Mittwoch, 25. April 2012

VII: Chicken Masala für Herrn Chilli



Srinagar, eine Stadt im Fürstenstaat Kaschmir, wurde im dritten Jahrhundert v. Chr. von Kaiser Ashoka, jenem Kaiser, der dereinst mit äußerster Härte vorging, sein Reich zu erweitern und später zum Buddhismus konvertierte, um sich fortan der Friedensförderung zu widmen, gegründet.
Der Handelsort ist berühmt für die Herstellung von Kupfer- und Silberwaren, Teppichen und Produkten aus Leder und Seide. In den langen Flussläufen, die ihre verschlungenen Pfade durch den Ort ziehen, liegen still und leicht schwankend Hausboote, eigenhändig von ihren Besitzern aus "Deodar", einem wohlriechenden Zedernholz, gebaut.
Auf einem dieser Hausboote auf dem Fluss Jhelum sitzt Herr Chilli mit überkreuzten Beinen auf einem großen, rubinroten Kissen auf dem Boden. Vor ihm steht ein Silbertablett, gefüllt mit kleinen silbernen Schälchen, in denen Lamm-, Hühnchen- und Ziegenfleisch, Gemüse, Saucen mit Nüssen und Curry, sowie Reis serviert wird. Um ihn herum sitzt, in froher, lauter Weise plappernd, seine Familie väterlicherseits. Sein Onkel Rahul ist Tuchhändler, seine Tante Kareena praktiziert die Jahrhunderte alte Ayurveda-Heilkunst.
Rahuls Bruder und Herrn Chillis Vater Raj siedelte vor 36 Jahren in Herrn Chillis Heimatstadt über, als er auf einer Handelsreise die schöne westliche Annabell kennenlernte. Er verliebte sich in sie und knapp ein Jahr später gebar sie ihrer beider Sohn.
Auch Annabell und Raj sitzen im Schneidersitz auf dem Boden, essen mit den Händen traditionelle Leckerbissen der indischen Küche und unterhalten sich in feinstem Hindi mit ihren Verwandten. Gemeinsam mit ihrem Sohn kommen sie alle zwei bis fünf Jahre nach Indien, um ihre Familie zu besuchen, Bekannte zu treffen und entspannte Tage mit ihnen zu verbringen.
Herr Chilli fühlt sich wohl und frei, wenn er während des Essens einen Blick aus dem Fenster des Hausbootes auf das gegenüber liegende Festland wirft und auf die üppige Vegetation, bestehend aus vielen Palmen, Banyan- und Teakbäumen, blickt. Am Ufer entlang kehren mit Teekörben beladene Elefanten und ihre Treiber von den Teeplantagen in die Stadt zurück, um dort ihre Ware abzuliefern. Ein etwa elf Jahre altes Mädchen wäscht Wäsche im Wasser des Flusses und ihr rosa-gelber Sari wird dabei vom Wasser durchnässt.
Vor 5 Stunden befand sich Herr Chilli noch schwankend auf dem britischen Passagierschiff "Arabia", das 1898 von der Reederei P&O vom Stapel gelassen wurde, um außer der Passagiere Fracht und Post von England nach Indien zu verschiffen. Er genoss die Fahrt, die 50 Tage dauerte, weit mehr als seine letzte Tour, die er auf einem Klipper zurücklegte, um Geld zu sparen. Der Komfort auf der "Arabia" war ein anderer, als auf dem Klipper. Wurde er auf dem Passagierschiff von indischen Angestellten verpflegt, musste er sich auf dem Handelsschiff selbst versorgen und war Teil der ansässigen Crew.
Herr Chilli ist in Indien, um seinen heimatlichen Bibliotheksbestand zu erweitern. Er möchte zuhause indische Literatur in einem eigens dafür eingerichteten Bibliotheksabschnitt verleihen und seine Landsleute mit der Kultur und Landschaft, sowie mit der Lyrik des Landes bekannt machen. Hierfür wird er einen Teil des Indischen Subkontinents bereisen, während seine Eltern bei der Familie bleiben. Er hat sich vorgenommen, eine Inderin als Übersetzerin zu engagieren, denn Indien ist in mehrere Staaten eingeteilt, in denen bis zu einhundert verschiedene Sprachen gesprochen werden, wozu Hindi, Asamiya, Sanskrit, Tamil und Urdu zählen.
Wenn die Geschäfte so laufen, wie Herr Chilli es sich wünscht, wird er sechs Monate in Indien bleiben. In der Zeit, so hofft er, wird er sich Feechen endgültig aus dem Kopf geschlagen haben und keinen weiteren Gedanken an sie verschwenden. In der letzten Zeit war es unheimlich, wie oft er an sie denken musste und sich Fantasiebildern mit ihr hingab. Diese Reise soll ihm helfen, sich auf andere Dinge als auf das Lieben und Leiden zu konzentrieren.
Als das Essen endet, erhebt sich Herr Chilli, um auf einen der Märkte der Stadt zu gehen und sich dort ein wenig den Duft der unendlich vielen unterschiedlich farblichen Gewürze um die Nase wehen zu lassen und den Händlern beim Feilschen mit Waren wie Schmuck, Nutztieren, Gemüse und Obst, zuzusehen. Wenn er über den Basar schlendert, hat er immer das Gefühl, in die Geschichte eines Märchens aus tausendundeiner Nacht einzudringen. Diese östliche Welt ist für ihn voller Inspiration, voller Poesie und voller Träume von einem anderen, märchenhafteren Leben, als es das seine in der westlichen Welt ist.
Doch bei all der Schwärmerei, weiß er, dass das Leben nicht immer so träumerisch dahin läuft. Sein Onkel Rahul geht jeden Tag in sein kleines Geschäft in der Hauptstraße von Srinagar, klappt die Fensterläden auf und verkauft ab 9 Uhr in der Frühe Stoffe aus Seide, Kaschmir und Baumwolle, die in den Webereien des Landes gefertigt werden. Dazu bietet er eine breite Auswahl an Cholis und Dupattas für die indischen Frauen, sowie Kurtas, Dhotis und Lungis für die Männer. Der Onkel feilscht gern und gut und ist aus diesem Grund in der Geschäftswelt Srinagars geachtet und gefürchtet. Jedoch muss er aufgrund der Ausweitung des Handels auf den europäischen Kontinent Angst haben, dass westliche Händler Stoffe, die in neuen Fabriken mit modernen Maschinen hergestellt werden, billiger als die traditionell produzierten Gewebe anbieten.
Nach seinem Marktrundgang beendet Herr Chilli seinen ersten Tag in Indien am Flussufer des Dal-Sees, umgeben von schneebedeckten Bergen des Himalaya-Gebirges, um dem organ-gelben Spiel der untergehenden Sonne beizuwohnen.
© JanaPetrat

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