Hinter dem Dorf aus Lehmhäusern
erstreckt sich Jaisalmer, die goldene Stadt, gebaut aus Sandstein, deren Fort
in der Abendsonne orange-golden schimmert.
Herr Chilli und Anjali Malhotra stehen im Wüstensand vor einem dieser Häuser und sehen sich das farbenprächtige Naturschauspiel an, das sich jeden Abend auf´s Neue ereignet. Das Sonnenlicht, das auf Jaisalmer scheint, versinkt in den Tönen rot-orange und geht in der heranbrechenden Dunkelheit über in ein graublau. Später wird die Stadt nur noch von den Fackeln, die an den Festungsmauern befestigt sind, spärlich gelb erhellt sein.
Herr Chilli und Anjali Malhotra stehen im Wüstensand vor einem dieser Häuser und sehen sich das farbenprächtige Naturschauspiel an, das sich jeden Abend auf´s Neue ereignet. Das Sonnenlicht, das auf Jaisalmer scheint, versinkt in den Tönen rot-orange und geht in der heranbrechenden Dunkelheit über in ein graublau. Später wird die Stadt nur noch von den Fackeln, die an den Festungsmauern befestigt sind, spärlich gelb erhellt sein.
Als die Sonne fast versunken
ist, schaut Herr Chilli in das weite, vor ihm liegende, von Dünen durchzogene
Land und denkt an die vergangenen fünf Monate, während denen er mit seiner
Begleitung und Übersetzerin Anjali Malhotra, die inzwischen seine Vertraute ist
und mit der er viel während dieser Zeit erlebt hat, durch Indien reiste.
Mit einem alten, rostigen, aber
fahrtüchtigen Automobil fuhren sie von Srinagar nach Jhelum, um dort in die
Eisenbahn zu steigen, die sie nach Delhi brachte.
Delhi empfing die zwei Reisenden
mit Straßen voller Menschen; Stände, an denen Händler ihre Ware anpriesen;
Kühen, die die Fahrbahnen versperrten und Affen, die auf den im Kolonialstil
errichteten Häusern herumsprangen. Anjali wollte zuerst Hindugott Ganesh für
die Reise danken, die sie bis dorthin ohne Hindernisse überstanden hatten. Vor
einem Hindutempel zog sie ihre Sandalen aus, zeichnete sich einen grauen Strich
in ihre Stirnmitte und berührte ein Glöckchen am Eingang des Tempels, um vor
bösen Einflüssen geschützt zu werden, um dann das Heiligtum zu betreten. Sie
verneigte sich vor dem beliebten elefantenköpfigen Ganesh und entzündete ein
Räucherstäbchen. Wie die übrigen Gläubigen sagte sie ihre Puja (Gebet)
auf. Circa 15 Minuten verbrachte sie im Inneren der heiligen Stätte, während
Herr Chilli auf der Straße auf sie wartete und den Affen beim Stibitzen der
Opfergaben, bestehend aus Früchten und Reis, zusah.
Unweit der Hauptstraße
erklangen stimmliche Töne eines hinduistischen Liedes durch die Gassen. Herr
Chilli und Anjali folgten dem Gesang und trafen auf eine Schule, vor der ein
Grüppchen Kinder "Om Jai Jagdish Hare" mit ihrem Lehrer sangen.
Dieses Lied war ein Gebet und wird überall auf der Welt von Hindus gesungen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen blieben Herr Chilli und Anjali vor dem Zaun
der Schule stehen, bis die Kinder geendet hatten, um dann in einem kleinen
Restaurant in einer der vielen Gassen Delhis eine Kleinigkeit zu essen und Chai
zu trinken.
Am Abend wurden sie auf einer
Gesellschaft reicher Inder erwartet, auf der Herrn Chilli ein indischer Autor
vorgestellt wurde, der ein Buch über Indiens Verkehrswachstum im Innland in den
letzten 50 Jahren schrieb. Die beiden Herren kamen geschäftlich überein und so
konnte Herr Chilli am Ende des Abends sicher sein, dass er ein neues Buch in
seinem indischen Bibliotheksabschnitt in der Bibliothek seiner Heimatstadt sein
Eigen nennen konnte.
