Mittwoch, 25. April 2012

XIV: Ein himmlischer Tag, an dem Fräulein Pummi die Engelein "Hallelujah" singen hört und Herr Chilli in die Luft geht



Das Stadtcafé liegt gegenüber des Gemeindeparks und erinnert an so sonnigen Stunden, wie an diesem Samstagnachmittag, an ein Café an der Italienischen Riviera, vor dem sich gut betuchte Menschen sonnen, Pärchen wild gestikulierend miteinander reden, Mütter mit ihren Kindern Kuchen essen und ihnen beim miteinander spielen zusehen, oder alte, dickbäuchige Männer die Tageszeitung lesen und dabei einen starken Kaffee genießen.
Johannes Stuard beobachtet die elegant gekleidete Frau, die auf dem gegenüberliegenden Gehsteig vor dem Café steht und zu seinem Tisch schaut. Er hat die Hand gehoben und bedeutet Fräulein Pummi, zu ihm zu kommen.
Fräulein Pummi ist ein wenig verwundert, ob des Herren, der ihr zuwinkt, denn eigentlich hatte sie gehofft, Jordi Berolin an einem der Plätze zu sehen. Dieser Herr ist ihr jedoch völlig unbekannt. Johannes erhebt sich von seinem Stuhl, reicht ihr die Hand, als sie vor ihm steht und begrüßt sie herzlich. Als er ihre Verwirrung bemerkt, gesteht er, dass er hoffe, die richtige Dame anzusprechen, denn er kennt sie nur vom Hörensagen und den Beschreibungen, die ihm ein  gemeinsamer Freund gab, den er ebenfalls zu diesem Treffen eingeladen hat. Johannes weist auf einen leeren Platz neben sich und bittet Fräulein Pummi, sich zu setzen. Er bestellt sich einen Kaffee und für Fräulein Pummi eine heiße Schokolade.
Am blauen Himmel fliegen zwei Meisen, die einander umkreisen und piepsend zu einem Baum im Stadtpark flattern. Fräulein Pummi schaut auf die hellgelbe Sonne, die eine wohlige Wärme abgibt und hält ihre Augen fast geschlossen. Vor ihren Augenlidern bewegt sich plötzlich etwas, das die Sonne, die sie soeben noch warm beschien, verdunkelt. Sie öffnet die Augen und ihr stockt der Atem. Ihr Herz beginnt zu rasen und sie schaut ihn einfach nur an. Ihn, den sie seit Monaten nicht mehr sah, von dem sie nichts hörte und der nun direkt vor ihr steht. Manuri Chilli. Sie ist so erschrocken, dass sie vergisst, ihn zu begrüßen.
Manuri aber sieht auch nicht unerschrockener aus, als er auf die sitzende Feechen Pummi herunterschaut. Beide blicken sich an und sagen nichts. Er weiß in dem Moment, in dem er sich auf den freien Stuhl zwischen Feechen und Johannes setzt, nicht, was er denken soll. Sein Kopf scheint zu explodieren und tausend nicht greifbare Gedankensplitter rasen durch sein Gehirn. Einerseits schaut er auf Feechen und freut sich, denn er dachte, er würde sie nie wiedersehen. Er dachte, sie würde ihm bei einer Wiederbegegnung sofort an die Kehle springen, verdiente er es doch, so wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte.
Aber sofort wandelt sich diese anfängliche Freude in absolutes Erschrecken. Was wollen die Zwei von ihm, welchen Plan haben sie ausgeheckt, um ihn in die Ecke zu drängen? Wenn sie ihn dazu bewegen wollen, sich auf der Stelle wieder mit Feechen zu versöhnen, haben sie sich in ihm getäuscht. Er ist auf eine solche Aussprache überhaupt nicht vorbereitet und er wird sich zu nichts zwingen lassen. Immer mehr hat er das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, denn Johannes brachte ihn in eine Situation, die er weder mitbestimmen konnte, noch hat er Kontrolle über sie. Johannes hat  Manuris Erwartungen an diesen Samstagnachmittag verletzt und ihm damit einem Gefühlschaos ausgesetzt, dass er nicht mehr bändigen kann. Er weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Er muss dieser Situation so schnell es geht entkommen. Ansonsten, so fürchtet er, wird er sofort einen Streit vom Zaun brechen, um dem Beklemmungsgefühl zu entkommen. Damit er Letzteres nicht tut, schaut er von Feechen weg, direkt auf den Preisaufsteller am Eingang des Cafés und tut, als lese er angestrengt die Karte.
