Mittwoch, 25. April 2012

IX: Mit der Eisenbahn durch Indien - Herr Chilli



Hinter dem Dorf aus Lehmhäusern erstreckt sich Jaisalmer, die goldene Stadt, gebaut aus Sandstein, deren Fort in der Abendsonne orange-golden schimmert.
Herr Chilli und Anjali Malhotra stehen im Wüstensand vor einem dieser Häuser und sehen sich das farbenprächtige Naturschauspiel an, das sich jeden Abend auf´s Neue ereignet. Das Sonnenlicht, das auf  Jaisalmer scheint, versinkt in den Tönen rot-orange und geht  in der heranbrechenden Dunkelheit über in ein graublau. Später wird die Stadt nur noch von den Fackeln, die an den Festungsmauern befestigt sind, spärlich gelb erhellt sein.
Als die Sonne fast versunken ist, schaut Herr Chilli in das weite, vor ihm liegende, von Dünen durchzogene Land und denkt an die vergangenen fünf Monate, während denen er mit seiner Begleitung und Übersetzerin Anjali Malhotra, die inzwischen seine Vertraute ist und mit der er viel während dieser Zeit erlebt hat, durch Indien reiste.

Mit einem alten, rostigen, aber fahrtüchtigen Automobil fuhren sie von Srinagar nach Jhelum, um dort in die Eisenbahn zu steigen, die sie nach Delhi brachte.
Delhi empfing die zwei Reisenden mit Straßen voller Menschen; Stände, an denen Händler ihre Ware anpriesen; Kühen, die die Fahrbahnen versperrten und Affen, die auf den im Kolonialstil errichteten Häusern herumsprangen. Anjali wollte zuerst Hindugott Ganesh für die Reise danken, die sie bis dorthin ohne Hindernisse überstanden hatten. Vor einem Hindutempel zog sie ihre Sandalen aus, zeichnete sich einen grauen Strich in ihre Stirnmitte und berührte ein Glöckchen am Eingang des Tempels, um vor bösen Einflüssen geschützt zu werden, um dann das Heiligtum zu betreten. Sie verneigte sich vor dem beliebten elefantenköpfigen Ganesh und entzündete ein  Räucherstäbchen. Wie die übrigen Gläubigen sagte sie ihre Puja (Gebet) auf. Circa 15 Minuten verbrachte sie im Inneren der heiligen Stätte, während Herr Chilli auf der Straße auf sie wartete und den Affen beim Stibitzen der Opfergaben, bestehend aus Früchten und Reis, zusah.
Unweit der Hauptstraße erklangen stimmliche Töne eines hinduistischen Liedes durch die Gassen. Herr Chilli und Anjali folgten dem Gesang und trafen auf eine Schule, vor der ein Grüppchen Kinder "Om Jai Jagdish Hare" mit ihrem Lehrer sangen. Dieses Lied war ein Gebet und wird überall auf der Welt von Hindus gesungen. Mit einem Lächeln auf den Lippen blieben Herr Chilli und Anjali vor dem Zaun der Schule stehen, bis die Kinder geendet hatten, um dann in einem kleinen Restaurant in einer der vielen Gassen Delhis eine Kleinigkeit zu essen und Chai zu trinken.
Am Abend wurden sie auf einer Gesellschaft reicher Inder erwartet, auf der Herrn Chilli ein indischer Autor vorgestellt wurde, der ein Buch über Indiens Verkehrswachstum im Innland in den letzten 50 Jahren schrieb. Die beiden Herren kamen geschäftlich überein und so konnte Herr Chilli am Ende des Abends sicher sein, dass er ein neues Buch in seinem indischen Bibliotheksabschnitt in der Bibliothek seiner Heimatstadt sein Eigen nennen konnte.
Der Aufenthalt in Delhli dauerte einen Monat, in dem Anjali und Herr Chilli Anjalis Mutter - eine Aja in reichem britischem Hause - besuchten und die Sehenswürdigkeiten der Stadt ansahen. Anjali bemühte sich, Herrn Chilli eine gute Reisebegleiterin zu sein. Oft fuhren sie mit der Rikscha durch Delhi, da vom vielen Laufen ihre Beine schwer wurden. So war es ihnen möglich, in die verwinkelsten Ecken der Stadt zu gelangen, die nur Einheimischen bekannt sind. Sie lachten viel, machten ihre Späßchen über die Eigenheiten des Indischen Volkes und verbrachten eine angenehm entspannte Zeit.

Mit der indischen Eisenbahn ging es entlang der nepalesischen Grenze nach Assam. Der Zug war überfüllt, die Temperatur im Zug betrug oft 50°C, denn es waren die wärmsten Monate des Jahres, in denen die zwei Reisenden unterwegs waren. Da der Zug eines der Haupttransportmittel in Indien war, drängten sich Menschenmassen eng aneinander. Alte Inder, Mütter mit Kindern und kranke Leute bekamen zumeist einen Sitzplatz, doch der Rest der Menge stand in den Abteilen, auf den Gängen und steckte die Köpfe aus den Fenstern der Wagons, als es allzu warm wurde. Die Menschen transportierten von Lebensmitteln über Haushaltswaren bis hin zu lebendem Nutzvieh alles, was der Leser sich denken kann. Ganze Möbelstücke wurden zuoberst auf dem Dach des Zuges angebunden, und Herrn Chilli erstaunte es immer wieder, dass diese während der Fahrt nicht herunterfielen. Aber in all den Jahren, in denen es die Eisenbahn bereits gab, übten sich die Menschen in geschicktem Anbringen sperriger Gegenstände.
Wenn die Tage während der Reise zu heiß waren, kam es vor, dass man am nächsten Bahnhof einen Inder mit einem kleinen Bauchladen auf dem Bahnhof stehen sah, der Wasser verkaufte. Von solch einem Händler machten Anjali und Herr Chilli reichlich Gebrauch. Oder aber sie kauften sich saftige, knackige Melonen, um ihren Durst zu stillen, ebenfalls von einem pfiffigen Händler auf einem anderen Bahnhof. Anjali sorgte die ganze Zeit während der Reise dafür, dass Herr Chilli nicht übers Ohr gehauen wurde, denn die Inder waren raffiniert genug, bei Ausländern selbst aus dem Verkauf eines Gefäßes mit Wasser mehrere Prozent Profit zu schlagen. Obwohl Herr Chilli selbst ein halber Inder ist, war es Anjali ein Bedürfnis, ihren Gast vor Gaunern zu beschützen. Herr Chilli dankte es ihr jedes Mal mit einem zu Herzen gehenden Lächeln, das Anjali ganz verlegen machte.