Der Aufenthalt in Delhli
dauerte einen Monat, in dem Anjali und Herr Chilli Anjalis Mutter - eine Aja in
reichem britischem Hause - besuchten und die Sehenswürdigkeiten der Stadt
ansahen. Anjali bemühte sich, Herrn Chilli eine gute Reisebegleiterin zu sein.
Oft fuhren sie mit der Rikscha durch Delhi, da vom vielen Laufen ihre Beine
schwer wurden. So war es ihnen möglich, in die verwinkelsten Ecken der Stadt zu
gelangen, die nur Einheimischen bekannt sind. Sie lachten viel, machten ihre
Späßchen über die Eigenheiten des Indischen Volkes und verbrachten eine
angenehm entspannte Zeit.
Mit der indischen Eisenbahn
ging es entlang der nepalesischen Grenze nach Assam. Der Zug war überfüllt, die
Temperatur im Zug betrug oft 50°C, denn es waren die wärmsten Monate des
Jahres, in denen die zwei Reisenden unterwegs waren. Da der Zug eines der
Haupttransportmittel in Indien war, drängten sich Menschenmassen eng
aneinander. Alte Inder, Mütter mit Kindern und kranke Leute bekamen zumeist
einen Sitzplatz, doch der Rest der Menge stand in den Abteilen, auf den Gängen
und steckte die Köpfe aus den Fenstern der Wagons, als es allzu warm wurde. Die
Menschen transportierten von Lebensmitteln über Haushaltswaren bis hin zu
lebendem Nutzvieh alles, was der Leser sich denken kann. Ganze Möbelstücke
wurden zuoberst auf dem Dach des Zuges angebunden, und Herrn Chilli erstaunte
es immer wieder, dass diese während der Fahrt nicht herunterfielen. Aber in all
den Jahren, in denen es die Eisenbahn bereits gab, übten sich die Menschen in
geschicktem Anbringen sperriger Gegenstände.
Wenn die Tage während der Reise
zu heiß waren, kam es vor, dass man am nächsten Bahnhof einen Inder mit einem
kleinen Bauchladen auf dem Bahnhof stehen sah, der Wasser verkaufte. Von solch
einem Händler machten Anjali und Herr Chilli reichlich Gebrauch. Oder aber sie
kauften sich saftige, knackige Melonen, um ihren Durst zu stillen, ebenfalls
von einem pfiffigen Händler auf einem anderen Bahnhof. Anjali sorgte die ganze
Zeit während der Reise dafür, dass Herr Chilli nicht übers Ohr gehauen wurde,
denn die Inder waren raffiniert genug, bei Ausländern selbst aus dem Verkauf
eines Gefäßes mit Wasser mehrere Prozent Profit zu schlagen. Obwohl Herr
Chilli selbst ein halber Inder ist, war es Anjali ein Bedürfnis, ihren Gast vor
Gaunern zu beschützen. Herr Chilli dankte es ihr jedes Mal mit einem zu Herzen
gehenden Lächeln, das Anjali ganz verlegen machte.
In Darjiling besuchten die Zwei
eine alte Teeplantage. Fleißige Inderinnen standen hüfthoch zwischen
Teepflanzen und pflückten die knackig grünen Blättchen, um sie in Körben zu
sammeln und diese auf ihren Köpfen in das angrenzende Dorf zur Sammelstelle zu
tragen, wo die Körbe gewogen wurden und die Damen nach getaner Arbeit
ihren Arbeitslohn bekamen.
Herr Chilli und Anjali wurden
von einem Besitzer einer dieser Teeplantagen eingeladen, an einer Teeverkostung
teilzunehmen. Der Herr nahm sich die Zeit und erklärte beiden die
geschmacklichen Variationen des Tees und zudem wie und wo der Tee
weiterverarbeitet wurde, um ihn nach Europa zu verschiffen.
