Das Stadtcafé liegt gegenüber
des Gemeindeparks und erinnert an so sonnigen Stunden, wie an diesem
Samstagnachmittag, an ein Café an der Italienischen Riviera, vor dem sich gut
betuchte Menschen sonnen, Pärchen wild gestikulierend miteinander reden, Mütter
mit ihren Kindern Kuchen essen und ihnen beim miteinander spielen zusehen, oder
alte, dickbäuchige Männer die Tageszeitung lesen und dabei einen starken
Kaffee genießen.
Johannes Stuard beobachtet die
elegant gekleidete Frau, die auf dem gegenüberliegenden Gehsteig vor dem Café
steht und zu seinem Tisch schaut. Er hat die Hand gehoben und bedeutet
Fräulein Pummi, zu ihm zu kommen.
Fräulein Pummi ist ein wenig
verwundert, ob des Herren, der ihr zuwinkt, denn eigentlich hatte sie gehofft,
Jordi Berolin an einem der Plätze zu sehen. Dieser Herr ist ihr jedoch völlig
unbekannt. Johannes erhebt sich von seinem Stuhl, reicht ihr die Hand, als sie
vor ihm steht und begrüßt sie herzlich. Als er ihre Verwirrung bemerkt, gesteht
er, dass er hoffe, die richtige Dame anzusprechen, denn er kennt sie nur vom
Hörensagen und den Beschreibungen, die ihm ein gemeinsamer Freund gab,
den er ebenfalls zu diesem Treffen eingeladen hat. Johannes weist auf einen
leeren Platz neben sich und bittet Fräulein Pummi, sich zu setzen. Er bestellt
sich einen Kaffee und für Fräulein Pummi eine heiße Schokolade.
Am blauen Himmel fliegen zwei
Meisen, die einander umkreisen und piepsend zu einem Baum im Stadtpark
flattern. Fräulein Pummi schaut auf die hellgelbe Sonne, die eine wohlige Wärme
abgibt und hält ihre Augen fast geschlossen. Vor ihren Augenlidern bewegt sich
plötzlich etwas, das die Sonne, die sie soeben noch warm
beschien, verdunkelt. Sie öffnet die Augen und ihr stockt der Atem. Ihr
Herz beginnt zu rasen und sie schaut ihn einfach nur an. Ihn, den sie seit
Monaten nicht mehr sah, von dem sie nichts hörte und der nun direkt vor ihr
steht. Manuri Chilli. Sie ist so erschrocken, dass sie vergisst, ihn zu
begrüßen.
Manuri aber sieht auch nicht
unerschrockener aus, als er auf die sitzende Feechen Pummi herunterschaut.
Beide blicken sich an und sagen nichts. Er weiß in dem Moment, in dem er sich
auf den freien Stuhl zwischen Feechen und Johannes setzt, nicht, was er denken
soll. Sein Kopf scheint zu explodieren und tausend nicht greifbare
Gedankensplitter rasen durch sein Gehirn. Einerseits schaut er auf Feechen und
freut sich, denn er dachte, er würde sie nie wiedersehen. Er dachte, sie würde
ihm bei einer Wiederbegegnung sofort an die Kehle springen, verdiente er es
doch, so wie er sich ihr gegenüber verhalten hatte.
Aber sofort wandelt sich diese
anfängliche Freude in absolutes Erschrecken. Was wollen die Zwei von ihm,
welchen Plan haben sie ausgeheckt, um ihn in die Ecke zu drängen? Wenn sie ihn
dazu bewegen wollen, sich auf der Stelle wieder mit Feechen zu versöhnen, haben
sie sich in ihm getäuscht. Er ist auf eine solche Aussprache überhaupt nicht
vorbereitet und er wird sich zu nichts zwingen lassen. Immer mehr hat er das
Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, denn Johannes brachte ihn in eine
Situation, die er weder mitbestimmen konnte, noch hat er Kontrolle über sie.
