Mittwoch, 25. April 2012

V: Herrn Chillis Nacht der langen Schatten


Es ist Abend. Im Kamin knackt das Feuer auf den Holzscheiten und dessen Flammen erzeugen Schatten eines Ohrensessels, in dem Herr Chilli Platz genommen hat, an den Wänden des Leseraumes in Herrn Chillis Haus. Auf einem runden Beistelltischchen befinden sich eine Karaffe mit Wasser, sowie ein Kristallglas gefüllt mit einem doppelten Whiskey.
Missmutig lässt Herr Chilli die Tageszeitung sinken, in der er gerade einen Artikel über den Raubbau des Regenwaldes in Brasilien liest. Was interessiert ihn im Moment Brasilien? Der ganze Tag ist irgendwie komisch verlaufen. Alles begann, als er am Morgen erwachte und noch deutlich die letzten Bilder seines Traumes vor Augen hatte.
Der feine Herr hatte wieder von ihr geträumt, wie sie mit zerbrechlich wirkendem Antlitz  und gesenktem Kopf auf einem Schaukelstuhl saß und auf die Wolldecke blickte, die unter ihr lag. Sie, das ist die junge Dame, die alle nur Feechen nennen. 
Sie geistert seit einiger Zeit wieder verstärkt im Kopf von Herrn Chilli herum, obwohl er mit allem was sie betraf, abschließen wollte. Die Gefühle, die dieser nächtliche Traum auslöste, wirkten den ganzen Tag in Herrn Chillis Geist nach. Er konnte sich auf Arbeit nicht auf seine Aufgaben konzentrieren, weil er gedanklich abschweifte, hin zu den vergangenen Traumbildern, die sich erneut lebendig vor seinem inneren Auge aufbauten. 
Er hat sie seit Monaten weder gesehen, noch gehört, noch haben sie einen ihrer unzähligen Briefe ausgetauscht.
Er wollte es so. Sie fiel ihm damals beständig auf die Nerven. Ihre Anwesenheit war pure Aufdringlichkeit. Sie bohrte unverschämt intensiv in seinem Leben, wollte alles von ihm. Sein Freiheit, seine Liebe, sein ganzes Sein. Er fühlte sich bedrängt und in eine Ecke getrieben. Wie konnte sie es wagen, kein Stein auf dem anderen bei ihm zu lassen? Sah sie denn nicht, dass er nicht ihre Interessen verfolgte? Er wollte sich nicht an sie binden, wie sie es wollte. Er wollte weder eine engere Verbindung, noch konnte er sich Kinder mit ihr vorstellen. Aber was tat sie, anstatt sich zu entfernen, nachdem er ihr seine Ansichten mehrmals erklärt hatte? Dieses dumme Mädchen blieb! Sie ignorierte ihn einfach. Und das war die Krönung, er war noch nie ignoriert worden! Und er wollte auch nicht ignoriert werden. Nicht von ihr!
Herrn Chillis Wut, in die er sich immer mehr hineinsteigert, wächst. Er kippt eilig den Whiskey, der die ganze Zeit unangerührt im Glas auf dem Tischchen neben ihm stand, hinunter und verschränkt wie ein kleiner trotziger Junge die Arme vor der Brust. Er denkt daran, wie er sie immer wieder wegschickte, mit ihr nichts mehr zu tun haben wollte, sie aber immer wieder zurückkam. Warum tat sie das? Bis zum heutigen Tag fand er dafür keine abschließende Erklärung. Sie sagte ihm, sie liebe ihn. Aber was ist Liebe überhaupt? Ist sie nicht nur ein Gefühl, das so unbeständig ist, wie das Leben selbst. Sie ist nichts, an was Menschen sich festhalten können. Und sie wird schneller enttäuscht, als man seinen eigenen Namen aussprechen kann. Herr Chilli weiß das und aus diesem Grunde lässt er ihre Aussage nicht gelten.
