit Herrn Berolin



Fräulein Pummi sitzt nach einem Opernabend mit "La Bohéme"  hinter der Bühne des Opernhauses auf einem Stuhl, während sie auf das Orchester wartet. Es geht in der Nacht nach 6 Monaten Konzertreise endlich nach Hause zurück. Dabei hatte der Sommer ganz entspannt begonnen... 
Ab dem Tag nach seinem Vorstellungsgespräch kam der Pianist Jordi Berolin jeden Mittwoch um 16 Uhr zur Probe und zum Einstudieren seiner zu spielenden Stücke zu Fräulein Pummi. Fräulein Pummi wurde schon bei ihrem ersten Treffen gewahr, dass dieser junge Mann durchaus seine optischen Vorzüge hat. Und so ereignete es sich, dass sie sich mehr als einmal länger in die Augen sahen, während sie neben Jordi auf dem Klavierschemel saß, um ihm beim Spielen zuzusehen. Der Mann mit der sanften Stimme und dem herzlichsten Lächeln, das sie seit langer Zeit gesehen hatte, bewegte ihr Herz. Sie war aufgeregt, wenn der Mittwochnachmittag nahte, zog sich ihre besten Kleider an und achtete auf ihre Frisur. Sie wollte imponieren, ihm gefallen. Und er ließ es sich gefallen. 
So gingen die Wochen dahin und eines Tages unterhielt sie sich mit Jordi Eis essend in einem Gartencafé. Fräulein Pummi musste zugeben, dass ihr diese Stunden sehr gut gefielen. Der junge Pianist erzählte ihr von seiner Familie, von seiner Schwester, von dem Beginn seiner Konservatoriumsausbildung. Seine Gegenwart war Fräulein Pummi sehr angenehm. Jordi war stiller und gelassener als Manuri und gab ihr das Gefühl, wirklich wichtig zu sein. Jordi sang aus lauter guter Laune ein Liedchen für sie und brachte sie am späten Nachmittag zurück vor ihre Haustür. Da er am folgenden Abend im Opernhaus Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 spielen würde, sagte er ihr zum Abschied, er würde dieses Konzert allein für sie spielen. Sie ging nach diesem Satz sprichwörtlich auf Wolken nach oben in ihr Heim. Jedoch fragte sie sich, ob er es wirklich ernst meinte. Sie war sich auch nicht sicher, ob dieser junge Pianist mit ihrem Verhalten, das in den Jahren des Alleinseins ein sehr selbstbewusstes geworden war, umgehen konnte. Sie hatte das Gefühl, Jordi könnte dem nicht gewachsen sein und sie würde seine junge Seele erschüttern, da ihr Gebaren ein sehr eindringliches war, das des Öfteren keinen Widerspruch duldet, und wenn es diesen geben sollte, dieser sofort im Keim erstickt wird.
Nichtsdestotrotz behielt sie den Burschen im Auge. An nachfolgenden Konzertabenden saß sie hinter der Bühne und beobachtete ihn, wie er, nach dem Duschen nur mit einem Handtuch bekleidet, in der Umkleidekabine verschwand. Beide taten sie so, als ob sie einander nicht sahen, mit dem Wissen, dass sie es doch taten. 

Fräulein Pummi erklärte sich nach Jordis Anfrage bereit, ihn auf seiner Konzertreise, die er in Begleitung des städtischen Orchesters durch das Land unternehmen wollte, zu begleiten.
Sie genoss die Zeit in den verschiedenen Städten. Sie suchte die örtlichen Musikläden auf, um sich neue Noten zu kaufen, sie ging in ein sonnenbeschienenes Café, um Eis oder Kuchen zu essen oder sie sah sich die Schaufenster der Damenschneider an, in denen herrlich festliche Roben ausgestellt waren. 
An manchen Tagen zog sie mit den Cellisten durch die Städte, um sich ein Museum anzusehen und dies nicht allein zu tun. 
Von Jordi sah sie außer auf der Bühne recht wenig. Sie wurde immer mehr Zeugin davon, dass sie längst nicht die einzige Frau war, der er schöne Augen machte, wenn auch die Einzige, die er so oft anblickte. Er legte dieses für Fräulein Pummi ungewohnte Verhalten an den Tag, dass er sich zumeist in weiblicher Begleitung aufhielt. Auch zu ihnen war er nett und freundlich und schien alles für die umstehenden Damen zu tun. Er war um jede einzelne bemüht, horchte sofort auf, wenn eine von ihnen einen Wunsch äußerte und ging von dannen, um ihr diesen zu erfüllen. Nie hörte Fräulein Pummi ein Nein aus seinem Munde. Nie zeigte er Grenzen auf. Das ging soweit, dass er das Kleid der Solistin vom Wäscher durch die ganze Stadt zum Theater trug, ohne dass die Dame ihn dorthin begleitete. Er holte das Kleid von der Reinigung ab, einzig um ihr zu gefallen. All diese Damen waren aber keineswegs seine Liebschaften, im Gegenteil. Fräulein Pummi hatte nicht den Eindruck, dass er auch nur mit einer einzigen von ihnen im intimen Kontakt stand. 
Am Anfang dachte sie, sein Verhalten wäre eine Ausnahme, doch zunehmend musste sie feststellen, dass dies die Alltäglichkeiten waren. Fräulein Pummi begegnete diesem Verhalten zuerst mit Spott und Hohn und Eifersucht. Doch insgeheim machte es sie traurig. Denn es schien ganz offensichtlich zu sein, dass Jordi kein, wie von ihr zuerst angenommen, tieferes Interesse an ihr hatte. Und dass sie auch nicht in seinem Gedächtnis blieb, sondern ihm ziemlich egal war. 

Während sie durch die Lande zogen, ereignete es sich, dass die Abende in Kneipen ausklangen. Die Orchestermitglieder packten ihre Instrumente zusammen, luden sie auf die Transportkutschen und gingen dann in Grüppchen in eines der neben den Theatern befindlichen Lokale. Fräulein Pummi ging mit ihnen, obwohl Kneipen nicht ihre bevorzugten Aufenthaltsorte waren. Sie fand es eklig, die dunklen, übel riechenden Toiletten dort zu betreten, in denen die Fliegen an den Wänden entlang liefen. Sie mochte keine betrunkenen Männer, die sich gegenseitig Geschichten ihrer Heldentaten erzählten und sich dabei auf die Schultern klopften. Noch weniger war sie gewillt, sich von betrunkenen Männern ansprechen zu lassen, die sie mit eindeutigen Blicken betrachteten und sie zudem versuchten, anzufassen. Jordi Berolin aber liebte diese Orte. Fräulein Pummi wurde währenddessen immer bewusster, dass dieser durchaus adrette junge Pianist nicht ihrem Männerverständnis entsprach. 

Am Vormittag vor dem Eingangs erwähnten Opernabend sitzen Herr Berolin und Fräulein Pummi gemeinsam am Klavier, um noch einmal Allegro Molto von Wolfgang Amadeus Mozart zu üben. Sie hält ihn an, einen Takt zu wiederholen. Er jedoch wirft ihr schnippisch die Frage "Eine einfache Lehrerin sagt einem aufstrebenden Pianisten also, wie er zu spielen hat?" entgegen. Fräulein Pummi spürt, wie die Wut in ihr emporsteigt. Sie merkt, das Tränen ihre Augen füllen und verlässt ohne sich umzusehen den Raum... 
© JanaPetrat

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