Es ist Abend. Im Kamin knackt
das Feuer auf den Holzscheiten und dessen Flammen erzeugen Schatten
eines Ohrensessels, in dem Herr Chilli Platz genommen hat, an den Wänden des
Leseraumes in Herrn Chillis Haus. Auf einem runden Beistelltischchen befinden
sich eine Karaffe mit Wasser, sowie ein Kristallglas gefüllt mit einem
doppelten Whiskey.
Missmutig lässt Herr Chilli die
Tageszeitung sinken, in der er gerade einen Artikel über den Raubbau des
Regenwaldes in Brasilien liest. Was interessiert ihn im Moment Brasilien? Der
ganze Tag ist irgendwie komisch verlaufen. Alles begann, als er am Morgen
erwachte und noch deutlich die letzten Bilder seines Traumes vor Augen hatte.
Der feine Herr hatte wieder von
ihr geträumt, wie sie mit zerbrechlich wirkendem Antlitz und gesenktem
Kopf auf einem Schaukelstuhl saß und auf die Wolldecke blickte, die unter ihr
lag. Sie, das ist die junge Dame, die alle nur Feechen nennen.
Sie geistert seit einiger Zeit
wieder verstärkt im Kopf von Herrn Chilli herum, obwohl er mit allem was sie
betraf, abschließen wollte. Die Gefühle, die dieser nächtliche Traum auslöste,
wirkten den ganzen Tag in Herrn Chillis Geist nach. Er konnte sich auf Arbeit
nicht auf seine Aufgaben konzentrieren, weil er gedanklich abschweifte, hin zu
den vergangenen Traumbildern, die sich erneut lebendig vor seinem inneren Auge
aufbauten.
Er hat sie seit Monaten weder
gesehen, noch gehört, noch haben sie einen ihrer unzähligen Briefe
ausgetauscht.
Er wollte es so. Sie fiel ihm
damals beständig auf die Nerven. Ihre Anwesenheit war pure Aufdringlichkeit.
Sie bohrte unverschämt intensiv in seinem Leben, wollte alles von ihm. Sein
Freiheit, seine Liebe, sein ganzes Sein. Er fühlte sich bedrängt und in
eine Ecke getrieben. Wie konnte sie es wagen, kein Stein auf dem anderen bei
ihm zu lassen? Sah sie denn nicht, dass er nicht ihre Interessen verfolgte? Er
wollte sich nicht an sie binden, wie sie es wollte. Er wollte weder eine engere
Verbindung, noch konnte er sich Kinder mit ihr vorstellen. Aber was tat sie,
anstatt sich zu entfernen, nachdem er ihr seine Ansichten mehrmals erklärt
hatte? Dieses dumme Mädchen blieb! Sie ignorierte ihn einfach. Und das war die
Krönung, er war noch nie ignoriert worden! Und er wollte auch nicht ignoriert
werden. Nicht von ihr!
Herrn Chillis Wut, in die er
sich immer mehr hineinsteigert, wächst. Er kippt eilig den Whiskey, der die
ganze Zeit unangerührt im Glas auf dem Tischchen neben ihm stand, hinunter und
verschränkt wie ein kleiner trotziger Junge die Arme vor der Brust. Er denkt
daran, wie er sie immer wieder wegschickte, mit ihr nichts mehr zu tun haben
wollte, sie aber immer wieder zurückkam. Warum tat sie das? Bis zum heutigen
Tag fand er dafür keine abschließende Erklärung. Sie sagte ihm, sie liebe ihn.
Aber was ist Liebe überhaupt? Ist sie nicht nur ein Gefühl, das so unbeständig
ist, wie das Leben selbst. Sie ist nichts, an was Menschen sich festhalten
können. Und sie wird schneller enttäuscht, als man seinen eigenen Namen
aussprechen kann. Herr Chilli weiß das und aus diesem Grunde lässt er ihre
Aussage nicht gelten.
Als er ein gerade zum Manne
heranwachsender Jugendlicher war, hatte er einmal alles für eine Frau getan,
was man für eine Frau tun konnte. Er sandte ihr Liebesbekundungen, ging mit ihr
aus, schenkte ihr Blumen und sah ihrer beider Zukunft in den leuchtendsten
Regenbogenfarben. Er wollte Kinder mit ihr haben, denn sie war die Frau seines
Lebens. Er bot sich ihr dar, wie er es noch nie getan hatte. Und sie? Sie genoss
all seine Schmeicheleien und badete darin, wie in einem Rosenbad, nur um ihm ein
paar Tage später mitzuteilen, dass sie sich in einen anderen jungen Herrn
verliebt hatte. Mit dieser Aussage war Herrn Chillis Zukunft besiegelt, seine
Seele zerbrochen und er musste erkennen, dass die junge Frau mit ihrem Gehen
seine empfindsame, sinnliche, auf Zartheit bedachte Seite zerstört hatte.
