Die ersten Sonnenstrahlen eines
frischen Samstagmorgens erhellen den Stadtpark, die Straßen und die Fassaden
der Stadthäuser. Der Himmel ist von einem klaren Hellblau und von einigen
kleinen Cirruswölkchen bedeckt.
Jedoch steht die Sonne noch
nicht im richtigen Winkel, um das Hausinnere beleuchten zu können. Und so liegt
der Raum, in dem sich der junge Herr aufhält, weitestgehend im Dunklen. Erste
Sonnenflecken zeichnen sich auf dem handgeknüpften Ornamentteppich ab.
Der Herr steht am Schreibpult
und mit flinker Hand schreibt er in ordentlicher Schrift und mit schwarzer
Tinte einen Satz auf das dicke Schreibpapier, faltet es zusammen und geht die
Treppe hinunter in den Empfangsbereich des Hauses, in deren Mitte sich ein
runder Tisch befindet, auf dem die Tageszeitung liegt.
Er öffnet die Haustür und
erblickt erneut den "Himmel und Hölle" spielenden Jungen vor seiner
Haustür. Er hatte das Kind zuvor am Fenster vor dem Schreibpult
gedankenverloren beobachtet und sich erfreut, wie unbefangen und mit welchem
Eifer der Junge in die von Kreide gezeichneten Kästchen sprang.
Der junge Herr winkt den Jungen
zu sich und fragt ihn, ob er sich ein paar Groschen dazuverdienen möchte, wenn
er dieses Schreiben an die Adresse bringt, die der Herr ihm nennt. Der vom
Spielen verschwitzte Junge nickt dem Herrn eifrig zu, nimmt den Brief mit der
Adresse wortlos in Empfang und rennt in westliche Richtung davon.
Fräulein Pummi steht in einem
schlichten blauen Baumwollkleid, welches mit einem weißen Kragen und weißen
Spitzenbündchen verziert ist, im Vorgarten des Stadthauses, in dem sie einige
Räume bewohnt und schaut versonnen auf die rosa erblühten Rosen, deren
Staubblätter gelb leuchten. Sie senkt den Kopf, um an der herrlichen Blüte zu
riechen. Da sich der Tag sehr warm anlässt, bewässert sie die Rosen mit der
großen grünen Gießkanne, die neben ihr im Gras steht.
Durch ihre Augenwinkel nimmt
sie den Jungen wahr, der angerannt kommt, sich vor das Gittertor stellt und
keuchend zu ihr schaut. Fräulein Pummi unterbricht ihre Tätigkeit, geht zu dem
Jungen und öffnet das Tor, um ihn zu fragen, zu wem er möchte. Als er ihren
Namen nennt, staunt Fräulein Pummi nicht schlecht. Als er ihr dann noch den
Brief überreicht, ist sie sprachlos. Sie dankt dem Jungen durch ein höfliches
Kopfnicken. Das Kind entfernt sich ebenso schnell, wie es vor Fräulein Pummi
stand, in die entgegen gesetzte Richtung, um in freudiger Erwartung auf das nun
folgende Taschengeld zu dem Haus zurückzulaufen, vor dem es spielte.
Der Brief ist zusammengefaltet
und mit rotem Siegelwachs versiegelt. Auf der Vorderseite prangt Fräulein
Pummis Name. Fräulein Pummi bricht das Siegel, entfaltet den Brief und liest
einen einzigen Satz:
"Treffen Sie mich um drei
Uhr im Stadtcafé. J."
Fräulein Pummis Stirn kräuselt
sich in Falten und sie beißt sich nachdenklich in die Unterlippe. Aha, Jordi
Berolin möchte sich also wirklich bei ihr entschuldigen. Er wird ihr sagen,
dass es ihm leid tut, diesen sie beleidigenden Satz ausgesprochen zu haben.
Fräulein Pummi wird ihn zugleich wissen lassen, dass ein solch junger Mann wie
er eine Dame ihres Alters nicht so zu behandeln hat. Trotzdem aber möchte sie
sich mit ihm versöhnen.
Fräulein Pummi lächelt erfreut
auf. Genau so wird sie es ihm sagen, denkt sie. Dann rennt sie ins Haus, um
sich ihre Kleidung für den Nachmittag bereitzulegen.
Um zwei Uhr achtundfünfzig
steht Fräulein Pummi auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Stadtcafés. An
mehreren Tischen vor dem Café sitzen wohlgekleidete, fröhliche Menschen, die
ihren Nachmittagstee in der Sonne genießen, sich dabei unterhalten oder Kuchen
essen. Spatzen warten auf dem Gehsteig tschilpend auf Krümelchen, die von
den Kuchentellern der Gäste herunterfallen, um sie dann zu verschmausen.
Fräulein Pummi schaut hinüber zu der
gastlichen Stätte und bleibt mit ihrem Blick an einem der Tische hängen...
© JanaPetrat
© JanaPetrat
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