Als er ein gerade zum Manne heranwachsender Jugendlicher war, hatte er einmal alles für eine Frau getan, was man für eine Frau tun konnte. Er sandte ihr Liebesbekundungen, ging mit ihr aus, schenkte ihr Blumen und sah ihrer beider Zukunft in den leuchtendsten Regenbogenfarben. Er wollte Kinder mit ihr haben, denn sie war die Frau seines Lebens. Er bot sich ihr dar, wie er es noch nie getan hatte. Und sie? Sie genoss all seine Schmeicheleien und badete darin, wie in einem Rosenbad, nur um ihm ein paar Tage später mitzuteilen, dass sie sich in einen anderen jungen Herrn verliebt hatte. Mit dieser Aussage war Herrn Chillis Zukunft besiegelt, seine Seele zerbrochen und er musste erkennen, dass die junge Frau mit ihrem Gehen seine empfindsame, sinnliche, auf Zartheit bedachte Seite zerstört hatte. Er zog sich vollkommen aus dem Leben zurück, verbrachte Stunden und Tage in seinem Zimmer seines Elternhauses und las sich durch alle Weltenschmerz verbreitende Literatur, die er finden konnte. Er dachte, er würde sterben. Zu jener Zeit, die für ihn nur aus Tristesse und Abgrunddenken bestand, schwor er sich, er würde seine Gefühle nie wieder einer Frau preisgeben. Er würde sich nie wieder so stark einer Frau hingeben. Er legte sich ein seelisches Schutzschild zu, das jegliche romantische Gefühlsduselei von vornherein an sich abprallen ließ. Sein Verhalten Damen gegenüber wurde immer strenger und herrischer. Ein wenig flirten und einige abendliche Stunden zu zweit verbringen, damit konnte er umgehen, aber danach musste die Dame wieder aus seinem Leben verschwinden. Kein gemeinsames Frühstück, kein Händchenhalten und um Gottes Willen, keine Liebesschwüre. So verbrachte er seine Jahre. Einige Damen blieben für gerade einmal ein Jahr bei ihm, in dem alles unkompliziert war und jeder weiterhin sein eigenes Leben führte. Drohte eine Verbindung in Richtung eines gemeinsamen Lebens zu zweit abzugleiten, kappte Herr Chilli sie sofort. Er servierte die jeweilige Gespielin mit einer Eiseskälte ab, die manche Frauen schier zusammenbrechen und einen Ohnmachtsanfall bekommen ließ. Er war gnadenlos in seinen Äußerungen, um sich nicht noch einmal in einer Frau zu verlieren. In solchen Momenten war es ihm egal, was sein Gegenüber empfand, ja sogar, ob sie überhaupt überlebte.
Doch dann kam diese impertinente Person Feechen in sein Leben. Er hatte sich sein kleines Stelldichein mit ihr so leicht vorgestellt. Sie schrieben sich, selten sahen sie sich. Ihm reichte das vollkommen. Er verstand jedoch nicht, was mit ihm vorging, als er plötzlich begann, sich zu fragen, wie sie ihren Tag verbrachte, was sie auf Arbeit erlebte und welche Meinung sie zu einem Thema hatte, das sie gerade besprachen. Seine Schreiben an sie wurden länger, häufiger, intensiver. Er begann, sich zu ärgern, wenn er lange Tage nichts von ihr las oder hörte. Dieses Verhalten gefiel ihm nicht, merkte er doch, dass sein gesamtes Denken davon in Anspruch genommen wurde. Feechen, diese dumme Mädchen, begann in jener Zeit, die Gespräche in eine Richtung zu lenken, die immer mehr darauf hindeutete, eine feste Verbindung zwischen ihnen beiden entstehen zu lassen und sich häufiger mit ihm treffen zu wollen. Für Herrn Chilli war das zuviel.  Bis zu einem gewissen Punkt konnte er mit ihrer Verbindung umgehen, aber weiter wollte er nicht gehen. Er musste sie loswerden. Hasstiraden folgten in seinen Briefen, er ließ sich nicht auf sie ein, wenn sie mit ihm zu sprechen wünschte, er meldete sich nicht mehr bei ihr. Ihr jedoch schien das nichts auszumachen. Sie nahm seine Beschimpfungen hin, ließ ihn gewähren, was bis zu drei Monaten dauern konnte, um sich dann auf´s Neue bei ihm anzukündigen. Doch als er vor mehreren Monaten erneut mit ihr brach, war etwas anders. Sie, Feechen, die sich immer meldete, sagte nichts mehr, schrieb nicht mehr, meldete sich nicht mehr... Und er ärgert sich darüber...aber er wird sie niemals kontaktieren! Das verstößt gegen sein Prinzip, nie mehr den ersten Schritt auf eine Dame zuzugehen. Zudem müsste er seine Schande, die zu diesem Bruch geführt hatte, eingestehen. Nie!
Herr Chilli erhebt sich mürrisch aus seinem Ohrensessel und verlässt verstimmt den Raum.
© JanaPetrat

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