Er zog sich vollkommen aus dem Leben zurück, verbrachte Stunden und Tage in
seinem Zimmer seines Elternhauses und las sich durch alle Weltenschmerz
verbreitende Literatur, die er finden konnte. Er dachte, er würde sterben. Zu
jener Zeit, die für ihn nur aus Tristesse und Abgrunddenken bestand, schwor er
sich, er würde seine Gefühle nie wieder einer Frau preisgeben. Er würde sich
nie wieder so stark einer Frau hingeben. Er legte sich ein seelisches Schutzschild zu,
das jegliche romantische Gefühlsduselei von vornherein an sich abprallen ließ.
Sein Verhalten Damen gegenüber wurde immer strenger und herrischer. Ein wenig
flirten und einige abendliche Stunden zu zweit verbringen, damit konnte er
umgehen, aber danach musste die Dame wieder aus seinem Leben verschwinden. Kein
gemeinsames Frühstück, kein Händchenhalten und um Gottes Willen, keine
Liebesschwüre. So verbrachte er seine Jahre. Einige Damen blieben für gerade
einmal ein Jahr bei ihm, in dem alles unkompliziert war und jeder
weiterhin sein eigenes Leben führte. Drohte eine
Verbindung in Richtung eines gemeinsamen Lebens zu zweit abzugleiten,
kappte Herr Chilli sie sofort. Er servierte die jeweilige Gespielin mit einer
Eiseskälte ab, die manche Frauen schier zusammenbrechen und einen
Ohnmachtsanfall bekommen ließ. Er war gnadenlos in seinen Äußerungen, um sich
nicht noch einmal in einer Frau zu verlieren. In solchen Momenten war es ihm
egal, was sein Gegenüber empfand, ja sogar, ob sie überhaupt überlebte.
Doch dann kam diese
impertinente Person Feechen in sein Leben. Er hatte sich sein kleines
Stelldichein mit ihr so leicht vorgestellt. Sie schrieben sich, selten sahen
sie sich. Ihm reichte das vollkommen. Er verstand jedoch nicht, was mit ihm
vorging, als er plötzlich begann, sich zu fragen, wie sie ihren Tag verbrachte,
was sie auf Arbeit erlebte und welche Meinung sie zu einem Thema hatte, das sie
gerade besprachen. Seine Schreiben an sie wurden länger, häufiger, intensiver.
Er begann, sich zu ärgern, wenn er lange Tage nichts von ihr las oder hörte.
Dieses Verhalten gefiel ihm nicht, merkte er doch, dass sein gesamtes Denken
davon in Anspruch genommen wurde. Feechen, diese dumme Mädchen, begann in jener
Zeit, die Gespräche in eine Richtung zu lenken, die immer mehr darauf
hindeutete, eine feste Verbindung zwischen ihnen beiden entstehen zu lassen und
sich häufiger mit ihm treffen zu wollen. Für Herrn Chilli war das zuviel.
Bis zu einem gewissen Punkt konnte er mit ihrer Verbindung umgehen, aber
weiter wollte er nicht gehen. Er musste sie loswerden. Hasstiraden folgten
in seinen Briefen, er ließ sich nicht auf sie ein, wenn sie mit ihm zu sprechen
wünschte, er meldete sich nicht mehr bei ihr. Ihr jedoch schien das nichts
auszumachen. Sie nahm seine Beschimpfungen hin, ließ ihn gewähren, was bis zu
drei Monaten dauern konnte, um sich dann auf´s Neue bei ihm anzukündigen. Doch
als er vor mehreren Monaten erneut mit ihr brach, war etwas anders. Sie,
Feechen, die sich immer meldete, sagte nichts mehr, schrieb nicht mehr, meldete
sich nicht mehr... Und er ärgert sich darüber...aber er wird sie niemals
kontaktieren! Das verstößt gegen sein Prinzip, nie mehr den ersten Schritt auf
eine Dame zuzugehen. Zudem müsste er seine Schande, die zu diesem Bruch geführt
hatte, eingestehen. Nie!
Herr Chilli erhebt sich
mürrisch aus seinem Ohrensessel und verlässt verstimmt den Raum.
© JanaPetrat
© JanaPetrat
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