In Darjiling besuchten die Zwei eine alte Teeplantage. Fleißige Inderinnen standen hüfthoch zwischen Teepflanzen und pflückten die knackig grünen Blättchen, um sie in Körben zu sammeln und diese auf ihren Köpfen in das angrenzende Dorf zur Sammelstelle zu tragen, wo die  Körbe gewogen wurden und die Damen nach getaner Arbeit ihren Arbeitslohn bekamen. 
Herr Chilli und Anjali wurden von einem Besitzer einer dieser Teeplantagen eingeladen, an einer Teeverkostung teilzunehmen. Der Herr nahm sich die Zeit und erklärte beiden die geschmacklichen Variationen des Tees und zudem wie und wo der Tee weiterverarbeitet wurde, um ihn nach Europa zu verschiffen.
Herr Chilli erstand ein weiteres Buch über den Teeanbau und -handel, das er in seine Bibliothek mitnehmen konnte.

Ihre letzte Reisestation war Kota, wo Anjalis Onkel lebt, der in der Stadt als Baumwollpflanzer arbeitet. Er lud Anjali und Herrn Chili zum Mithelfen bei der anstehenden Baumwollernte ein, was jedoch damit endete, dass die beiden sich mit den Baumwollkapseln bewarfen und wie zwei Kinder zwischen den Baumwollerntern umhertollten. Nach erholsamen Tagen bei ihrem Onkel fuhren Herr Chilli und Anjali mit dem Automobil zum Endpunkt ihrer Reise.

Sie kamen in dem Dorf in Sichtweite der Stadt Jaisalmer an, in dem in einer Lehmhütte die Oma Anjalis lebt. Sie wurden herzlich Willkommen geheißen und zur Freude ihrer Ankunft bereitete man ihnen ein üppiges Mahl in dem spärlichen Lehmhaus, in welchem zwei Betten, ein Tisch, Stühle, ein Ofen und zwei Schränke Platz finden. Anjali erklärte Herrn Chilli, dass die Bewohner des Dorfes von den Einkünften der Kameltreiber, zu denen auch ihr Opa zählt, leben. Sie führen ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben, unabhängig von der großen Stadt Jaisalmer.

Tage später stehen Anjali und  Herr Chilli vor der Hütte und hängen gedanklich den Ereignissen ihrer Reise nach. Herr Chilli sieht die Stationen deutlich vor sich und blickt währenddessen in den unendlichen Himmel, bedeckt von leuchtenden Sternen. Es ist still geworden. Die Dorfbewohner sind in ihre Behausungen gekehrt, um sich bis zum kommenden Tag dem Schlaf hinzugeben. 
Langsam, aber unaufhörlich intensiver werdend, beginnt es plötzlich zu regnen. Herr Chilli und Anjali sehen sich an, es steht die Frage im Raum, ob sie draußen verharren oder in die Hütte gehen sollen. Doch sie kommen still überein, dieses erfrischende Nass zu genießen. 
Anjali hebt ihren Kopf, schaut zum Himmel und lässt den Regen in ihr Gesicht tropfen. Ihre Haut wird vom Wasser benässt, Tropfen wie Perlen bilden sich auf ihr. Sie rinnen Anjalis Hals und Arme hinab. Anjali schließt die Augen, genießt die angenehme Kühle nach den heißen Tagen und nimmt sanft Herrn Chillis Hände in die ihren. So stehen sie gemeinsam da, vereint, während ihrer beider Kleidung durchnässt, sodass die Konturen ihrer Körper sich deutlich durch den Stoff abzeichnen. Sie genießen das Rauschen des Wassers, die Einsamkeit in der weiten Wüstenlandschaft und ihre ihnen vertraut gewordene Nähe zueinander. Keiner der beiden bewegt sich, nur ihre Brustkörbe heben und senken sich durch ihren Atem. Herr Chilli senkt ein wenig den Kopf und betrachtet diese glatte, haselnussbraune Haut der Frau mit den braunen Katzenaugen und ihrem schwarzen Haar, das aussieht, als wäre es aus Satin. Er denkt plötzlich, würde man ihn jetzt angreifen und töten, es gäbe keinen schöneren Moment zum Sterben. Er spürt ihre Hände in seinen und fühlt vollkommene Harmonie, die er gegen nichts auf dieser Welt eintauschen würde. 
Für beide scheint dieser Regen wie ein Abschiedsgeschenk nach ihrer langen, von Hitze durchzogenen Reise zu sein, während der sie Freunde wurden.
© JanaPetrat

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