Feechen Pummi sieht Manuri weiterhin von oben bis unten an und bemerkt zum wiederholten Male, wie schön sein Gesicht und wie muskulös sein Körper ist. Ja, sie begehrt ihn noch immer, aber gleichzeitig ist sie verunsichert, denn sie fragt sich, ob das noch der Manuri ist, den sie kannte. Obwohl sie ihn so gut kennt, erscheint er ihr fremd und fern. Sie nimmt zwar eine winzigen Moment ein erfreutes Aufleuchten seiner Augen wahr, aber es ist so schnell vorbei, dass sie fast meinen könnte, es hätte nie existiert. Sie ist aufgeregt, sie bemerkt, dass sie innerlich zu zittern beginnt und fragt sich, was von ihr erwartet wird. Soll sie mit der Konversation beginnen? Wenn ja, mit welchem Satz? Oder ist es besser, sie spricht nicht, weiß sie doch, dass sie Manuri das letzte Mal, als sie etwas von ihm hörte, gehörig zuwider war. Wenn es heute noch immer so ist, riskiert sie, dass er sofort einen Streit beginnt, falls sie zu sprechen anfängt. Darum traute sie sich auch nie, Manuri nach einem Treffen zu fragen. Also sagt sie lieber nichts und blickt stumm weiterhin auf ihn.
Johannes, der Beide die ganze Zeit beobachtet, sagt, er habe sie eingeladen, um ihnen die Gelegenheit einzuräumen, einander die Missverständnisse ausräumen zu lassen, die offensichtlich zwischen ihnen bestehen. Er habe die Zwei unter dem Vorwand eines nachmittäglich gemütlichen Kaffeetrinkens eingeladen, weil er weiß, dass Manuri nicht erschienen wäre, hätte er vorher gewusst, was ihn hier erwarten wird. Bei Feechen, so meint Johannes weiter, war er sich gar nicht sicher, wie sie sich positionieren würde, da er sie nur aus Erzählungen von Manuri kennt. Er hofft, dass sie sich nun zusammensetzen und wie zwei vernünftige erwachsene Menschen miteinander sprechen werden und dass der Grundstein für eine weitere Kommunikation gelegt wird, da er zumindest seinem Freund Manuri ansieht, dass er bedrückt über das beiderseitige Schweigen ist.
Manuri hört seinem Freund mit versteinerter Miene zu. Nach außen scheint es, als langweile er sich zu Tode. Innerlich aber brodelt es in ihm. Als Johannes geendet hat, erhebt sich Manuri von seinem Stuhl, dankt Johannes mit aufgesetzter Gleichgültigkeit für die Worte und wünscht beiden einen schönen Nachmittag. Er hofft, dass sich Johannes und Feechen auch ohne ihn gut verstehen werden, er aber hat jetzt keine Zeit für ein unter falschem Vorwand entstandenen netten Plausch.  Mit den letzten Worten dreht er sich um und geht in Richtung Park davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Johannes ruft Manuris Namen, um ihn zur Umkehr zu bewegen. Feechen sitzt wie festgeklebt auf ihrem Stuhl. Sie ist den Tränen nahe, beherrscht sich aber aufgrund der umsitzenden Gäste. Eben hatte sie noch das Gefühl, dass durch Johannes einführenden Monolog alles gut werden würde und nun liegt ihre Hoffnung begraben vor ihr. Sie muss sich sehr beherrschen, nicht aus Wut über das Benehmen von Manuri mit ihrer Faust auf die Tischplatte zu schlagen. Für sie steht in diesem Moment fest, dass sie diesen eingebildeten Widerling nie wiedersehen möchte...
© JanaPetrat

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