Srinagar, eine Stadt im
Fürstenstaat Kaschmir, wurde im dritten Jahrhundert v. Chr. von Kaiser Ashoka,
jenem Kaiser, der dereinst mit äußerster Härte vorging, sein Reich zu erweitern
und später zum Buddhismus konvertierte, um sich fortan der Friedensförderung zu
widmen, gegründet.
Der Handelsort ist berühmt für die Herstellung von Kupfer- und Silberwaren, Teppichen und Produkten aus Leder und Seide. In den langen Flussläufen, die ihre verschlungenen Pfade durch den Ort ziehen, liegen still und leicht schwankend Hausboote, eigenhändig von ihren Besitzern aus "Deodar", einem wohlriechenden Zedernholz, gebaut.
Der Handelsort ist berühmt für die Herstellung von Kupfer- und Silberwaren, Teppichen und Produkten aus Leder und Seide. In den langen Flussläufen, die ihre verschlungenen Pfade durch den Ort ziehen, liegen still und leicht schwankend Hausboote, eigenhändig von ihren Besitzern aus "Deodar", einem wohlriechenden Zedernholz, gebaut.
Auf einem dieser Hausboote auf
dem Fluss Jhelum sitzt Herr Chilli mit überkreuzten Beinen auf einem großen,
rubinroten Kissen auf dem Boden. Vor ihm steht ein Silbertablett, gefüllt mit
kleinen silbernen Schälchen, in denen Lamm-, Hühnchen- und Ziegenfleisch,
Gemüse, Saucen mit Nüssen und Curry, sowie Reis serviert wird. Um ihn herum
sitzt, in froher, lauter Weise plappernd, seine Familie väterlicherseits. Sein
Onkel Rahul ist Tuchhändler, seine Tante Kareena praktiziert die Jahrhunderte
alte Ayurveda-Heilkunst.
Rahuls Bruder und Herrn Chillis
Vater Raj siedelte vor 36 Jahren in Herrn Chillis Heimatstadt über, als er auf
einer Handelsreise die schöne westliche Annabell kennenlernte. Er verliebte
sich in sie und knapp ein Jahr später gebar sie ihrer beider Sohn.
Auch Annabell und Raj sitzen im
Schneidersitz auf dem Boden, essen mit den Händen traditionelle Leckerbissen
der indischen Küche und unterhalten sich in feinstem Hindi mit ihren
Verwandten. Gemeinsam mit ihrem Sohn kommen sie alle zwei bis fünf Jahre nach
Indien, um ihre Familie zu besuchen, Bekannte zu treffen und entspannte Tage
mit ihnen zu verbringen.
Herr Chilli fühlt sich wohl und
frei, wenn er während des Essens einen Blick aus dem Fenster des Hausbootes auf
das gegenüber liegende Festland wirft und auf die üppige Vegetation, bestehend
aus vielen Palmen, Banyan- und Teakbäumen, blickt. Am Ufer entlang kehren mit
Teekörben beladene Elefanten und ihre Treiber von den Teeplantagen in die Stadt
zurück, um dort ihre Ware abzuliefern. Ein etwa elf Jahre altes Mädchen wäscht
Wäsche im Wasser des Flusses und ihr rosa-gelber Sari wird dabei vom Wasser
durchnässt.
Vor 5 Stunden befand sich Herr
Chilli noch schwankend auf dem britischen Passagierschiff "Arabia",
das 1898 von der Reederei P&O vom Stapel gelassen wurde, um außer der
Passagiere Fracht und Post von England nach Indien zu verschiffen. Er genoss
die Fahrt, die 50 Tage dauerte, weit mehr als seine letzte Tour, die er auf
einem Klipper zurücklegte, um Geld zu sparen. Der Komfort auf der
"Arabia" war ein anderer, als auf dem Klipper. Wurde er auf dem
Passagierschiff von indischen Angestellten verpflegt, musste er sich auf dem
Handelsschiff selbst versorgen und war Teil der ansässigen Crew.
Herr Chilli ist in Indien, um
seinen heimatlichen Bibliotheksbestand zu erweitern. Er möchte zuhause indische
Literatur in einem eigens dafür eingerichteten Bibliotheksabschnitt verleihen
und seine Landsleute mit der Kultur und Landschaft, sowie mit der Lyrik des
Landes bekannt machen. Hierfür wird er einen Teil des Indischen Subkontinents
bereisen, während seine Eltern bei der Familie bleiben. Er hat sich
vorgenommen, eine Inderin als Übersetzerin zu engagieren, denn Indien ist in mehrere
Staaten eingeteilt, in denen bis zu einhundert verschiedene Sprachen gesprochen
werden, wozu Hindi, Asamiya, Sanskrit, Tamil und Urdu zählen.
Wenn die Geschäfte so laufen,
wie Herr Chilli es sich wünscht, wird er sechs Monate in Indien bleiben. In der
Zeit, so hofft er, wird er sich Feechen endgültig aus dem Kopf geschlagen haben
und keinen weiteren Gedanken an sie verschwenden. In der letzten Zeit war es
unheimlich, wie oft er an sie denken musste und sich Fantasiebildern mit ihr
hingab. Diese Reise soll ihm helfen, sich auf andere Dinge als auf das Lieben
und Leiden zu konzentrieren.
Als das Essen endet, erhebt
sich Herr Chilli, um auf einen der Märkte der Stadt zu gehen und sich dort ein
wenig den Duft der unendlich vielen unterschiedlich farblichen Gewürze um die
Nase wehen zu lassen und den Händlern beim Feilschen mit Waren wie Schmuck,
Nutztieren, Gemüse und Obst, zuzusehen. Wenn er über den Basar schlendert, hat
er immer das Gefühl, in die Geschichte eines Märchens aus tausendundeiner Nacht
einzudringen. Diese östliche Welt ist für ihn voller Inspiration, voller Poesie
und voller Träume von einem anderen, märchenhafteren Leben, als es das seine in
der westlichen Welt ist.
Doch bei all der Schwärmerei,
weiß er, dass das Leben nicht immer so träumerisch dahin läuft. Sein Onkel
Rahul geht jeden Tag in sein kleines Geschäft in der Hauptstraße von Srinagar,
klappt die Fensterläden auf und verkauft ab 9 Uhr in der Frühe Stoffe aus
Seide, Kaschmir und Baumwolle, die in den Webereien des Landes gefertigt werden.
Dazu bietet er eine breite Auswahl an Cholis und Dupattas für die indischen
Frauen, sowie Kurtas, Dhotis und Lungis für die Männer. Der Onkel feilscht gern
und gut und ist aus diesem Grund in der Geschäftswelt Srinagars geachtet und
gefürchtet. Jedoch muss er aufgrund der Ausweitung des Handels auf den
europäischen Kontinent Angst haben, dass westliche Händler Stoffe, die in neuen
Fabriken mit modernen Maschinen hergestellt werden, billiger als die
traditionell produzierten Gewebe anbieten.
Nach seinem Marktrundgang
beendet Herr Chilli seinen ersten Tag in Indien am Flussufer des Dal-Sees,
umgeben von schneebedeckten Bergen des Himalaya-Gebirges, um dem organ-gelben
Spiel der untergehenden Sonne beizuwohnen.
© JanaPetrat
© JanaPetrat
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