Johannes hat Manuris Erwartungen an diesen Samstagnachmittag verletzt und
ihm damit einem Gefühlschaos ausgesetzt, dass er nicht mehr bändigen kann. Er
weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Er muss dieser Situation so schnell es
geht entkommen. Ansonsten, so fürchtet er, wird er sofort einen Streit vom Zaun
brechen, um dem Beklemmungsgefühl zu entkommen. Damit er Letzteres nicht tut,
schaut er von Feechen weg, direkt auf den Preisaufsteller am Eingang des Cafés
und tut, als lese er angestrengt die Karte.
Feechen Pummi sieht Manuri
weiterhin von oben bis unten an und bemerkt zum wiederholten Male, wie schön
sein Gesicht und wie muskulös sein Körper ist. Ja, sie begehrt ihn noch immer,
aber gleichzeitig ist sie verunsichert, denn sie fragt sich, ob das noch der
Manuri ist, den sie kannte. Obwohl sie ihn so gut kennt, erscheint er ihr fremd
und fern. Sie nimmt zwar eine winzigen Moment ein erfreutes Aufleuchten seiner
Augen wahr, aber es ist so schnell vorbei, dass sie fast meinen könnte, es
hätte nie existiert. Sie ist aufgeregt, sie bemerkt, dass sie innerlich zu
zittern beginnt und fragt sich, was von ihr erwartet wird. Soll sie mit der
Konversation beginnen? Wenn ja, mit welchem Satz? Oder ist es besser, sie
spricht nicht, weiß sie doch, dass sie Manuri das letzte Mal, als sie etwas von
ihm hörte, gehörig zuwider war. Wenn es heute noch immer so ist, riskiert sie,
dass er sofort einen Streit beginnt, falls sie zu sprechen anfängt. Darum
traute sie sich auch nie, Manuri nach einem Treffen zu fragen. Also sagt sie
lieber nichts und blickt stumm weiterhin auf ihn.
Johannes, der Beide die ganze
Zeit beobachtet, sagt, er habe sie eingeladen, um ihnen die Gelegenheit
einzuräumen, einander die Missverständnisse ausräumen zu lassen, die
offensichtlich zwischen ihnen bestehen. Er habe die Zwei unter dem Vorwand
eines nachmittäglich gemütlichen Kaffeetrinkens eingeladen, weil er weiß, dass
Manuri nicht erschienen wäre, hätte er vorher gewusst, was ihn hier erwarten
wird. Bei Feechen, so meint Johannes weiter, war er sich gar nicht sicher, wie
sie sich positionieren würde, da er sie nur aus Erzählungen von Manuri kennt.
Er hofft, dass sie sich nun zusammensetzen und wie zwei vernünftige erwachsene
Menschen miteinander sprechen werden und dass der Grundstein für eine weitere
Kommunikation gelegt wird, da er zumindest seinem Freund Manuri ansieht, dass
er bedrückt über das beiderseitige Schweigen ist.
Manuri hört seinem Freund mit
versteinerter Miene zu. Nach außen scheint es, als langweile er sich zu Tode.
Innerlich aber brodelt es in ihm. Als Johannes geendet hat, erhebt sich Manuri
von seinem Stuhl, dankt Johannes mit aufgesetzter Gleichgültigkeit für die
Worte und wünscht beiden einen schönen Nachmittag. Er hofft, dass sich Johannes
und Feechen auch ohne ihn gut verstehen werden, er aber hat jetzt keine Zeit
für ein unter falschem Vorwand entstandenen netten Plausch. Mit den
letzten Worten dreht er sich um und geht in Richtung Park davon, ohne sich noch
einmal umzudrehen.
Johannes ruft Manuris Namen, um
ihn zur Umkehr zu bewegen. Feechen sitzt wie festgeklebt auf ihrem Stuhl. Sie
ist den Tränen nahe, beherrscht sich aber aufgrund der umsitzenden Gäste. Eben
hatte sie noch das Gefühl, dass durch Johannes einführenden Monolog alles gut
werden würde und nun liegt ihre Hoffnung begraben vor ihr. Sie muss sich sehr
beherrschen, nicht aus Wut über das Benehmen von Manuri mit ihrer Faust auf die
Tischplatte zu schlagen. Für sie steht in diesem Moment fest, dass sie diesen
eingebildeten Widerling nie wiedersehen möchte...
© JanaPetrat
© JanaPetrat
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen