Mittwoch, 25. April 2012

XII: Fräulein Pummi bekommt einen Brief



Die ersten Sonnenstrahlen eines frischen Samstagmorgens erhellen den Stadtpark, die Straßen und die Fassaden der Stadthäuser. Der Himmel ist von einem klaren Hellblau und von einigen kleinen Cirruswölkchen bedeckt. 
Jedoch steht die Sonne noch nicht im richtigen Winkel, um das Hausinnere beleuchten zu können. Und so liegt der Raum, in dem sich der junge Herr aufhält, weitestgehend im Dunklen. Erste Sonnenflecken zeichnen sich auf dem handgeknüpften Ornamentteppich ab. 
Der Herr steht am Schreibpult und mit flinker Hand schreibt er in ordentlicher Schrift und mit schwarzer Tinte einen Satz auf das dicke Schreibpapier, faltet es zusammen und geht die Treppe hinunter in den Empfangsbereich des Hauses, in deren Mitte sich ein runder Tisch befindet, auf dem die Tageszeitung liegt.
Er öffnet die Haustür und erblickt erneut den "Himmel und Hölle" spielenden Jungen vor seiner Haustür. Er hatte das Kind zuvor am Fenster vor dem Schreibpult gedankenverloren beobachtet und sich erfreut, wie unbefangen und mit welchem Eifer der Junge in die von Kreide gezeichneten Kästchen sprang.
Der junge Herr winkt den Jungen zu sich und fragt ihn, ob er sich ein paar Groschen dazuverdienen möchte, wenn er dieses Schreiben an die Adresse bringt, die der Herr ihm nennt. Der vom Spielen verschwitzte Junge nickt dem Herrn eifrig zu, nimmt den Brief mit der Adresse wortlos in Empfang und rennt in westliche Richtung davon.

Fräulein Pummi steht in einem schlichten blauen Baumwollkleid, welches mit einem weißen Kragen und weißen Spitzenbündchen verziert ist, im Vorgarten des Stadthauses, in dem sie einige Räume bewohnt und schaut versonnen auf die rosa erblühten Rosen, deren Staubblätter gelb leuchten. Sie senkt den Kopf, um an der herrlichen Blüte zu riechen. Da sich der Tag sehr warm anlässt, bewässert sie die Rosen mit der großen grünen Gießkanne, die neben ihr im Gras steht.
Durch ihre Augenwinkel nimmt sie den Jungen wahr, der angerannt kommt, sich vor das Gittertor stellt und keuchend zu ihr schaut. Fräulein Pummi unterbricht ihre Tätigkeit, geht zu dem Jungen und öffnet das Tor, um ihn zu fragen, zu wem er möchte. Als er ihren Namen nennt, staunt Fräulein Pummi nicht schlecht. Als er ihr dann noch den Brief überreicht, ist sie sprachlos. Sie dankt dem Jungen durch ein höfliches Kopfnicken. Das Kind entfernt sich ebenso schnell, wie es vor Fräulein Pummi stand, in die entgegen gesetzte Richtung, um in freudiger Erwartung auf das nun folgende Taschengeld zu dem Haus zurückzulaufen, vor dem es spielte.

Der Brief ist zusammengefaltet und mit rotem Siegelwachs versiegelt. Auf der Vorderseite prangt Fräulein Pummis Name. Fräulein Pummi bricht das Siegel, entfaltet den Brief und liest einen einzigen Satz:

"Treffen Sie mich um drei Uhr im Stadtcafé. J."

Fräulein Pummis Stirn kräuselt sich in Falten und sie beißt sich nachdenklich in die Unterlippe. Aha, Jordi Berolin möchte sich also wirklich bei ihr entschuldigen. Er wird ihr sagen, dass es ihm leid tut, diesen sie beleidigenden Satz ausgesprochen zu haben. Fräulein Pummi wird ihn zugleich wissen lassen, dass ein solch junger Mann wie er eine Dame ihres Alters nicht so zu behandeln hat. Trotzdem aber möchte sie sich mit ihm versöhnen.
Fräulein Pummi lächelt erfreut auf. Genau so wird sie es ihm sagen, denkt sie. Dann rennt sie ins Haus, um sich ihre Kleidung für den Nachmittag bereitzulegen. 

Um zwei Uhr achtundfünfzig steht Fräulein Pummi auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Stadtcafés. An mehreren Tischen vor dem Café sitzen wohlgekleidete, fröhliche Menschen, die ihren Nachmittagstee in der Sonne genießen, sich dabei unterhalten oder Kuchen essen. Spatzen warten auf dem Gehsteig tschilpend auf  Krümelchen, die von den Kuchentellern der Gäste herunterfallen, um sie dann zu verschmausen.
Fräulein Pummi schaut hinüber zu der gastlichen Stätte und bleibt mit ihrem Blick an einem der Tische hängen...
© JanaPetrat

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