Dienstag, 24. April 2012

IV: Fräulein Pummi kommt spielend durch den Tag



ding, ding, ding, pling, pling
Wie Glas, das von einem metallenen Gegenstand berührt wird, klingen die zarten Töne durch das Musizierzimmer.
Morgendliche mattgelbe Sonnenstrahlen fallen durch die Fensterscheiben auf den mit hellem Teppich ausgelegten Boden und hinterlassen blumige Schatten der spitzendurchwirkten weißen Gardinen auf dem Flor. Fräulein Pummi, die vor den Bodenfenstern steht, sich die Sonne auf ihren Körper scheinen lässt und dabei die Augen geschlossen hält, genießt die Stille, die einzig von Chopins Nocturne op 9, No. 1 durchbrochen wird.
Ein winzig falscher Ton bringt sie in die Gegenwart zurück. Nein, das ist kein b, sondern ein h, das ihre Musikschülerin anschlägt, die durch diesen winzigen Faupax die in Fräulein Pummi aufkeimende harmonische Wohlfühlstimmung zerstört. Sie seufzt und geht zu ihrer Schülerin, um mit ihr den gerade gespielten Takt in korrekter Weise zu wiederholen. 
Das Fräulein unterrichtet seit sieben Jahren Schüler im Klavierspiel und zieht so die zukünftige Pianistenelite des Landes heran. Solche oder ähnlich große Erwartungen hegen die Eltern ihrer Zöglinge und lassen dabei oft die wahre Begabung ihres Sprösslings außer Acht. Aber um den gesellschaftlichen Regeln zu entsprechen, die auf ein Kind eines Beamten oder eines hoch angesehenen Doktoren zukommen, geben die Erziehungsberechtigten viel Geld an Fräulein Pummi, damit sie ihr Kind musikalisch forme.
7,5 Stunden am Tag, 5 Tage in der Woche sitzt die junge Frau mit ihren Eleven am Klavier, um einer Arbeit nachzugehen, die sie liebt und erfüllt, die ihr aber auch Eigenständigkeit bietet. Ihre Beschäftigung mit der Musik lässt Fräulein Pummi sich selbst und ihre Umgebung vergessen. Wenn ein Schüler mit einem Liedstück beschäftigt ist, kommt es nicht wenig vor, dass sie hinter dem Rücken des Spielenden im Takt des Liedes durch das Zimmer tanzt, im Kopf die Melodie mitsummt und sich ganz von dem Gespielten tragen lässt, als liege sie auf einer Wolke, die im Rhythmus der Noten am Himmel wogt.
Das Unterrichten ist die einzige Tätigkeit, die Fräulein Pummi den Anschein einer anständigen Dame der Gemeinschaft gibt. Ansonsten hat sie mit den Normen der Gesellschaft wenig am Hut. Dem Dogma der verheirateten Frau mit Kind will und wird sie sich nicht so leicht beugen. Sie lebt frei jeglicher Aufsicht von Verwandten oder Anstandsdamen in einer Wohnung im zweiten Stock eines vierstöckigen Wohnhauses und genießt die Exklusivität, ihr Leben zu gestalten wie es ihr gefällt. Ihr ist durchaus bewusst, dass vermeintlich wohlmeinende Bekannte auf Soiréen hinter vorgehaltener Hand über sie tuscheln, wenn sie sich rein freundschaftlich mit einem jungen Herrn ihres Alters unterhält. In den Augen ihrer Bekannten müsste sie längst verheiratet sein und zudem geziemt es sich für eine Frau nicht, von allein mit Männern in Kontakt zu treten, bevor sie ihr durch Freundinnen vorgestellt wurden. Fräulein Pummi aber findet all diese Regeln sehr anstrengend. Statt einem Mann und einem Kind hält sie sich einen kleinen Schoßhund, der sie fast überall hin begleitet. Im Kreise ihrer Freundinnen ist sie die Dame, der das Prädikat "extrovertiert und leicht verrückt" angeheftet wird. 
Seit ihre Eltern vor 11 Jahren bei einem Unfall ums Leben kamen, ist sie auf sich allein gestellt, was ihr anfangs nicht leicht fiel. Sie ist ein Kind aus gutem Hause, das verwöhnt wurde, sowohl materiell als auch in der Hinsicht, dass sie eine der wenigen Kinder ihres Alters war, die nicht viel im Haushalt helfen mussten. Wofür gab es die Haushälterin? Das Krämermädchen oder der Junge der Waschfrau hatten es wesentlich schwerer und mussten früh lernen, selbständig für sich zu sorgen.
Ihre Eltern achteten darauf, dass ihr eine anständige Ausbildung zuteil wurde. Die Aufnahmeprüfung des Konservatoriums bestand sie sofort und wurde dort die zweitbeste Schülerin ihrer Abschlussklasse. Fräulein Pummi hätte gleich eine Anstellung als Lehrkraft in der alterwürdigen Einrichtung erhalten können, aber sie entschied sich, ihre Schüler bei sich zuhause in ihrem eigens dafür hergerichteten Musikzimmer zu empfangen.
Wenn sie dann aber nach einem langen Arbeitstag und einem gemeinsamen Stadtspaziergang mit ihrem Hündchen zuhause einzig für sich einige Stücke am Klavier spielt, muss Fräulein Pummi sich manchmal eingestehen, dass sie trotz aller Freiheit ziemlich allein ist.
© JanaPetrat

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