Herr Chilli erstand ein
weiteres Buch über den Teeanbau und -handel, das er in seine Bibliothek
mitnehmen konnte.
Ihre letzte Reisestation war
Kota, wo Anjalis Onkel lebt, der in der Stadt als Baumwollpflanzer arbeitet. Er
lud Anjali und Herrn Chili zum Mithelfen bei der anstehenden Baumwollernte ein,
was jedoch damit endete, dass die beiden sich mit den Baumwollkapseln bewarfen
und wie zwei Kinder zwischen den Baumwollerntern umhertollten. Nach erholsamen
Tagen bei ihrem Onkel fuhren Herr Chilli und Anjali mit dem Automobil zum
Endpunkt ihrer Reise.
Sie kamen in dem Dorf in
Sichtweite der Stadt Jaisalmer an, in dem in einer Lehmhütte die Oma Anjalis
lebt. Sie wurden herzlich Willkommen geheißen und zur Freude ihrer Ankunft
bereitete man ihnen ein üppiges Mahl in dem spärlichen Lehmhaus, in welchem
zwei Betten, ein Tisch, Stühle, ein Ofen und zwei Schränke Platz finden. Anjali
erklärte Herrn Chilli, dass die Bewohner des Dorfes von den Einkünften der
Kameltreiber, zu denen auch ihr Opa zählt, leben. Sie führen ein bescheidenes,
aber zufriedenes Leben, unabhängig von der großen Stadt Jaisalmer.
Tage später stehen Anjali und
Herr Chilli vor der Hütte und hängen gedanklich den Ereignissen ihrer
Reise nach. Herr Chilli sieht die Stationen deutlich vor sich und blickt
währenddessen in den unendlichen Himmel, bedeckt von leuchtenden Sternen. Es
ist still geworden. Die Dorfbewohner sind in ihre Behausungen gekehrt, um sich
bis zum kommenden Tag dem Schlaf hinzugeben.
Langsam, aber unaufhörlich
intensiver werdend, beginnt es plötzlich zu regnen. Herr Chilli und Anjali
sehen sich an, es steht die Frage im Raum, ob sie draußen verharren oder in die
Hütte gehen sollen. Doch sie kommen still überein, dieses erfrischende Nass zu
genießen.
Anjali hebt ihren Kopf, schaut
zum Himmel und lässt den Regen in ihr Gesicht tropfen. Ihre Haut wird vom
Wasser benässt, Tropfen wie Perlen bilden sich auf ihr. Sie rinnen Anjalis Hals
und Arme hinab. Anjali schließt die Augen, genießt die angenehme Kühle nach den
heißen Tagen und nimmt sanft Herrn Chillis Hände in die ihren. So stehen sie
gemeinsam da, vereint, während ihrer beider Kleidung durchnässt, sodass die
Konturen ihrer Körper sich deutlich durch den Stoff abzeichnen. Sie genießen
das Rauschen des Wassers, die Einsamkeit in der weiten Wüstenlandschaft und
ihre ihnen vertraut gewordene Nähe zueinander. Keiner der beiden bewegt sich,
nur ihre Brustkörbe heben und senken sich durch ihren Atem. Herr Chilli senkt
ein wenig den Kopf und betrachtet diese glatte, haselnussbraune Haut der Frau
mit den braunen Katzenaugen und ihrem schwarzen Haar, das aussieht, als wäre es
aus Satin. Er denkt plötzlich, würde man ihn jetzt angreifen und töten, es gäbe
keinen schöneren Moment zum Sterben. Er spürt ihre Hände in seinen und fühlt
vollkommene Harmonie, die er gegen nichts auf dieser Welt eintauschen
würde.
Für beide scheint dieser Regen
wie ein Abschiedsgeschenk nach ihrer langen, von Hitze durchzogenen Reise zu
sein, während der sie Freunde wurden.
© JanaPetrat
© JanaPetrat
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen